»Und der Wurm kommt immer, wie?« fragte Halleck.
»Immer.«
Paul beugte sich vor und berührte Kynes' Schulter. »Wie groß ist so ein Gebiet, das ein Wurm für sich beansprucht?«
Kynes runzelte die Stirn. Das Kind stellte ihm Fragen, die er von Kindern nicht erwartet hatte.
»Das hängt von der Größe des Wurmes ab.«
»Und das äußert sich wie?« fragte der Herzog.
»Große Würmer kontrollieren vielleicht drei- oder vierhundert Quadratkilometer. Kleinere …« Als der Herzog eine scharfe Rechtskurve einlegte, brach er ab. Die Maschine bockte, beruhigte sich jedoch gleich wieder. Die Schwingen blähten sich auf und füllten sich mit Luft. Sanft glitten sie dahin, während der Herzog nach Osten deutete.
»Ist das ein Wurmzeichen?«
Kynes sah in die angegebene Richtung.
Paul und Halleck prallten beinahe zusammen, als sie sich gleichzeitig vorbeugten, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Die Eskorte, die zunächst an ihnen vorbeigeflogen war, zog eine Schleife und kehrte zurück. Die Erntefabrik lag nun genau vor ihnen, etwa drei Kilometer entfernt.
In der Richtung des ausgestreckten Zeigefingers des Herzogs konnte man eine schnurgerade Linie erkennen, deren Spitze sich langsam durch die Dünenlandschaft bewegte. Die sich vorwärtsbewegende Sandwelle erinnerte Paul an aufkräuselndes Wasser, das entstand, wenn sich ein großer Fisch dicht unter der Oberfläche eines Gewässers bewegte.
»Ein Wurm«, bestätigte Kynes. »Und ein ziemlich großer.« Er lehnte sich zurück, nahm das Mikrofon vom Armaturenbrett und stellte es auf eine neue Frequenz ein. Während er auf die vor ihnen hängende Karte blickte, sagte er laut: »Fabrik bei Delta Ajax Neun. Wurmzeichenwarnung! Fabrik bei Delta Ajax Neun. Wurmzeichenwarnung! Bestätigen Sie bitte.« Er wartete.
Aus dem Lautsprecher erklang das Krachen statischer Entladungen, dann erwiderte eine Stimme: »Wer ruft Delta Ajax Neun? Bitte kommen.«
»Die Leute da unten scheinen mir ziemlich kaltblütig zu sein«, stellte Halleck fest.
Kynes sagte in das Mikrofon: »Außerplanmäßiger Flug. Drei Kilometer nordöstlich von Ihnen. Wurmzeichen auf Kollisionskurs, geschätztes Zusammentreffen fünfundzwanzig Minuten.«
Eine andere Stimme aus dem Lautsprecher brummte: »Hier ist das Spähkommando. Wurmzeichen entdeckt. Bitte auf Zeitüberprüfung warten.« Nach einer kurzen Pause fuhr die Stimme fort: »Kollision in sechsundzwanzig Minuten. Das war eine verdammt gute Schätzung. Wer befindet sich an Bord des außerplanmäßigen Fluges? Bitte kommen.«
Halleck löste seinen Sicherheitsgurt und zwängte sich zwischen die Vordersitze zwischen dem Herzog und Kynes. »Ist dies die reguläre Arbeitsfrequenz, Kynes?«
»Ja. Warum fragen Sie?«
»Wer hört uns zu?«
»Nur die Arbeitsgruppe dieses Gebietes. Die Reichweite ist ziemlich begrenzt.«
Erneut erwachte der Lautsprecher zum Leben. Der Mann am anderen Ende der Verbindung meldete sich: »Hier spricht Ajax Delta Neun. Wer bekommt den Bonus für die Warnung? Bitte kommen.«
Halleck warf dem Herzog einen Blick zu.
Kynes sagte: »Es ist üblich, demjenigen, der zuerst eine Warnung abgibt, einen Bonus zu zahlen. Sie möchten wissen, wem …«
»Dann sagen Sie ihm, wer den Wurm zuerst gesehen hat«, meinte Halleck.
Der Herzog nickte.
Kynes zögerte zunächst, dann griff er doch wieder zum Mikrofon. »Der Bonus geht an Herzog Leto Atreides. Herzog Leto Atreides. Bitte kommen.«
Die Antwort klang dünn und war von zahlreichen Störgeräuschen überlagert. »Wir haben verstanden und danken Ihnen.«
»Sagen Sie den Leuten, sie sollen den Bonus unter sich selbst aufteilen«, ordnete Halleck an. »Der Herzog wünscht es so.«
Kynes nahm einen tiefen Atemzug und fügte hinzu: »Der Herzog möchte, daß der Bonus unter Ihrer Mannschaft verteilt wird. Haben Sie verstanden? Bitte kommen.«
»Verstanden und vielen Dank«, erwiderte der Sprecher der Erntefabrik.
Der Herzog meinte schmunzelnd: »Ich habe völlig vergessen zu erwähnen, daß Gurney ein ziemliches Talent auf dem Gebiet Public Relations ist.«
Kynes musterte Halleck mit einem verblüfften Augenaufschlag.
»Die Männer sollen erfahren, daß der Herzog sich ihretwegen Sorgen macht«, erklärte Halleck. »Das wird sich herumsprechen. Da wir es über eine Arbeitsfrequenz gemacht haben, besteht keine große Möglichkeit, daß irgendwelche Spitzel der Harkonnens zugehört haben!« Er deutete auf die Begleiteskorte. »Wir haben ein gutes Beispiel unserer Fähigkeiten abgegeben.«
Der Herzog steuerte nun die Sandwolke über der Erntefabrik an. »Und was geschieht jetzt?«
»Ein Carryall-Geschwader befindet sich in der Nähe«, erwiderte Kynes. »Es wird gleich kommen und die Fabrik vom Boden aufnehmen.«
»Was würde passieren, wenn der Carryall nicht richtig funktioniert?« warf Halleck ein.
Der Planetologe sagte trocken: »Das kommt hin und wieder vor. Aber gehen Sie doch noch ein wenig näher heran, Mylord. Es dürfte ziemlich interessant für Sie werden.«
Paul schaute nach unten und sah, wie der Sand in großen Wolken aus dem Bauch der monströsen Erntemaschine hinausgespien wurde. Die an den Auslegern befestigten Raupenketten erinnerten ihn an die Beine eines exotischen Käfers. Große Trichter an der Stirnseite des Kriechers saugten den Wüstensand in sich hinein und führten ihn großen Zentrifugen zu.
»Die Farbe deutet auf ein gutes Abbaugebiet hin«, erklärte Kynes. »Die Männer werden bis zur letzten Minute weiterarbeiten.«
Der Herzog führte den Schwingen etwas mehr Energie zu und setzte zu einem Gleitflug über den Kriecher an. Die Reflexion der Schwingen zeigte, daß die Maschine auf einem ebenen Kurs lag.
Paul musterte die Sandfontäne, die aus dem schornsteinähnlichen Instrument auf der Oberseite der Fabrik flog. Dann wandte er sich wieder der langsam näherkommenden Sandwelle zu, unter der sich der Wurm näherte.
»Müßten wir nicht jetzt schon die Funksprüche der Leute in dem Carryall hören?« fragte Halleck besorgt.
»Sie unterhalten sich auf einer anderen Frequenz«, informierte Kynes ihn.
»Wäre es nicht besser, man hielte in der Nähe einer jeden Fabrik zwei Carryalls bereit?« fragte der Herzog. »Immerhin befinden sich auf der Maschine da unten sechsundzwanzig Männer. Von der Ausrüstung gar nicht zu reden.«
Kynes erwiderte: »Sie haben nicht genug Erfah…«
Er brach plötzlich ab, als eine nervöse Stimme aus dem Lautsprecher sagte: »Sieht jemand von euch den Carryall? Er antwortet nicht!«
Ein Stimmengewirr kam aus dem Lautsprecher, gefolgt von einer plötzlichen Stille. Dann sagte der Mann aus der Fabrik: »Späher der Reihe nach melden. Kommen!«
»Hier Spähkommando. Leitung. Wir haben den Carryall zuletzt in nordwestlicher Richtung ausgemacht. Er flog ziemlich hoch. Momentan ist er nicht mehr zu sehen. Kommen!«
»Späher eins meldet: negativ. Kommen.«
»Späher zwei meldet: negativ. Kommen.«
»Späher drei meldet: negativ. Ende.«
Stille.
Der Herzog schaute nach unten. Der Schatten seiner eigenen Maschine glitt soeben über der Oberfläche der Erntefabrik dahin. »Es sind also vier Spähflugzeuge, nicht wahr?«
»Genau«, erwiderte Kynes.
» Wir sind zu fünft«, fuhr der Herzog fort. »Und unsere Maschinen sind größer als die Spähflugzeuge. Wir könnten in jeder Maschine drei Mann zusätzlich aufnehmen. Die Späher könnten zwei Mann unterbringen.«
Paul, der im Kopf sofort mitrechnete, sagte: »Das bedeutet, daß drei Mann übrigbleiben.«
»Warum, zum Teufel, stattet man nicht jeden Kriecher mit zwei Carryalls aus?« fluchte der Herzog.
»Weil ihre Ausrüstung begrenzt ist«, sagte Kynes.
»Gerade deshalb sollten wir noch stärker auf sie achtgeben.«
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