Eine andere Stimme schrie aus dem Korridor der Vergangenheit ihr zu: »Niemals werden wir vergessen! Und niemals je vergeben!«
Ihre Aufmerksamkeit konzentrierte sich nun auf das Wasser des Lebens und seinen Ursprung: es handelte sich um die flüssige Ausdünstung eines sterbenden Sandwurms, eines Bringers. Und als ihr bewußt wurde, wie man ihn getötet hatte, mußte sie einen Aufschrei unterdrücken.
Man hatte das Geschöpf ertränkt!
»Mutter, bist du in Ordnung?«
Pauls Stimme drang zu ihr hindurch, und Jessica zwang sich dazu, widerstrebend zu ihm aufzuschauen. Sie war sich dessen bewußt, daß sie ihm gegenüber eine Pflicht zu erfüllen hatte, aber im Moment empfand sie seine Anwesenheit als störend.
Ich bin wie ein Mensch, dessen Tastsinn man das ganze Leben über unterdrückt hat und dem man es jetzt aufzwingt, Dinge zu berühren.
Der Gedanke zog sie in seinen Bann.
Und ich sage: »Schaut her zu mir! Ich habe Hände!« Und die um mich herum fragen: »Hände? Was sind Hände?«
»Bist du in Ordnung?« fragte Paul wieder.
»Ja.«
»Kann ich das ohne weiteres trinken?« fragte er und deutete auf Chani, die immer noch mit dem Wassersack in den Händen dastand. »Die anderen möchten, daß ich es trinke.«
Sie verstand die versteckte Frage hinter seinen Worten und wußte, daß er das Gift in der Flüssigkeit gespürt hatte und sich nun ihretwegen Sorgen machte. Ihr fiel auf, daß seine Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, sehr beschränkt sein mußte. Allein seine Frage deutete darauf hin, daß er sich unsicher fühlte.
»Du kannst es trinken«, erwiderte sie. »Es ist nicht mehr dasselbe.« Sie sah ihm nach und entdeckte in seiner Nähe Stilgar, dessen dunkle Augen sie nachdenklich musterten.
»Jetzt wissen wir, daß du uns nicht getäuscht hast«, sagte er.
Auch aus seinen Worten klang eine versteckte Bedeutung heraus, die eine Analyse der Nachwirkungen der Droge jedoch nicht zuließ. Wie warm und angenehm das alles war. Wie herrlich, daß die Fremen ihr diese einmalige Erfahrung hatten zuteil werden lassen.
Paul sah, daß seine Mutter im Augenblick nicht mehr ansprechbar war. Die Droge hatte sie noch im Griff. Er überprüfte seine Erinnerungen: die gerade abgeschlossene Vergangenheit und die fließenden Linien möglicher Zukünfte. Er schien durch verschlossene Zeitkorridore zu sehen, die der Linse seines inneren Auges Widerstand boten. Die einzelnen Fragmente, die er sah, waren schwer interpretierbar. Er schüttelte den Kopf und zog sich aus dem Strom zurück.
Diese Droge — er wußte etwas über sie und begann zu verstehen, was sie mit seiner Mutter angestellt hatte. Dennoch ließ sein Wissen einen natürlichen Rhythmus vermissen.
Er stellte plötzlich fest, daß es ein Unterschied war, wenn man von der Vergangenheit aus die Gegenwart sah oder man von dem aus, was man über die Vergangenheit wußte, den Versuch unternahm, Schlüsse über die Zukunft zu ziehen.
Die Dinge beharrten scheinbar darauf, nicht das zu sein, was sie vordergründig zu sein schienen.
»Trink das«, sagte Chani und hielt ihm das Mundstück des Schlauches unter die Nase.
Paul richtete sich auf und sah sie an. Irgendwie schien eine Karnevalsatmosphäre in der Luft zu liegen. Er wußte, was passieren würde, wenn er von dieser Gewürzdroge trank, die eine seltsame Substanz enthielt. Sie würde auch ihn verändern. Es würden neue Zukunftsvisionen auf ihn einstürmen, die ihn in einen anderen Raum abdrängen und gefangennehmen würden, ohne daß er sich gegen sie zur Wehr setzen konnte.
Hinter Chanis Rücken sagte Stilgar: »Trink es ruhig, mein Junge. Sonst hältst du das Ritual auf.«
Paul horchte auf die Geräusche der Menge. Wildheit war in den Stimmen der Menschen. Sie riefen »Lisan al-Gaib« und »Muad'dib«. Seine Mutter hatte eine sitzende Position eingenommen und schien in einen friedlichen Schlaf gesunken zu sein, sie atmete gleichmäßig und tief. Er erinnerte sich an einen Ausdruck, den er in der Vergangenheit gehört hatte, der aber gleichzeitig seiner Zukunft angehörte: »Sie schläft in den Wassern des Lebens.«
Chani zupfte ihn am Ärmel.
Paul nahm das Mundstück zwischen die Lippen und hörte die Leute jubeln. Als Chani auf den Wassersack drückte, schwappte ihm die Flüssigkeit in den Mund. Er spürte einen bitteren Geschmack. Dann zog Chani das Mundstück zurück und reichte den Sack zwei ausgestreckten Armen entgegen, die jemand von unterhalb der Bühne zu ihr heraufhielt. Pauls Blick haftete an Chanis Arm und sah das grüne Band der Trauer.
Chani richtete sich wieder auf, erwiderte seinen Blick und sagte: »Auch unter dem Glücksgefühl des Wassers kann ich um ihn trauern.« Sie legte ihre Hand in die seine und zog ihn am Bühnenrand entlang fort. »Es gibt eine Sache, die uns beide betrifft, Usul. Wir haben beide unseren Vater durch die Hand der Harkonnens verloren.«
Paul folgte ihr mit einem Gefühl, als sei sein Bewußtsein von seinem Körper plötzlich losgelöst. Seine Beine wurden gefühllos und erschienen ihm wie Gummi.
Sie folgten einem engen Seitengang, der nur von wenigen Leuchtgloben erhellt wurde, und er fühlte, wie die Droge ihn in den Griff bekam. Die Zeit schien sich wie eine Blüte vor ihm zu öffnen. Als sie in einen anderen Gang abbogen, mußte er sich gegen Chani lehnen. Die Mischung aus Nachgiebigkeit und Stärke, die er unter ihrer Robe zu fühlen bekam, brachte sein Blut in Wallung. Diese Entdeckung unter dem Einfluß der Droge führte zu dem einzigartigen Gefühl, daß sich hier Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart trafen und miteinander verschmolzen.
»Ich kenne dich, Chani«, flüsterte er. »Wir haben gemeinsam auf einem Felsen über dem Sand gesessen. Ich tröstete dich in deiner Angst. Wir haben uns in der Dunkelheit des Sietch umarmt und liebkost. Wir haben …« Er kam plötzlich völlig aus dem Konzept und brach kopfschüttelnd ab.
Chani stützte ihn, führte ihn durch einen schweren Vorhang in die gelblich beleuchtete Wärme eines Privatraums. Paul nahm niedrige Tische wahr, Kissen und eine Liege unter einem orangefarbenen Deckengehänge.
Paul stellte fest, daß sie stehengeblieben waren, daß Chani vor ihm stand und sein Gesicht ansah. In ihrem Blick lag sanftes Erschrecken.
»Davon mußt du mir erzählen«, flüsterte sie.
»Du bist Sihaya«, sagte Paul. »Der Wüstenfrühling.«
»Wenn der Stamm sich das Wasser teilt«, erwiderte sie, »sind wir alle eins. Wir … teilen. Ich fühle die anderen, aber ich fürchte mich, mit dir zu sein.«
»Warum?«
Er versuchte seine Gedanken auf das Mädchen zu konzentrieren, aber Vergangenheit und Zukunft begannen sie zu überschatten und brachten ihn in Verwirrung. Sie verschwamm vor seinen Augen, und er fand sie wieder — in zahllosen Variationen innerhalb verschiedener Zeitströme.
»Irgend etwas ist beängstigend an dir«, sagte Chani. »Als ich dich von den anderen wegführte … tat ich es, weil ich fühlte, was die anderen wünschten. Du … übst einen Druck auf die Leute aus. Du bringst uns dazu, Dinge zu sehen.«
Er bemühte sich, deutlich zu sprechen. »Was siehst du?«
Sie schaute auf ihre Hände. »Ich sehe ein Kind … in meinen Armen. Es ist unser Kind, deines und meines.« Erschreckt legte sie eine Hand auf ihren Mund. »Wie kann ich dich nur so genau kennen?«
Auch sie besitzen diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grad, dachte Paul. Aber sie unterdrücken sie, weil sie sich davor fürchten.
In einem Moment der Klarheit sah er, daß Chani zitterte.
»Was ist es, das du mir sagen willst?« fragte er.
»Usul«, flüsterte sie und zitterte immer noch.
»In die Zukunft kann man nicht zurückkehren«, sagte Paul.
Er wurde plötzlich von einem starken Mitleid ergriffen, zog sie an sich und streichelte ihr Haar. »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Chani.«
Читать дальше