»Ja.«
»Wenn du schon damals eine solche Schlauheit besessen hast, kann noch etwas aus dir werden.« Der Baron bewegte abwägend den Kopf. Und wie schon unzählige Male seit jenem schrecklichen Tag auf Arrakis, beklagte er den Verlust seines Mentats Piter. Was subtile Pläne und Verschlagenheit anging, war er nicht zu übertreffen gewesen. Auch wenn ihn das letztendlich nicht gerettet hatte. Erneut schüttelte er den Kopf. Das Schicksal war manchmal unergründlich.
Feyd-Rautha ließ seinen Blick durch den Schlafraum schweifen, studierte die Zeichen des Kampfes und fragte sich, wie es seinem Onkel gelungen war, den Sklaven, den sie so sorgfältig vorbereitet hatten, zu überwinden.
»Wie ich ihn besiegte?« fragte der Baron. »Ah, Feyd, laß mir noch das Geheimnis einiger Waffen, die mich auf meine alten Tage beschützen. Wir sollten die Zeit besser dazu nutzen, eine Übereinkunft zu treffen.«
Feyd-Rautha starrte ihn an. Eine Übereinkunft! Er will mich also auch weiterhin als seinen Erben ansehen. Eine Übereinkunft schloß man nur unter Gleichberechtigten ab — oder beinahe Gleichberechtigten!
»Was für eine Übereinkunft, Onkel?« Und er fühlte sich stolz, daß seine Stimme bei diesen Worten kühl und gelassen geblieben war und nichts von der Ehre verbarg, der er sich ausgesetzt fühlte.
Der Baron nickte. Auch er spürte, daß sein Neffe sich unter vollster Kontrolle hatte. »Du bist aus gutem Material, Feyd. Ich habe keine Lust, das sinnlos zu vergeuden. Du weigerst dich anzuerkennen, daß ich viel von dir halte. Du bist starrsinnig. Du siehst nicht ein, daß mir nichts mehr am Herzen liegt als deine Zukunft. Dies …«, er deutete mit der Hand auf die Spuren des Kampfes, »… war närrisch. Und ich denke nicht daran, eine Narrheit zu belohnen.«
Komm zur Sache, du alter Narr! dachte Feyd-Rautha.
»Du hältst mich für einen alten Narren«, fuhr der Baron fort. »Und davon kann ich dir nur abraten.«
»Du sagtest etwas von einer Übereinkunft.«
»Ah, diese jugendliche Ungeduld«, stöhnte der Baron. »Nun, kommen wir zum Grundsätzlichen: Du wirst in Zukunft auf diese närrischen Anschläge auf mein Leben verzichten. Ich werde, wenn die Zeit für dich gekommen ist, meinen Platz räumen. Ich werde mich dann in eine beratende Funktion zurückziehen und dir die Schalthebel der Macht überlassen.«
»Du willst dich zurückziehen, Onkel?«
»Du hältst mich immer noch für einen Narren«, fügte der Baron hinzu. »Und dies bestärkt dich noch darin, wie? Du glaubst, der alte Narr bittet dich um sein Leben? Sei vorsichtig, Feyd! Immerhin hat dieser alte Narr sehr deutlich die präparierte Nadel gesehen, die du in dem Körper des Sklaven untergebracht hattest. Du hast damit gerechnet, daß ich ihn umarmen würde, wie! Und dann — unter dem kleinsten Druck — hätte es Klick gemacht. Und der alte Narr hätte die Giftnadel in der Handfläche stecken gehabt! Oh, mein lieber Feyd …«
Der Baron schüttelte den Kopf und dachte: Und es hatte auch geklappt, wenn Hawat mich nicht gewarnt hatte. Egal, soll der Junge eben glauben, ich hätte das Komplott von allein gerochen. In gewisser Weise habe ich das auch. Immerhin war ich derjenige, der Hawats Leben rettete. Aber ich muß diesen Burschen davon überzeugen, daß ich mich vor nichts fürchte.
»Du sprachst von einer Übereinkunft«, wiederholte Feyd-Rautha. »Woran können wir ersehen, daß sie auch eingehalten wird?«
»Du meinst, wie wir einander trauen können, nicht wahr?« fragte der Baron lächelnd. »Nun, Feyd, was dich angeht, so werde ich Thufir Hawat auf dich ansetzen. Er soll dich im Auge behalten. In diesem Falle vertraue ich voll auf die Fähigkeit eines Mentaten. Verstehst du mich! Und was mich angeht, so hast du keine andere Wahl, als mir zu vertrauen. Aber ich kann nicht ewig leben, nicht wahr, Feyd? Und vielleicht solltest du anfangen darüber nachzudenken, daß ich Dinge weiß, die du wissen solltest.«
»Ich gebe dir mein Wort — und was gibst du mir dafür?« fragte Feyd-Rautha brüskiert.
»Ich lasse dich weiterleben«, erwiderte der Baron ungerührt.
Wieder musterte Feyd-Rautha seinen Onkel. Er setzt Hawat auf mich an! Was würde er tun, wenn ich ihm sagen würde, daß es Hawats Plan gewesen ist, der ihn seinen Sklavenmeister kostete? Sicher würde er sagen, daß ich nur lüge, um Hawat in Mißkredit zu bringen. Nein, der gute Thufir ist ein Mentat und muß diesen Augenblick vorausberechnet haben.
»Nun, was sagst du dazu?« fragte der Baron.
»Was soll ich dazu sagen. Natürlich bin ich damit einverstanden.«
Und Feyd-Rautha dachte: Hawat! Er spielt beide Enden gegen die Mitte aus … ist es nicht so? Hat er sich auf die Seite meines Onkels geschlagen, weil ich ihn bei der Sache mit dem Jungen nicht um Rat gebeten habe?
»Du hast gar nichts über meine Absicht gesagt, daß ich Hawat einsetzen will, um auf dich aufzupassen«, sagte der Baron.
Feyd-Rauthas verbarg seinen Ärger, indem er die Nasenflügel aufblies. Der Name Hawat war für die Familie Harkonnen lange Jahre ein Gefahrensignal gewesen … und jetzt schien es, als hätte sich nichts geändert: der Mann war noch immer eine Bedrohung.
»Hawat ist ein gefährliches Spielzeug«, erwiderte er.
»Ein Spielzeug! Stell dich doch nicht dumm. Ich weiß genau, was ich an ihm habe, und ich weiß auch, wie ich ihn unter meiner Kontrolle halte. Hawat verfügt über tiefe Gefühle, Feyd. Wirklich gefährlich ist nur der Mann, der über keine Gefühle verfügt. Aber tiefe Emotionen … ah, die kann man für seine Zwecke ausgezeichnet zurechtbiegen.«
»Onkel, ich verstehe dich nicht.«
»Das ist offensichtlich genug.«
Nur das Flackern eines Augenlides deutete an, daß der Baron seinen Neffen empfindlich getroffen hatte.
»Und auch Hawat verstehst du nicht«, fügte der Baron hinzu.
Genausowenig wie du selbst! dachte Feyd-Rautha.
»Wen wollte Hawat für die gegenwärtigen Umstände verantwortlich machen? Mich? Sicher. Aber er war lange Jahre ein Werkzeug der Atreides' und hat mich während dieser Zeit laufend besiegt — bis schließlich das Imperium eingriff. So jedenfalls sieht er die Lage. Der Haß, den er für mich empfindet, ist für ihn jetzt nur noch zufälliger Natur. Er glaubt, mich jederzeit wieder besiegen zu können. Und weil er das glaubt, merkt er nicht, daß ich ihn schon lange besiegt habe. Denn ich bin es, der seine Wut auf das richtet, was er zu hassen glaubt: das Imperium.«
Über Feyd-Rauthas Stirn legten sich plötzlich Falten. Er begann zu verstehen. »Gegen den Imperator?«
Das sollte meinen lieben Neffen auf den Geschmack bringen, dachte der Baron. Er muß zu sich selbst sagen: Imperator Feyd-Rautha Harkonnen! Er soll sich fragen, was ihm das wert ist. Auf jeden Fall das Leben eines alten Onkels, der diesen Traum vielleicht wahr werden lassen kann!
Langsam glitt Feyd-Rauthas Zunge über seine Lippen. Konnte es wirklich wahr sein, was der alte Narr da erzählte? Hinter der ganzen Sache schien mehr zu stecken, als er bisher vermutet hatte.
»Und was hat Hawat damit zu tun?« fragte er.
»Er glaubt, uns dazu zu benutzen, seine Rache an unserem Imperator zu vollstrecken.«
»Und wenn das erfüllt ist?«
»Er denkt nicht über das nach, was nach der Erfüllung seiner Rache kommen wird. Hawat ist ein Mann, dessen Bestimmung darin liegt, anderen zu dienen. Schon allein aus diesem Grund weiß er nichts über sich selbst.«
»Ich habe viel von Hawat gelernt«, gab Feyd-Rautha zu und fühlte gleichzeitig den Klang der Wahrheit, der in seinen Worten lag. »Aber je mehr ich von ihm lerne, desto mehr komme ich auch zu der Überzeugung, daß wir ihn uns vom Halse schaffen müssen … und zwar sehr bald.«
»Du hältst also nicht viel davon, wenn ich ihn an deine Fersen hefte?«
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