Der Baron wägte Hawats enthüllende Worte nachdenklich ab und sagte dann: »Und was hat Arrakis damit zu tun?«
»Der Planet verfügt über ein unerschöpfliches Reservoir von auf den brutalsten Überlebenskampf trainierter Menschen.«
Der Baron schüttelte den Kopf.
»Sie meinen doch nicht etwa die Fremen?«
»Genau die meine ich.«
»Hah! Warum haben wir Rabban dann gewarnt? Von den Fremen kann es seit dem von den Sardaukar durchgeführten Pogrom und Rabbans Aktionen kaum mehr als eine Handvoll geben!«
Hawat starrte ihn ausdruckslos an.
»Nicht mehr als eine Handvoll!« wiederholte der Baron. »Allein im letzten Jahr hat Rabban sechstausend Fremen massakrieren lassen!«
Hawat wandte seinen Blick noch immer nicht von ihm.
»Und im Jahr davor«, sagte der Baron, »waren es neuntausend. Und allein die Sardaukar brachten zwanzigtausend um, ehe sie Arrakis verließen.«
»Und wieviel Männer hat Rabban in den letzten beiden Jahren verloren?« fragte Hawat.
Der Baron rieb die Handflächen gegeneinander. »Nun, er hat ziemlich viel neue Legionäre rekrutieren lassen, das stimmt. Seine Anwerber haben die Fähigkeit, ziemlich gute Versprechungen zu machen und …«
»Einigen wir uns auf dreißigtausend Männer?« fragte Hawat zynisch.
»Das wäre sicherlich ein wenig zu hoch«, meinte der Baron.
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Hawat. »Es waren eher noch mehr. Vergessen Sie nicht, Baron, daß ich ebenso gut zwischen den Zeilen lesen kann wie Sie. Und Sie sollten ebenso in der Lage sein, die Berichte, die ich Ihnen lieferte, zu verstehen.«
»Arrakis ist ein ungastlicher Planet«, entgegnete der Baron. »Allein die Stürme dort …«
»Wir wissen beide genau, wie viele Männer ihr Leben unter dem Einfluß von Stürmen verloren«, sagte Hawat hartnäckig.
»Was bedeutet es schon, wenn er wirklich dreißigtausend Männer verloren hat?« fauchte der Baron mit zornrotem Gesicht.
»Nach Ihren eigenen Angaben«, erklärte Hawat, »hat er in zwei Jahren fünfzehntausend Fremen töten lassen und in der gleichen Zeit die doppelte Zahl an Legionären verloren. Weiterhin sagten Sie, die Sardaukar allein hätten zwanzigtausend Fremen — wenn nicht sogar mehr — umgebracht, bevor sie Arrakis verließen. Zufälligerweise habe ich die Transportlisten der Sardaukar gesehen, bevor sie nach Salusa Secundus zurückkehrten. Wenn sie wirklich zwanzigtausend Fremen getötet haben, Baron, dann haben sie dabei in jedem Fall fünfmal soviel ihrer eigenen Leute verloren. Und das sollte Ihnen zu denken geben. Verstehen Sie, was ich meine?«
Mit kalter Stimme erwiderte der Baron: »Das ist Ihre Aufgabe, Mentat. Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich habe Ihnen gesagt, wie viele Köpfe Duncan Idaho bei seinem Besuch in einem Sietch gezählt hat«, erklärte Hawat. »Es paßt alles gut zusammen. Selbst wenn die Fremen nur über zweihundertfünfzig solcher Sietch-Gemeinschaften verfügten, betrüge ihre Bevölkerung mindestens fünf Millionen. Ich vermute aber, daß sie wenigstens doppelt so viele Gemeinschaften haben. Rechnen Sie sich die Bevölkerung dieses Planeten selbst aus.«
»Zehn Millionen?«
Der Baron runzelte die Stirn.
»Mindestens.«
Der Baron schürzte die Lippen. Seine unter Fettwülsten beinahe verborgenen Augen starrten Hawat an. Könnte das wirklich stimmen? dachte er. Und wenn ja — wieso haben wir davon nie etwas gemerkt?
»Es ist uns bisher nicht einmal gelungen, den Bevölkerungsnachwuchs zu eliminieren«, führte Hawat aus. »Wenn wir irgendwelche Exemplare erwischen, sind es immer nur die Schwächeren. Das bedeutet, daß uns die Starken entgehen und sie immer noch stärker werden — genau wie die Leute, die nach Salusa Secundus deportiert werden.«
»Salusa Secundus!« bellte der Baron. »Was hat Arrakis mit dem Gefängnisplaneten des Imperators zu tun?«
»Ein Mensch, dem es gelingt, auf Salusa Secundus zu überleben«, sagte Hawat, »geht aus dieser Hölle gestärkt hervor. Und wenn Sie ihn dazu noch der härtesten militärischen Ausbildung unterziehen …«
»Unsinn! Sie behaupten damit doch wohl nicht, ich könnte die Fremen in meine Dienste nehmen, nachdem mein Neffe sie blutig unterdrückt hat?«
In einem milden Tonfall erwiderte Hawat: »Werden Ihre eigenen Truppen nicht ebenfalls ständig unterdrückt?«
»Nun … ich … aber …«
»Unterdrückung ist eine relative Sache«, fuhr Hawat fort. »Ihre Kämpfer wissen genau, daß es den Legionären anderer Adeliger ebenfalls nicht besser geht, nicht wahr? Und daß es für sie keine Alternative gibt, ist ihnen auch klar.«
Der Baron schwieg. Seine Augen wirkten blicklos. Diese Möglichkeiten — hatte Rabban dem Hause Harkonnen etwa unwissentlich die ultimate Waffe in die Hände gespielt?
Plötzlich sagte er: »Wie könnte man sich der Loyalität solcher Rekrutierten sicher sein?«
»Ich würde aus ihnen kleine Gruppen bilden, die nicht größer sein dürfen als ein Zug«, gab Hawat zurück. »Dann würde ich sie aus ihrer mißlichen Lage befreien und Männern unterstellen, die hart sind und etwas Verständnis für die Lage der Gefangenen aufbringen; Männer, die möglicherweise vorher die gleiche Situation zu meistern hatten. Und ich würde sie mit der Information behämmern, daß ihr Gefängnisplanet in Wirklichkeit ein geheimes Trainingslager für Elitekämpfer ist und man sie dazu auserwählt hat, dieser Elite anzugehören. Und ich würde ihnen zeigen, was einen Angehörigen dieser Truppen in der Zukunft erwartet: ein Leben im Wohlstand, schöne Frauen, luxuriöse Unterkünfte … alles, was das Herz begehrt.«
Der Baron nickte zögernd. »Und genauso leben die Sardaukar auch.«
»Nach einer Weile werden die Rekrutierten zu glauben beginnen, daß Salusa Secundus heilig ist, weil er sie hervorgerufen hat — die Elite. Und verstärkt wird das dadurch, daß sich noch der gemeinste Sardaukar bewußt ist, ein Leben zu leben, wie es sonst nur einem Angehörigen eines Hohen Hauses zusteht.«
»Es ist unglaublich!« stieß der Baron hervor.
»Sie fangen also an, mein Mißtrauen zu teilen?« fragte Hawat. »Aber womit hat das alles angefangen?« fragte der Baron.
»Ah, ja. Von welchem Planeten stammt eigentlich das Haus Corrino? Gab es schon Menschen auf Salusa Secundus, bevor der Imperator das erste Häftlingskontingent dort absetzen ließ? Selbst Herzog Leto, der mit ihm verwandt war, konnte darüber nie etwas herausbekommen. Man stellt solche Fragen einfach nicht.«
Die Augen des Baron glitzerten nachdenklich.
»Ja, es handelt sich wirklich um ein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Sie haben alle Mittel eingesetzt, um …«
»Aber was gibt es dort zu verbergen?« fragte Hawat. »Daß der Padischah-Imperator über einen Gefängnisplaneten verfügt? Das weiß jeder. Daß er …«
»Graf Fenring!« stieß der Baron plötzlich hervor.
Hawat brach ab und blickte den Baron mit gerunzelter Stirn an. »Was ist mit Graf Fenring?«
»Vor einigen Jahren, an einem Geburtstag meines Neffen«, erwiderte der Baron, »kam dieser imperiale Hampelmann als offizieller Besucher zu den Feiern … und um ein Geschäft zwischen dem Imperator und mir abzuschließen.«
»Tatsächlich?«
»Ich … ah, während einer unserer Konversationen, sagte ich etwas darüber, daß ich vorhätte, so etwas wie einen Gefängnisplaneten aus Arrakis zu machen. Fenring …«
»Was genau haben Sie gesagt?« fragte Hawat.
»Genau? Nun, das ist schon eine Weile her und …«
»Mylord, wenn Sie Wert darauf legen, daß ich Ihnen in bester Weise diene, müssen Sie auch alles tun, um mir die bestmögliche Information zuzuleiten. Wurde diese Konversation nicht aufgezeichnet?«
Das Gesicht des Barons verdunkelte sich vor Zorn. »Sie sind genauso schlimm wie Piter! Ich mag es nicht, in dieser Form …«
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