»So, wie du es mir beigebracht hast.«
Aber sie war an diesem Tag keinen Argumenten zugänglich gewesen, und das lag wohl daran, daß es ausgerechnet der erste Geburtstag seines Sohnes Leto gewesen war. Jessica hatte seine Verbindung mit Chani, diese »Kinderhochzeit«, wie sie sie zu nennen pflegte, noch immer nicht gebilligt. Aber immerhin hatte Chani einem Atreides das Leben geschenkt, was es ihr unmöglich machte, sie vollständig abzulehnen.
Schließlich hatte sie festgestellt: »Du hältst mich für eine unnatürliche Mutter.«
»Unsinn.«
»Ich sehe es daran, wie du mich beobachtest, wenn ich mit deiner Schwester zusammen bin. Du verstehst auch sie nicht.«
»Ich weiß, weshalb Alia anders ist«, sagte Paul. »Sie war noch nicht geboren, sondern ein Teil von dir, als du das Wasser des Lebens trankst. Sie …«
»Du weißt überhaupt nichts!«
Und Paul, unfähig seine Gedanken in dieser Beziehung auszudrücken, konnte nur erwidern: »Ich halte dich keinesfalls für unnatürlich.«
Jessica, die seine Verzweiflung erkannte, sagte plötzlich: »Da ist eine Sache, mein Sohn.«
»Ja?«
»Ich liebe deine Chani. Ich akzeptiere sie.«
Auch das war geschehen, wurde Paul jetzt klar. Es konnte keine der Visionen sein, von denen er nicht wußte, ob sie schon passiert waren.
Diese Gewißheit gab ihm neuen Halt. Die Realitätseinheiten begannen sich anzusammeln und seine Traumwelt zu durchdringen. Er wußte plötzlich wieder, daß er sich in einem Hiereg, einem Wüstenlager, befand. Chani hatte ihr Zelt auf Mehlsand gestellt damit sie eine weiche Unterlage hatten. Und das konnte nur bedeuten, daß sie in der Nähe war — Chani, seine Seele, Chani, seine Sihaya, die so süß war wie der Wüstenfrühling, Chani aus den südlichen Palmengärten.
Und er erinnerte sich daran, daß sie in der Zeit der Schlafperiode ein Lied für ihn gesungen hatte.
»O meine Seele,
Du hast keinen Sinn für das Paradies dieser Nacht,
Du wirst weiterziehen,
Gehorchend meiner Liebe.«
Und sie hatte das Lied gesungen, das die Liebenden sangen im Sand, und der Rhythmus war ihm erschienen wie das Gefühl der Dünen unter seinen Füßen, wenn er über sie schritt:
»Erzähle mir von deinen Augen,
Und ich erzähle dir von deinem Herz.
Erzähle mir von deinen Füßen,
Und ich erzähle dir von deinen Händen.
Erzähle mir von deinem Schlaf,
Und ich erzähle dir von deinem Erwachen.
Erzähle mir von deiner Sehnsucht,
Und ich erzähle dir von deinen Bedürfnissen.«
Er hatte in einem der Nebenzelte jemanden ein Baliset anschlagen gehört, und sofort waren seine Gedanken zu Gurney Halleck zurückgekehrt. Der bekannte Klang des Instruments hatte ihn an ein Zusammentreffen mit Gurney erinnert, während dem er sich selbst verborgen halten mußte. Gurney war jetzt das Mitglied einer Schmugglerbande, und Paul durfte sich ihm deswegen nicht zeigen, weil es zu verhindern galt, daß der Mann ihm unwissentlich jene Leute auf die Spur hetzte, die schon seinen Vater auf dem Gewissen hatten.
Aber der völlig andere Stil des Balisetspielers brachte Paul schnell wieder in die Realität zurück. Es war nicht Gurney, der dort in die Saiten griff, sondern Chatt, der Führer der Fedaykin, jenes Todeskommandos, das seine Leibwache bildete.
Wir sind in der Wüste, erinnerte sich Paul, in der Zentral-Erg, weit entfernt von den Patrouillen der Harkonnens. Ich bin hier, um einem Bringer aufzulauern, ihn zu besteigen und damit zu dokumentieren, daß ich ein vollwertiger Fremen bin.
Er fühlte jetzt die Maula-Pistole, die an seinem Gürtel hing und das Crysmesser. Und die Stille, die ihn umgab.
Es war ein typischer Vormorgen in der Wüste. Die Nachtvögel hatten sich zwar schon zurückgezogen, aber die Kreaturen des Tages waren noch nicht hervorgekrochen, um mit ihren Geräuschen die Ankunft ihres ewigen Feindes, der Sonne, anzukündigen.
»Du mußt bei Tageslicht durch die Wüste gehen und dem Shai-Hulud zeigen, daß du keine Angst hast«, hatte Stilgar ihm erklärt. »Deswegen werden wir unsere gewohnte Zeiteinteilung ändern und in der Nacht schlafen.«
Schweigend setzte Paul sich auf und spürte, daß der Destillanzug lose an seinem Körper hing. Er lag dicht an der Wand des Zeltes. Obwohl er sich leise bewegte, nahm Chani ihn wahr.
Von der Spitze des Zeltes, wo sie nur als sanfter Schatten sichtbar wurde, sagte sie: »Es herrschen noch keine normalen Lichtverhältnisse, Geliebter.«
»Sihaya«, erwiderte Paul lächelnd.
»Du nennst mich den Wüstenfrühling«, sagte Chani. »Aber am heutigen Tag bin ich deine Wächterin. Ich bin die Sayyadina, die darauf achtet, daß die Regeln befolgt werden.«
Paul begann seinen Destillanzug zu justieren. »Du hast mir einst die Worte des Kitab al-Ibar gesagt«, bemerkte er. »Und zwar: ›Die Frau ist dein Acker. Gehe hin und befruchte ihn.‹«
»Ich bin die Mutter deines Erstgeborenen«, bestätigte sie.
Er sah, wie sie ihn im Grau des Morgens beobachtete, seine Bewegungen registrierte und ihren eigenen Destillanzug darauf einstellte, bald selbst in ihm hinauszugehen. »Du solltest dir alle Ruhe gönnen, die du bekommen kannst«, sagte sie.
Paul erkannte die Liebe zu ihm, die aus diesen Worten sprach, und erwiderte sanft: »Die Sayyadina der Wache darf den Kandidaten weder mit guten Ratschlägen versorgen noch ihn vor etwas warnen.«
Sie schlüpfte an seine Seite und berührte mit der Hand seine Wange. »Heute bin ich beides: Frau und Wächterin zugleich.«
»Du hättest diese Pflicht jemand anderem überlassen sollen«, meinte Paul.
»Das würde die Wartezeit noch unerträglicher machen«, gab sie zurück. »So bin ich wenigstens an deiner Seite.«
Bevor er seinen Gesichtsschleier zurechtlegte, küßte Paul ihre Hand. Dann wandte er sich um und brach das Zeltsiegel. Die Luft drang zu ihnen herein. Sie enthielt jene gewisse Art der Kälte, die darauf hindeutete, daß sich in den Tausammlern einiges an Feuchtigkeit gefangen haben mußte. Mit ihr kam der Geruch der Vorgewürzmasse, die sie im Nordosten entdeckt hatten und die damit rechnen ließ, daß sich ein Bringer in der Nähe aufhielt.
Paul kroch durch die doppelte Öffnung, richtete sich im Sand auf und reckte sich. Ein matter, grüner Perlenglanz erleuchtete den östlichen Horizont. Die Zelte seiner Leute erschienen wie winzige Dünen um ihn herum. Linkerhand registrierte er eine Bewegung — die Wache. Sie hatte ihn bereits gesehen.
Sie wußten von der Gefahr, der er heute in die Augen schauen mußte. Jeder Fremen hatte dies hinter sich gebracht. Und daß sie ihn in diesen Minuten allein ließen, bedeutete, daß sie ihm alle Unterstützung gaben, sich vor diesem entscheidenden Ereignis noch einmal zu sammeln.
Heute wird es geschehen, dachte Paul.
Er dachte über das Anwachsen der Macht nach, die ihm während der ständigen Pogrome zugefallen war, an die alten Männer, die ihre Söhne zu ihm schickten, damit er sie in der Kunst des Zauberkampfes unterrichtete, die er beherrschte, an die alten Männer bei den Versammlungen, die ihm zuhörten und versuchten, seinen Plänen zu folgen, an die Männer die aus einer Schlacht zurückkehrten und ihm das höchste Kompliment spendeten, was ein Fremen abgeben konnte: »Dein Plan war erfolgreich, Muad'dib.«
Und dennoch war ihm selbst der kleinste und gemeinste Fremen in einer Beziehung weit voraus. Paul wußte, daß sein Führungsanspruch unter dieser allgemein bekannten Tatsache litt.
Er hatte noch keinen Bringer geritten.
Oh, natürlich hatte er schon zusammen mit anderen auf dem Rücken eines Sandwurms gestanden, auf kurzen Reisen oder vereinzelten Überfällen — aber er hatte noch keine eigene Reise gemacht. Und solange er das nicht vollbracht hatte, war er von den Fähigkeiten der anderen abhängig. Kein wirklicher Wüstenbewohner konnte das auf sich sitzen lassen. Wenn er diese Prüfung nicht ablegte, blieb ihm sogar das Land im Süden verschlossen es sei denn, er legte den Weg dorthin zurück, indem er sich eine Sänfte kommen — wie es die Ehrwürdige Mutter tat — oder er sich wie ein Kranker oder Verwundeter transportieren ließ.
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