Mit den Schritten seiner Stiefel kleine Sandwölkchen aufwerfend kam Stilgar auf Paul zu. Die dunklen Augenhöhlen des Mannes waren auf ihn gerichtet. Ein Stück seines dunklen Bartes war zu erkennen, sonst sah man von seinem Gesicht nicht viel. Stilgar trug das Banner Pauls — das grüne und schwarze Banner, in dessen Stab sich ein Wasserschlauch befand -, das sich bereits einen legendären Ruf im ganzen Land erworben hatte. Mit ein wenig Stolz dachte Paul: Ich kann nicht einmal die einfachste Sache tun, ohne daß nicht jemand eine Legende daraus macht. Sie werden sich merken, wie Chani eben fortging und wie ich jetzt Stilgar begrüßen werde — jede Bewegung, die ich heute mache, werden sie aufzeichnen. Leben oder sterben — es wird eine Legende daraus werden. Aber ich darf nicht sterben. In einem solchen Fall wird alles zur Legende werden. Und niemand wird den Djihad aufhalten.
Stilgar rammte das Banner neben Paul in den Sand und ließ die Arme sinken. Seine tiefblauen Augen blieben ausdruckslos und brachten Paul auf den Gedanken, wie er wohl selbst in diesem Augenblick aussehen mochte. Denn der ständige Gewürzkonsum war auch bei ihm nicht ohne Folgen geblieben. Auch er versteckte sich hinter einer Maske undurchdringlicher Bläue.
»Sie haben uns die Hadj verweigert«, sagte Stilgar mit rituellem Ernst.
Und genau wie Chani es ihn gelehrt hatte, erwiderte Paul: »Wer kann einem Fremen das Recht verweigern, zu gehen oder zu reiten, wohin er will?«
»Ich bin ein Naib«, fuhr Stilgar fort, »der niemals lebend in die Hände seiner Feinde fällt. Ich bin ein Drittel des tödlichen Dreibeins, das unsere Gegner vernichten wird.«
Es wurde still um sie herum.
Paul warf einen Blick auf die anderen Fremen, die sich hinter Stilgars Rücken auf dem Sand versammelt hatten und sah, daß die Art, in der sie dastanden, ausdrückte, welche Empfindungen sie beim Anhören der Worte bewegten. Und er fragte sich, wie sie den Lebenskampf überstanden hatten, bevor ihnen ein Mann wie Liet-Kynes begegnet war.
»Wo ist der Herr, der uns durch das Land der Wüsten und Höhlen geführt hat?« fragte Stilgar.
»Er ist stets bei uns«, erwiderten die Fremen.
Stilgar hob die Schultern, ging näher an Paul heran und senkte seine Stimme. »Erinnere dich jetzt an das, was ich dir gesagt habe. Gehe einfach und direkt vor und unternehme keine waghalsigen Experimente. Es ist bei unserem Volk Sitte, den Bringer im Alter von zwölf Jahren zu reiten. Du bist mehr als sechs Jahre über dieses Alter hinaus und für dieses Leben nicht geboren. Es gibt keinen Grund, die anderen beeindrucken zu müssen. Wir wissen, daß du ein tapferer Mann bist. Alles, was du tun mußt, ist, den Bringer zu rufen und ihn zu besteigen.«
»Ich werde daran denken«, versprach Paul.
»Ich hoffe, daß du das wirst. Ich hoffe ebenso, daß du deinen Lehrer nicht blamierst.«
Stilgar zog einen meterlangen Plastikstab unter seiner Robe hervor. Das Ding besaß an einem Ende eine Spitze und am anderen einen federbetriebenen Plumpser. »Ich habe diesen Plumpser selbst eingestellt. Es ist ein guter. Nimm ihn.«
Paul nahm ihn. Der Plastikgriff fühlte sich warm und weich an.
»Shishakli hat deine Haken«, sagte Stilgar. »Er wird sie dir geben, sobald du zu dieser Düne da hinten gehst.« Er deutete nach rechts. »Rufe deinen großen Bringer, Usul, und zeige uns, was du gelernt hast.«
Stilgars Tonfall glich nun einer exakten Mischung aus Ritual und freundschaftlicher Besorgtheit.
In diesem Moment schob sich die Sonne über den Horizont. Der Himmel war von jenem silbrigen Blaugrau, das darauf hinwies, daß es ein Tag extremer Hitze — selbst für die Verhältnisse auf Arrakis — werden würde.
»Es wird ein Tag der Trockenheit«, sagte Stilgar in einem Tonfall, der jetzt nur noch das Ritual beinhaltete. »Geh nun, Usul, und reite den Bringer, gleite über den Sand, wie es einem Führer der Menschen würdig ist.«
Paul salutierte vor seinem Banner und stellte fest, wie schlaff die Flagge, jetzt, wo der Wind gestorben war, herabhing. Dann wandte er sich der Düne zu, auf die Stilgar gezeigt hatte, ein S-förmiges Gebilde von schmutzigbrauner Farbe. Der Rest der Truppe war bereits dabei, in die entgegengesetzte Richtung davonzugehen; auf die andere Düne zu, in deren Schutz sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.
Nur ein Mann blieb in Pauls Nähe zurück: Shishakli, ein Brigadeführer der Fedaykin. Die Kapuze verbarg sein Gesicht so, daß lediglich die Augen erkennbar waren.
Als Paul auf ihn zuging, hielt Shishakli ihm zwei dünne Haken entgegen, die an etwa anderthalb Meter langen, peitschenähnlichen Stäben hingen. Die Haken selbst waren aus Plastahl, während die Stabgriffe aus einem aufgerauhten Stoff bestanden, an denen die Hände nicht so leicht abgleiten konnten.
Wie es das Ritual erforderte, nahm Paul die Gegenstände mit der linken Hand entgegen.
»Es sind meine eigenen Haken«, sagte Shishakli mit heiserer Stimme. »Sie haben noch niemals versagt.«
Paul nickte, behielt das rituelle Schweigen bei und ging an dem Mann vorbei auf die Düne zu. Auf ihrer Spitze machte er eine Drehung und blickte auf die anderen zurück, die sich mit flatternden Roben wie ein aufgeregter Heuschreckenschwarm auf die andere Düne zurückzogen. Er stand jetzt allein auf dem Dünenkamm, und vor ihm befand sich nichts als ein endloser Horizont, der flach war und auf dem sich nicht die kleinste Bewegung zeigte. Stilgar hatte ihm eine gute Düne ausgesucht; sie war höher als alle anderen in der näheren Umgebung.
Paul bückte sich und versenkte die Spitze des Plumpsers tief in die dem Wind zugewandte Seite der Düne, wo der Sand so kompakt war, daß er das Geräusch des Lockmittels weithin tragen würde. Dann wartete er ab und dachte an die Lektionen Stilgars und der beiden Alternativen, denen er jetzt ins Angesicht sehen mußte: Erfolg oder Tod.
Sobald er die Sperre ausklinkte, würde der Plumpser zu arbeiten anfangen. Irgendwo dort draußen im Sand, würde ein gigantischer Wurm — ein Bringer — die Klopfgeräusche hören und sich ihnen nähern. Mit den peitschenähnlichen Hakenstäben — das war Paul klar — konnte er den geschwungenen und hohen Rücken des Bringers erklimmen. Und solange der Vorderrand eines Ringsegments durch die Haken offengehalten wurde, so daß die Möglichkeit bestand, daß der Sand in das Körperinnere des Wurms gelangte, würde der Bringer sich nicht wieder eingraben. Er würde — das war vorauszusehen, sich drehen, um die geöffnete Körperseite so weit wie nur möglich von der sandigen Oberfläche des Planeten zu entfernen.
Ich bin ein Sandreiter, sagte sich Paul.
Er blickte auf die beiden Haken in seiner Linken und dachte darüber nach, daß er sie bloß an irgendeiner Stelle auf dem Rücken des Wurms zu befestigen hatte, um ihn nach Belieben in die Richtung zu lenken, in die er wollte. Er hatte gesehen, wie die anderen es machten. Und er hatte den anderen bei einem kurzen Ritt geholfen. Man konnte einen gefangenen Wurm reiten, bis er erschöpft und leblos auf der sandigen Oberfläche der Wüste liegenblieb und es erforderlich wurde, einen anderen herbeizurufen.
Und wenn er diesen Test bestanden hatte, wußte Paul, war er qualifiziert genug, auch die Zwanzig-Plumpser-Reise in den Süden zu machen, um sich dort auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln. Im Süden befanden sich die Frauen und Kinder — und die Familien, die sich vor den Pogromen hatten in Sicherheit bringen können.
Paul hob den Kopf, blickte nach Süden und erinnerte sich daran, daß jeder Bringer, der aus dem Süden kam, eine unbekannte Größe darstellte. Aber er war fest entschlossen, Sieger über die unbekannte Größe zu werden.
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