»Hawat heftet sich an die Fersen von allen.«
»Und vielleicht bringt er dich sogar auf den Thron. Hawat denkt auf verschlungenen Pfaden. Er ist gefährlich und keinesfalls zu unterschätzen. Aber dennoch habe ich ihm bisher das Gegenmittel nicht entzogen. Auch Schwerter können uns gefährlich werden, Feyd. Für dieses Schwert haben wir jedoch eine passende Scheide, und zwar das Gift in seinem Körper. Wenn wir ihm das Gegenmittel nicht mehr geben, wird der Tod Hawats Scheide sein.«
»Irgendwie«, sagte Feyd-Rautha, »ist das alles wie in der Arena. Man macht eine Finte, um eine zweite Finte, die eine dritte vernebeln soll, unerkannt zu lassen. Man beobachtet, wie sich der Gladiator bewegt, wie er dich ansieht, wie er das Messer hält.«
Als er bemerkte, wie sein Onkel nickte, weil ihm diese Worte offenbar gefielen, dachte er: Ja! Genau wie in der Arena! Nur daß die scharfen Klingen aus Verstand bestehen!
»Du siehst jetzt, wie sehr du mich benötigst«, sagte der Baron. »Ich bin immer noch für etwas zu gebrauchen, Feyd.«
Wie ein Schwert, das man so lange schwingt, bis es zu stumpf zum Zuschlagen geworden ist, dachte Feyd-Rautha.
Laut sagte er: »Ja, Onkel.«
»Und jetzt«, fügte der Baron hinzu, »gehen wir beide in die Sklavenquartiere hinunter. Und ich werde zusehen, wie du mit deinen eigenen Händen alle Frauen des Lustflügels erwürgst.«
»Onkel!«
»Es gibt doch noch andere Frauen, Feyd. Aber ich habe dir gesagt, daß du einen solchen Fehler, wie du ihn mit mir begangen hast, nicht mehr wiederholen darfst.«
Feyd-Rauthas Gesicht verdüsterte sich. »Onkel, du …«
»Du wirst diese Strafe hinnehmen und hoffentlich etwas aus ihr lernen«, sagte der Baron.
Feyd-Rautha sah das glühende Starren in den Augen seines Onkels. Ich darf diesen Abend nicht vergessen, dachte er, genausowenig wie all diese anderen.
»Du wirst dich nicht widersetzen«, sagte der Baron sanft.
Was könntest du schon dagegen tun, wenn ich mich weigerte, du alter schwuler Sack? fragte sich Feyd-Rautha. Aber er wußte ebensogut, daß es noch andere Arten der Strafe für ihn gab; vielleicht subtilere, aber ganz sicher auch brutalere, die ihn zerbrechen konnten.
»Ich kenne dich, Feyd«, sagte der Baron. »Du wirst dich schon nicht widersetzen.«
In Ordnung, dachte Feyd-Rautha. Jetzt brauche ich dich noch. Das weiß ich. Die Übereinkunft ist getroffen. Aber ich werde ich nicht immer brauchen. Und … eines Tages …
Tief im menschlichen Unterbewußtsein versteckt existiert ein durchdringendes Bedürfnis, das Universum in logischer Konsequenz in seiner Gänze zu erfassen. Aber das Universum befindet sich immer einen Schritt jenseits der logischen Erfaßbarkeit.
Aus ›Leitfäden des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Ich habe, dachte Thufir Hawat, bisher einer ganzen Reihe mächtiger Herrscher gegenüber gesessen. Aber keiner davon verfügte auch nur annähernd über die Dimensionen dieses fetten, gefährlichen Schweins.
»Sie können ruhig offen zu mir sein, Hawat«, brummte der Baron. Er lehnte sich in seinen Suspensorensessel zurück und bohrte den Blick seiner von Fettwülsten halb geschlossenen Augen auf Hawat.
Der alte Mentat schaute auf den Tisch, der ihn von dem Baron Wladimir Harkonnen trennte, und registrierte das reichhaltige Ornament seiner Oberfläche. Auch dies war ein Faktor, der in der Beurteilung des Barons eine Rolle spielte — genauso wie die roten Wände seines privaten Besprechungszimmers und der matte, etwas herbe Duft, der in der Luft hing und offenbar dazu diente, andere Gerüche zu überdecken.
»Es ist bestimmt nicht einer einfachen Laune zu verdanken, daß Sie mich baten, Rabban diese Warnung zukommen zu lassen«, fügte er hinzu.
Hawats lederiges, altes Gesicht blieb völlig unberührt und zeigte nicht im geringsten an, was er fühlte. »Ich vermute vieles, Mylord«, erwiderte Hawat.
»Ja. Ich frage mich aber, welche Rolle Arrakis in Ihren Vermutungen Salusa Secundus betreffend spielt. Es genügt mir einfach nicht, daß Sie mir erzählen, der Imperator sei über gewisse Parallelen zwischen Arrakis und seinem geheimnisvollen Gefängnisplaneten besorgt. Ich habe Rabban also diese Botschaft sofort gesandt, weil der Kurier mit dem nächsten Schiff starten mußte. Sie sagten, die Sache dulde keinen Aufschub. In Ordnung und gut. Aber jetzt verlange ich eine Erklärung.«
Er quatscht zuviel, dachte Hawat. Er hat überhaupt nichts mit Leto gemein, der mir eine ganze Geschichte allein durch das Anheben einer Augenbraue oder einen Wink mit der Hand erzählen konnte. Oder wie der alte Herzog, der ganze Romane in einem Wort unterbrachte. Dieser hier ist ein Tölpel. Ihn zu vernichten, wäre ein Segen für die Menschheit.
»Sie werden diesen Raum nicht verlassen, bevor ich nicht eine detaillierte und komplette Auskunft erhalten habe«, sagte der Baron.
»Sie sprechen zu leichtfertig über Salusa Secundus«, erwiderte Hawat.
»Der Planet ist eine Strafkolonie. Man schickt die abgefeimtesten Halsabschneider dorthin. Was gibt es über diesen Planeten, was wir wissen sollten?«
»Die Bedingungen dieses Gefängnisplaneten sind schlimmer als auf allen anderen Welten«, sagte Hawat. »Sie wissen, daß die Sterblichkeitsrate neu dorthin verbannter Personen höher liegt als sechzig Prozent. Und Sie wissen auch, daß der Imperator jedes Druckmittel zuerst auf Salusa Secundus zur Anwendung bringt. All das wissen Sie — und stellen dennoch keine Fragen?«
»Der Imperator pflegt die Mitglieder der Hohen Häuser nicht einzuladen, um seinem Gefängnisplaneten einen Besuch abzustatten«, grollte der Baron. »Und ebensowenig lasse ich ihn in meine Karten gucken.«
»Und Neugierde über Salusa Secundus ist … äh …«, Hawat legte einen dünnen Finger an seine Lippen, »… wohl nicht standesgemäß.«
»Weil er bestimmt nicht stolz auf manche Dinge ist, die es dort zu sehen gibt!«
Hawat erlaubte sich ein mattes Lächeln. Als er den Baron ansah, leuchteten seine Augen im Schein der Leuchtröhren. »Und Sie haben sich niemals die Frage gestellt, woher der Imperator seine Sardaukar holt?«
Der Baron schürzte die fetten Lippen. In diesem Moment sah er aus wie ein schmollendes Baby.
Seine Stimme hatte allerdings kaum etwas Kindliches an sich, als er sagte: »Wieso … er rekrutiert sie … er fordert bestimmte Kontingente an …«
»Pah!« schnappte Hawat. »Und die Geschichten, die man über die Raubzüge der Sardaukar hört, sind keine Märchen, nicht wahr? Es sind Augenzeugenberichte der wenigen Überlebenden, die ihnen je im Kampf gegenübergestanden haben, wie?«
»Niemand zweifelt daran, daß die Sardaukar ganz ausgezeichnete Kämpfernaturen sind«, erwiderte der Baron. »Aber ich glaube, daß meine eigenen Legionen …«
»Eine Bande von Sonntagsausflüglern sind sie im Vergleich zu den Sardaukar!« schnaubte Hawat. »Glauben Sie etwa, ich wüßte nicht, warum sich der Imperator gegen das Haus Atreides gestellt hat?«
»Das ist eine Sache, über die Sie nicht zu spekulieren haben«, warnte der Baron.
Ist es möglich, daß nicht einmal er weiß, was den Imperator motivierte, in diesen Kampf einzugreifen? fragte sich Hawat.
»Alles steht meinen Spekulationen offen, wenn es damit zusammenhängt, die Funktion zu erfüllen, für die sich mich engagiert haben«, sagte Hawat. »Ich bin ein Mentat. Und einem Mentaten dürfen Sie weder Informationen verweigern, noch ihm Grenzen setzen.«
Der Baron starrte ihn eine ganze Minute lang wortlos an. Schließlich erwiderte er: »Sagen Sie, was Ihnen auf der Zunge brennt, Mentat.«
»Der Padischah-Imperator wandte sich gegen das Haus Atreides, weil die Kampfmeister des Herzogs, Gurney Halleck und Duncan Idaho, eine kleine Kampfeinheit — eine kleine Kampfeinheit — dazu ausbildeten, gegen die Sardaukar bestehen zu können. Einige dieser Leute mögen vielleicht sogar besser gewesen sein. Und da der Herzog in der Position war, diese Kampfeinheit zu vergrößern, genauer gesagt, sie genauso groß zu machen wie die Sardaukar-Armee des Imperators, mußte er sterben.«
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