Sie zögerte noch immer und starrte ihn an.
»Was hast du?« fragte Paul.
»Du hast nicht die Augen des Ibad«, sagte Harah. »Es sieht sehr seltsam aus, dieses Weiß um deine Augen, aber nicht unattraktiv.«
»Hol' jetzt das Essen«, sagte Paul. »Ich bin hungrig.«
Harah lächelte ihn an. Es war das wissende Lächeln einer Frau aber eben deshalb wirkte es beunruhigend auf ihn. »Ich bin deine Dienerin«, murmelte Harah, lächelte, wandte sich mit einer schnellen Bewegung von ihm ab und verschwand hinter einem beiseitegeschobenen Vorhang in einem engen Tunnel.
Wütend auf sich selbst stürmte Paul durch den dünnen Vorhang in den Nebenraum zu seiner Rechten. Einen Augenblick lang blieb er dort stehen und sah unsicher zu Boden. Er fragte sich, wo Chani jetzt war … Chani, die gerade ihren Vater verloren hatte.
In dieser Beziehung haben wir das gleiche Schicksal, dachte er.
Ein klagender Schrei hallte durch die äußeren Korridore, wurde jedoch von den wallenden Vorhängen gedämpft. Er wiederholte sich in größerer Entfernung. Und noch einmal. Schließlich verstand er, daß jemand die Zeit ausrief. Ihm fiel auf, daß er bisher keinerlei Uhren zu Gesicht bekommen hatte.
Der Geruch eines brennenden Creosotebusches drang in seine Nase und überlagerte auf der Stelle alle Gerüche, die dem Sietch zu eigen waren. Aber Paul hatte sie auch vorher schon nicht mehr wahrgenommen.
Erneut fragte er sich, welche Rolle seine Mutter in seiner Zukunft spielen würde. Er nahm sie bisher nur wie einen Schemen wahr. Und seine noch ungeborene Schwester. Das, was vor ihnen lag, erschien ihm plötzlich ungewisser als jemals zuvor. Energisch schüttelte er den Kopf und konzentrierte sich auf die erstaunliche Tatsache, daß die Kultur der Fremen mehr Tiefe besaß, als man angenommen hatte. Und er war jetzt einer von ihnen.
Mit allen Gefahren, die die Vereinnahme mit sich brachte.
Und etwas, das ihm mehr Schwierigkeiten als alles andere einbringen konnte, war ihm bereits aufgefallen: es gab keinen Giftschnüffler in dieser Höhle, und auch die anderen Räume waren damit nicht ausgerüstet. Und dennoch konnte er bereits mit seiner Nase eine ganze Anzahl von gefährlichen und nicht seltenen Giften wahrnehmen, hier, inmitten des Sietchs.
Als er das leise Rascheln der Vorhänge vernahm, drehte er sich um und erwartete Harah zu sehen, die mit dem angekündigten Essen zurückkehrte. Statt dessen sah er zwei Jungen im Alter von etwa neun und zehn Jahren, die ihn mit mißtrauischen Blicken musterten. Beide trugen kleine Crysmesser und hielten die Hände an den Griffen.
Und Paul erinnerte sich an das, was man sich über die Kinder der Fremen erzählte — daß sie ebenso zu kämpfen verstanden wie die Erwachsenen.
Hände und Lippen
Bewegen sich —
Ideen
Gebären seine Worte,
Seine Augen
Nehmen alles Neue auf.
Er ist die Insel
Der Selbstsicherheit.
Auszug aus ›Leitfäden des Muad'dib‹, von Prinzessin Irulan.
Phosphorröhren an der weitläufigen, hohen Decke der Höhle warfen ein düsteres Licht auf die versammelte Menge und ließen erkennen, wie groß dieser von Felsen umschlossene Raum in Wahrheit sein mußte — sogar größer, wie Jessica sah, als selbst die Versammlungshalle ihrer Bene-Gesserit-Schule. Sie vermutete, daß sich im Augenblick mehr als fünftausend Menschen hier aufhielten. Und es wurden immer noch mehr.
Flüstern erfüllte die Luft.
»Man hat deinen Sohn bereits benachrichtigt, nachdem er sich ausgeruht hat, Sayyadina«, sagte Stilgar. »Du willst also deinen Entschluß mit ihm diskutieren?«
»Könnte er meine Ansicht ändern?«
»Die Luft, mit der du jetzt sprichst, kommt zwar aus deinen eigenen Lungen, aber dennoch …«
»Mein Entschluß steht fest«, sagte Jessica.
Aber das Gefühl, daß sie dabei hatte, war kein hundertprozentig gutes. Ob sie vielleicht Paul als Entschuldigung heranziehen sollte, um die Entscheidung rückgängig zu machen? Ebenso hatte sie an ihre ungeborene Tochter zu denken. Was die Mutter in Gefahr brachte, schadete auch ihr.
Männer näherten sich mit aufgerollten Teppichen und keuchten unter deren Gewicht. Staubwolken bildeten sich, als sie die schwere Last vor dem Podium fallen ließen.
Stilgar nahm Jessicas Arm und führte sie zu einem Schalltrichter, der die rückwärtige Wand der Bühne bildete, auf der sie standen. Er deutete auf eine aus dem Fels herausgehauene Sitzbank. »Hier wird die Ehrwürdige Mutter sitzen. Aber bis sie kommt, kannst du ihren Platz haben, um dich auszuruhen.«
»Ich bevorzuge es, zu stehen«, erwiderte Jessica.
Dann sah sie den Männern zu, wie sie die Teppiche aufrollten, das Podium damit bedeckten, und musterte die Menge. Es mochten nun zehntausend Menschen sein, die sich auf dem felsigen Grund versammelt hatten.
Und immer noch kamen welche.
Draußen in der Wüste, wußte sie, mußte die Sonne jetzt blutrot untergehen. Hier unten in der Grotte dagegen herrschte das dämmerige Halblicht, eine graue Leere, die sich mit Menschen füllte die gekommen waren, um mitzuerleben, wie sie ihr Leben aufs Spiel setzte.
Durch die Menschen zu ihrer Rechten bahnte sich jemand eine Gasse. Jessica blickte auf und erkannte Paul, flankiert von zwei Jungen, die sehr selbstsicher wirkten und den Leuten zu beiden Seiten der Gasse finstere Blicke zuwarfen.
»Die Söhne Jamis', die nun die Söhne Usuls sind«, sagte Stilgar. »Sie scheinen ihre Pflicht als Eskorte sehr ernst zu nehmen.« Er warf Jessica ein Lächeln zu.
Sie war ihm dankbar für den Versuch, sie etwas aufzuheitern aber nicht einmal er würde es schaffen, ihre Gedanken von der bevorstehenden Gefahr abzulenken.
Mir blieb keine andere Wahl, dachte Jessica. Wir müssen rasch handeln, wenn wir uns unseren Platz bei den Fremen sichern wollen.
Paul erklomm die Bühne und ließ die Kinder hinter sich zurück. Vor seiner Mutter blieb er stehen, sah Stilgar an und dann sie. »Was hat das zu bedeuten? Ich dachte, Stilgar hätte mich zu einer Konzilsversammlung rufen lassen.«
Stilgar hob eine Hand und bat um Ruhe. Dann deutete er nach links, wo sich erneut eine Gasse bildete. Es war Chani, die nun erschien. Ihr elfenhaftes Gesicht drückte Trauer aus, und sie hatte den Destillanzug mit einem grünen Wickelkleid vertauscht, das ihre dünnen Arme frei ließ. Auf der Höhe ihrer Schulter trug ihr linker Arm ein grünes Band.
Grün, für die Farbe der Trauer, dachte Paul.
Er hatte von diesem Brauch nur indirekt von Jamis' Söhnen erfahren, als diese ihm erklärt hatten, daß sie aus dem Grund kein Grün tragen wollten, weil sie ihn als Pflegevater akzeptierten.
»Bist du der Lisan al-Gaib?« hatten sie ihn gefragt. Paul hatte deutlich den Djihad in ihren Worten gespürt und war rasch zu einer Gegenfrage übergegangen, die ihm die Information geliefert hatte, daß Kaleff, der ältere der beiden, zehn Jahre alt und der Sohn Geoffs war. Orlop, der jüngere, war acht und Jamis' Kind.
Paul hatte einen seltsamen Tag hinter sich. Die beiden Jungen hatten sich in seinem Auftrag vor den Eingang der Unterkunft postiert, um die Neugierigen fernzuhalten, während er selbst sich die Zeit gegönnt hatte, seine Gedanken zu sammeln und Pläne zu schmieden, die einen Djihad verhindern sollten.
Jetzt, wo er neben seiner Mutter auf der Höhlenbühne stand und sich die Menge ansah, fragte er sich, ob es überhaupt einen Plan geben konnte, der das Ausbrechen fanatischer Legionen zurückhalten würde.
Chani kam der Bühne jetzt immer näher. Hinter ihr tauchten vier Frauen auf, die eine fünfte in einer Sänfte trugen.
Jessica, die Chanis Erscheinen ignorierte, richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Frau in der Sänfte. Es war eine Greisin, ein hageres, vertrocknet aussehendes Wesen mit dunkler Haut und einem dunklen Umhang. Sie trug keine Kapuze, und ihr Haar war zu einem Knoten zusammengebunden.
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