»Fliehen?«
»Bis die Schlächter damit aufhören, uns zu verfolgen, oder sie aus unserem Land vertrieben sind.«
Paul erinnerte sich an eine der Visionen, die er einst gehabt hatte. Es war nur ein Fragment, eine visuelle Projektion, und er wurde nicht schlau aus ihr. Im Nachhinein schienen die Fakten nicht mehr zueinander zu passen.
»Die Sardaukar jagen uns«, sagte er.
»Bis auf einen oder zwei leere Sietchs werden sie nichts finden«, meinte Harah. »Aber viele von ihnen werden eines auf jeden Fall finden: den Tod im Sand.«
»Werden sie diesen Ort ausfindig machen?« fragte Paul.
»Wahrscheinlich.«
»Und dennoch haben wir die Zeit, um …«, er deutete mit dem Kopf auf die bereits hinter ihnen liegende Grotte, »… Tausammler herzustellen?«
Der Blick, den sie ihm zuwarf, als sie sich umdrehte, war voller Überraschung. »Hat man dir dort, wo du herkommst, denn gar nichts beigebracht?«
»Jedenfalls nichts über Tausammler.«
»Hai!« machte Harah. Aber dieses Wort sagte alles.
»Was also sind Tausammler?« fragte Paul hartnäckig.
»Wie glaubst du, sind die Büsche und Pflanzen, die wir draußen im Erg pflanzen, überlebensfähig?« fragte Harah. »Jede einzelne wird vorsichtig in eine kleine Vertiefung gesetzt, die wir vorher mit Chromoplastik ausfüllen. Das Licht färbt sie weiß. Man kann sie glitzern sehen, wenn man im Morgengrauen nach ihnen schaut und auf einem erhöhten Platz steht. Weiß reflektiert. Aber sobald der alte Vater Sonne von der Wüste weggeht, wird das Material in der Finsternis schwarz. Es kühlt sich rapide ab und seine Oberfläche beschlägt sich mit Feuchtigkeit der Luft. Und diese Feuchtigkeit tropft nach unten und hält so die Pflanzen am Leben.«
»Tausammler«, murmelte Paul. Die simple Schönheit dieses Verfahrens faszinierte ihn.
»Ich werde um Jamis weinen, wenn die Zeit der Trauer gekommen ist«, fuhr Harah fort, als bewege sie seine Frage noch immer. »Er war ein guter Mann, aber auch hitzköpfig. Jamis war ein guter Versorger und hatte ein gutes Verhältnis zu den Kindern. Er hat nie einen Unterschied zwischen Geoffs Sohn, meinem Erstgeborenen, und seinem eigenen Jungen gemacht. In seinen Augen waren beide stets gleich.« Sie sah Paul an und maß ihn mit einem fragenden Blick. »Wirst du dich ebenso verhalten, Usul?«
»Das Problem betrifft uns nicht.«
»Aber, falls …«
»Harah!«
Der harte Klang seiner Stimme ließ sie zusammenzucken.
Sie kamen an einem anderen hellerleuchteten Raum vorbei, und Paul fragte: »Was wird hier hergestellt?«
»Sie reparieren die Webstühle«, erklärte Harah. »Aber sie müssen noch heute nacht abgebaut werden.« Sie deutete auf einen zu ihrer linken auftauchenden Tunnel. »Hier werden Lebensmittel verarbeitet und Destillanzüge repariert.« Sie schaute ihn an. »Dein Anzug sieht neu aus. Falls du einmal etwas daran zu reparieren haben solltest: ich kenne mich damit aus. In der Saison arbeite ich auch in der Fabrik.«
Sie begegneten nun öfters vereinzelten Menschengruppen, die sich in den Eingängen aller möglichen Abzweigungstunnels aufhielten. Einige Leute kamen an ihnen vorbei. Sie trugen große Beutel, in denen es gluckerte. Sie strömten eine Wolke von Gewürzduft aus.
»Unser Wasser und das Gewürz darf niemandem in die Hände fallen«, sagte Harah. »Aber wir sorgen schon dafür, daß alles rechtzeitig in Sicherheit gebracht wird.«
Paul warf einen Blick in die Öffnungen der Tunnelwand und sah eine Reihe von Fremen, die auf schweren Teppichen lagen. Auch die Wände waren mit Textilien verkleidet. Die Leute wandten sich, kaum daß sie Pauls Anwesenheit bemerkten, sofort um und starrten ihn ungeniert an.
»Die Leute finden es alle unverständlich, daß du Jamis besiegt hast«, meinte Harah. »Es könnte sein, daß du, sobald wir einen anderen Sietch erreicht haben, dem einen oder anderen deine Kraft beweisen mußt.«
»Ich töte nicht gern«, erwiderte Paul.
»Das sagt auch Stilgar«, gab sie zurück. Ihre Stimme zeigte deutlichen Unglauben.
Vor ihnen erklang plötzlich ein schriller Singsang, der ständig lauter wurde. Sie kamen zu einer Felsöffnung, die größer war als alle, die Paul bisher gesehen hatte. Er verlangsamte seinen Schritt und starrte in einen Raum hinein, in dem viele Kinder mit gekreuzten Beinen auf dem Boden saßen.
An der gegenüberliegenden Wand, vor einer Tafel, stand eine Frau in einer gelben Robe. Sie hielt einen Zeigestock in der Hand. Auf der Tafel waren eine Menge Abbildungen zu sehen: Kreise, Winkel, Kurven, Schlangenlinien und Vierecke; Halbkreise, die von Parallelen geschnitten wurden. Die Frau deutete nacheinander mit raschen Bewegungen auf ein Zeichen nach dem anderen, während die Kinder im Rhythmus ihrer Hand sangen.
Paul horchte. Ihm fiel auf, daß die Stimmen, mit jedem Schritt, den er mit Harah tiefer in das Höhlensystem eindrang, leiser wurden.
»Baum«, sangen sie. »Baum, Gras, Düne, Wind, Berg, Hügel, Feuer, Blitz, Fels, Felsen, Staub, Sand, Hitze, Obdach, Hitze, Winter, Kälte, Leere, Erosion, Sommer, Höhle, Tag, Spannung, Mond, Nacht, Caprock, Sandflut, Abhang, Pflanzung, Binder …«
»Ihr unterrichtet die Kinder noch in solchen Zeiten?« fragte Paul.
Harahs Gesicht war ernst, und ihre Stimme ebenfalls, als sie sagte: »Was Liet uns gelehrt hat, darf nicht einen Moment unterbrochen werden. Auch wenn er jetzt tot ist: wir werden ihn nie vergessen. So ist die Art der Chakobsa.«
Sie kreuzten einen Weg und bogen nach links ab, traten auf einen erhöhten Absatz, schoben einen orangenen Gazevorhang beiseite und blieben stehen. Harah sagte: »Dein Yali ist bereit für dich, Usul.«
Paul zögerte, bevor er ihr in den dahinterliegenden Raum folgte. Er fühlte sich plötzlich unwohl dabei, mit dieser Frau allein zu sein und ihm wurde bewußt, daß er hier eine Welt betrat, die man nur verstehen konnte, wenn man sich dazu durchrang, ökologisch zu denken. Die Welt der Fremen, empfand er, begann mit allen verfügbaren Händen nach ihm zu greifen und ihn zu vereinnahmen. Und er wußte, was diese Vereinnahme bedeutete — den wilden Djihad, den religiösen Krieg, den er, wie ihm seine Gefühle sagten, um jeden Preis zu verhindern hatte.
»Dies ist dein Yali«, hörte er Harah sagen. »Warum zögerst du?«
Paul nickte und trat ein. Er schob den linken Teil des Vorhangs zur Seite und spürte dabei, daß Metallfäden darin eingewoben waren. Er folgte Harah in einen kleinen Vorraum und dann in ein größeres, quadratisches Zimmer, das mehr als dreißig Meter im Quadrat maß. Auf dem Boden lagen dicke blaue Teppiche, während blaugrüne Wandbehänge die Felswände verbargen. Rote Gewebe hingen unter der Decke, ebenso vier Leuchtgloben.
Es kam ihm vor wie das Innere eines Zeltes.
Harah stand vor ihm, legte die Linke auf ihre Hüfte und sah ihn eindringlich an. »Die Kinder sind bei einem Freund«, erklärte sie dann. »Sie werden sich dir später vorstellen.«
Paul verbarg sein Unbehagen dadurch, indem er den Raum einer eingehenden visuellen Untersuchung unterzog. Hinter einem Vorhang zu seiner Rechten lag ein weiterer Raum, an dessen Wänden Kissen aufgestapelt lagen. Er spürte einen leichten Luftzug und sah nach oben, ohne jedoch die Öffnung, aus der sie kommen mußte, zu sehen.
»Wünschst du, daß ich dir helfe, den Destillanzug abzulegen?« fragte Harah.
»Nein … vielen Dank.«
»Möchtest du etwas essen?«
»Ja.«
»Hinter dem nächsten Raum findest du eine Rückgewinnungskammer.« Sie deutete nach rechts. »Falls du dich ohne Destillanzug entspannen möchtest.«
»Du sagtest, daß wir diesen Sietch verlassen müssen«, begann Paul. »Sollten wir nicht mit dem Packen anfangen oder so etwas?«
»Alles zu seiner Zeit«, erwiderte Harah. »Die Schlächter haben unsere Region bisher noch nicht durchdrungen.«
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