Paul drehte sich um und starrte die Rücken der Fremen an, die vor ihm standen. Dann ist Liet-Kynes tot, dachte er.
»Es geschah durch einen Verrat der Harkonnens«, zischte eine Stimme. »Sie haben so getan, als sei er bei einem Unfall umgekommen … verlorengegangen in der Wüste … bei einem Thopter-Absturz …«
Paul spürte, wie die Wut in ihm hochstieg. Der Mann, der ihm in Freundschaft zugetan gewesen war, der geholfen hatte, sie vor den Schergen der Harkonnens zu bewahren, der seine Leute ausgeschickt hatte, um nach zwei einsamen Flüchtlingen in der Wüste Ausschau zu halten. Nun war auch er zu einem Harkonnen-Opfer geworden.
»Dürstet Usul nach Rache?« fragte Farok.
Bevor Paul ihm eine Antwort geben konnte, ertönte ein leiser Ruf, und die Truppe bewegte sich voran in eine größere Kammer und zog ihn mit sich. Er sah sich plötzlich Stilgar gegenüber, neben dem eine fremde Frau stand. Sie war mit einem bunten Wickelkleid bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt. Sie trug keinen Destillanzug. Die Hautfarbe der Frau erinnerte an Oliven. Dunkles Haar fiel ihr in die Stirn. Sie hatte hervorstehende Backenknochen und tiefblaue Augen.
Die Frau drehte sich herum. Goldene Ohrringe, an denen Wasserringe baumelten, bewegten sich. Sie schaute Paul an und sagte:
» Der da soll meinen Jamis bezwungen haben?«
»Schweig still, Harah«, gab Stilgar zurück. »Es war Jamis' eigene Schuld. Er hat die Tahaddi-al-Burhan ausgesprochen.«
»Aber er ist nicht mehr als ein Junge!« erwiderte die Frau. Sie schüttelte ungläubig den Kopf und brachte die Wasserringe zum Klingeln. »Soll das heißen, daß meine Kinder vaterlos wurden durch ein anderes Kind? Es kann nur ein Zufall gewesen sein!«
»Usul, wie alt bist du?« fragte Stilgar.
»Fünfzehn Standardjahre«, sagte Paul.
Stilgar ließ seinen Blick über die Männer seiner Truppe schweifen. »Ist jemand unter euch, der mich herausfordern will?«
Stille.
Jetzt sah Stilgar wieder die Frau an. »Bevor ich seine Zauberkräfte nicht ebenfalls erlernt habe, werde ich mich hüten, ihn zu fordern.«
Die Frau starrte ihn an. »Aber …«
»Hast du die fremde Frau gesehen, die zusammen mit Chani zur Ehrwürdigen Mutter gegangen ist?« fragte Stilgar sie. »Sie ist eine Out-Freyn-Sayyadina und die Mutter dieses Knaben. Beide — Mutter und Sohn — sind wahre Meister des Kampfes.«
»Lisan al-Gaib«, flüsterte die Frau plötzlich. Als sie Paul erneut musterte, war Ehrfurcht in ihrem Blick.
Wieder die Legende, dachte Paul.
»Vielleicht«, erwiderte Stilgar. »Aber es ist bis jetzt noch nicht erwiesen.« Er wandte sich Paul zu und meinte: »Usul, es ist so Sitte bei uns, daß du jetzt die Verantwortung für Jamis' Frau und ihre beiden Söhne übernehmen mußt. Sein Yali … seine Unterkunft gehört nun dir. Ebenso sein Kaffeegeschirr … und diese seine Frau.«
Paul musterte die Frau und fragte sich: Warum weint sie nicht um ihren Mann? Warum zeigt sie keinerlei Haß für mich? Er stellte plötzlich fest, daß die Fremen ihn anstarrten, als erwarteten sie etwas von ihm.
Irgend jemand flüsterte: »Es wartet Arbeit auf uns. Sag ihr jetzt, als was du sie annehmen willst.«
Stilgar warf ein: »Willst du Harah zur Frau oder als Dienerin?«
Harah hob beide Arme und drehte sich langsam auf einem Bein, damit er sie von allen Seiten sehen konnte. »Ich bin noch jung, Usul. Man sagt, ich sähe immer noch so jung aus wie damals, als ich noch bei Geoff war … bevor Jamis ihn besiegte.«
Jamis hat also einen anderen umgebracht, um sie zu gewinnen, dachte Paul.
Laut sagte er: »Wenn ich sie jetzt als Dienerin akzeptiere, habe ich dann die Möglichkeit, meine Meinung nach einer gewissen Zeit zu ändern?«
»Du hast ein Jahr, um deine Entscheidung zu überprüfen«, erklärte Stilgar. »Danach ist sie eine freie Frau und kann wählen, wie es ihr beliebt. Du kannst ihr aber auch vorher schon die freie Wahl lassen. Aber egal, wie du dich entscheidest — für ein Jahr hast du die Pflicht, für sie zu sorgen. Das gilt ebenso für Jamis' Söhne.«
»Ich akzeptiere sie als meine Dienerin«, sagte Paul.
Harah stampfte mit dem Fuß auf und zog ärgerlich die Schultern hoch. »Aber ich bin noch jung!«
Stilgar musterte Paul und sagte: »Vorsicht ist eine gute Eigenschaft für einen Mann, der später eine Führungsrolle übernehmen wird.«
»Aber ich bin noch jung!« wiederholte Harah.
»Sei still«, befahl ihr Stilgar. »Wenn eine Entscheidung gefallen ist, hat man sich daran zu halten. Nun zeige Usul sein Quartier und sorge dafür, daß er frische Kleider und einen Platz zum Ausruhen bekommt.«
»Oh-h-h!« keuchte Harah.
Paul hatte die Frau jetzt genügend studiert, um einen Versuch mit ihr zu machen. Er spürte, daß die anderen Männer ungeduldig wurden, wegen des großen Zeitverlustes. Er fragte sich, ob es richtig wäre, jetzt nach dem Verbleib von Chani und seiner Mutter zu fragen, aber ein Blick in Stilgars Gesicht machte ihm klar, daß jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für derlei Fragen war.
Er sah Harah an, gab seiner Stimme den nötigen Klang, um ihr ein wenig Furcht und Ehrerbietigkeit zu injizieren und sagte:
»Zeige mir nun mein Quartier, Harah. Was deine Jugend angeht, so werden wir darüber ein anderesmal sprechen.«
Die Frau machte zwei Schritte zur Seite und warf Stilgar einen ängstlichen Blick zu. »Er hat die Zauberstimme«, keuchte sie erschreckt.
»Chanis Vater«, sagte Paul zu Stilgar, »steht tief in meiner Schuld. Wenn ich irgend etwas …«
»Das Konzil wird darüber entscheiden«, erwiderte Stilgar. »Und du wirst dabei auch sprechen können.« Er nickte Paul noch einmal zu und zog sich dann zurück. Der Trupp folgte ihm.
Paul nahm Harahs Arm, registrierte, wie kühl ihr Fleisch war und spürte, daß sie zitterte. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Harah«, erklärte er ihr. »Zeige mir nur mein Quartier.« Er gab seiner Stimme einen beruhigend wirkenden Tonfall.
»Du wirst mich nicht verstoßen, wenn das Jahr zu Ende ist?« fragte sie. »Ich weiß natürlich, daß ich nicht mehr so jung bin, wie ich es vor einigen Jahren war.«
»Solange ich lebe, wirst du einen Platz bei mir finden«, erwiderte Paul und ließ ihren Arm los. »Komm jetzt und zeige mir, wo ich hingehen muß.«
Sie ging voraus und führte ihn einen Gang entlang, der bald darauf in einen breiten, erleuchteten Tunnel mündete. Der Boden, auf dem sie sich bewegten, war weich, sauber und mit Sand bedeckt.
Während Paul neben Harah ging, musterte er ihr Profil.
»Du haßt mich nicht, Harah?«
»Warum sollte ich dich hassen?«
Sie nickte einer Gruppe von Kindern zu, die sie aus einem Nebengang heraus anstarrten. Hinter den Kindern sah er die Umrisse von Erwachsenen, die sich hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang bewegten.
»Ich … besiegte Jamis.«
»Stilgar hat mir gesagt, daß ihr die Zeremonie abgehalten habt und daß du ein Freund von Jamis warst.« Sie sah ihn von der Seite an. »Stilgar hat gesagt, daß du den Toten etwas von deiner Flüssigkeit gabst. Ist das wahr?«
»Ja.«
»Das ist mehr, als ich tue … als ich tun kann.«
»Du beklagst seinen Tod nicht?«
»Wenn die Zeit der Klage kommt, werde ich ihn beklagen.«
Sie gingen an einem offenen Gewölbe vorbei. Paul warf einen Blick hinein und sah, daß dort Männer und Frauen an Maschinen arbeiteten. Die Grotte war hell beleuchtet, und die Menschen machten den Eindruck hektischer Betriebsamkeit.
»Was tun die Leute da?« fragte Paul.
Harah warf, nachdem sie die Grotte hinter sich gelassen hatten, einen Blick zurück und erwiderte: »Sie beeilen sich, damit die Plastikwerkstatt ihr Soll erfüllt hat, wenn wir fliehen müssen. Wir brauchen viele Tausammler für die Niederlassung.«
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