»Mein armer Liebling«, sagte sie und tätschelte seine Wange. »Du weißt doch, daß dies die einzige Möglichkeit ist, die Blutlinie zu bewahren.«
Mit trockener Stimme erwiderte Fenring: »Ich verstehe schon, was wir tun.«
»Es wird schon nicht schiefgehen«, sagte seine Frau.
»Die Vorahnung des Versagens produziert bereits die ersten Schuldgefühle«, gab er zu bedenken.
»Niemand wird sich schuldig machen. Alles, was wir zu tun haben, ist Feyd-Rautha hypnotisch zu behandeln und ihn dazu zu bekommen, mir ein Kind zu machen. Anschließend verschwinden wir von hier.«
»Dieser Onkel«, sagte Fenring. »Ist dir je eine solche Deformation eines Menschen begegnet?«
»Er ist ein ziemlich ungestümer Charakter«, meinte sie, »aber aus dem Neffen könnte man einiges machen.«
»Ich würde mich jedenfalls für einen solchen Onkel bedanken. Aus dem Jungen hätte — unter anderen Umständen und einer anderen Erziehung — wirklich etwas werden können. Ich frage mich, wie er sich unter dem Kode der Atreides' entwickelt hätte.«
»Es ist traurig«, erwiderte Lady Fenring.
»Ich wünschte, wir hätten sowohl den Atreides-Jungen retten können, als auch diesen hier«, fuhr der Graf fort. »Nach dem, was ich über Paul gehört habe, soll er ein vielversprechender Bursche gewesen sein. Das Produkt einer guten Zucht und einer hervorragenden Ausbildung.« Er schüttelte den Kopf. »Aber wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, daß wir uns den Kopf über die Aristokratie des Unglücks zerbrechen.«
»Bei den Bene Gesserit gibt es ein altes Sprichwort«, sagte seine Frau.
»Gibt es eigentlich Situationen, in denen du kein Sprichwort parat hast?«
»Dieses hier wird dir gefallen«, lächelte sie. »Es heißt: Halte niemals einen Menschen für tot, ehe du nicht seine Leiche gesehen hast. Und selbst dann kannst du dich irren.«
In ›Zeiten der Reflexion‹ berichtet Muad'dib, daß seine wirkliche Erziehung und Bildung erst zu dem Zeitpunkt einsetzte, als er gezwungen war, sich mit den auf Arrakis herrschenden Realitäten auseinanderzusetzen. Er lernte an der Beschaffenheit des Wüstensandes das Werter zu erkennen; erfuhr, wie man aus der Schärfe wehender Sandkörner die Sprache des Windes herausliest, und wie man es vermeidet, die Sandkrätze in der Nase zu bekommen. Er fand heraus, wie man die Flüssigkeiten beieinanderhielt, die den eigenen Körper schützen und bewahren. Als seine Augen die Bläue des Ibad annahmen, erfuhr er die Wege der Chakobsa.
Stilgars Vorwort zu ›Muad'dib, der Mensch‹, von Prinzessin Irulan.
Stilgars Trupp kehrte, als sich der erste Mond leuchtend über die Felsen erhob, mit den beiden Flüchtlingen aus der Wüste in den Sietch zurück. Die in wallende Roben gekleideten Männer wurden schneller, je näher sie der Heimat kamen, so, als könnten sie die zurückgelassene Gemeinschaft förmlich riechen. Hinter ihnen färbte sich der Himmel grau. Bald würde die Sonne aufgehen und das Land überstrahlen. Man konnte am Glanz des Lichtes erkennen, daß der Herbst die erste Hälfte überschritten hatte.
Vor den steilen Felswänden, die das Talbecken abschirmten, lagen verdorrte Blätter, die die Sietch-Kinder gesammelt und deponiert hatten, aber der Trupp stieg darüber hinweg — wenn man von einigen Fehltritten Pauls und Jessicas absah — ohne andere Geräusche, als die in einer solchen Nacht üblichen, hervorzurufen.
Paul wischte sich den von seinem Schweiß festgetrockneten Sand von der Stirn, fühlte, daß jemand seinen Arm berührte und hörte Chanis Stimme flüstern: »Mache es so, wie ich dir gesagt habe. Zieh die Kapuze bis über die Stirn! Du darfst nur die Augen freilassen, sonst verschwendest du zuviel Flüssigkeit.«
Ein geflüsterter Befehl von hinten verlangte nach Ruhe: »Die Wüste hört euch!«
Aus den Felsen über ihnen ertönte Vogelgezwitscher.
Der Trupp verharrte. Paul konnte die Spannung förmlich fühlen.
Aus den Felsen kam ein leises Klopfen, das nicht lauter war als das Geräusch, das eine springende Maus erzeugte.
Erneut zwitscherte der Vogel.
Eine Bewegung ging durch die Reihen. Und wieder schien die Springmaus über den Sand zu hüpfen.
Der Vogel zwitscherte nun zum drittenmal.
Die Fremen kletterten weiter durch einen Felsspalt, aber ihr Schweigen schien Paul jetzt noch bedrückender als zuvor zu sein. Manche Männer warfen Chani einen Blick zu, woraufhin sie den Kopf senkte und in eine andere Richtung schaute.
Sie hatten jetzt wieder Felsen unter den Füßen. Die Roben, die ihn umgaben, raschelten. Paul stellte fest, daß die Disziplin ein wenig nachzulassen schien, wenngleich immer noch niemand den geringsten Ton von sich gab. Er folgte den schattenhaften Umrissen des Mannes vor ihm — einige Stufen hinauf, eine Biegung, wieder Stufen. Dann ein Tunnel. Sie gingen an zwei versiegelten Türen vorbei, bogen in einen Weg ein, der von Leuchtgloben beschienen wurde. Die Felswände waren ebenso wie die Decke in diesem Licht von gelber Farbe.
Paul sah, daß die Fremen um ihn herum die Kapuzen zurückzogen, die Nasenfilter entfernten und tief einatmeten. Jemand seufzte. Paul suchte Chani und fand sie links von sich. Er fühlte sich eingeengt von robenbekleideten Körpern, wurde angerempelt und hörte, wie jemand sagte: »Tut mir leid, Usul. Dieses Gedränge! Aber so ist es immer.«
Zu seiner Linken tauchte jetzt der Mann mit dem Namen Farok auf. Die geschwärzten Augenhöhlen und die tiefblauen Augen wirkten im Schein dieses Lichts noch unergründlicher. »Nimm die Kapuze ab, Usul«, sagte Farok. »Du bist jetzt zu Hause.« Er half Paul, indem er dafür sorgte, daß die anderen ein wenig Platz machten.
Paul schob den Gesichtsschleier beiseite und entfernte die Filterstopfen aus der Nase. Der Gestank, der hier herrschte, warf ihn beinahe um: ungewaschene Körper, wiederverwertete Fäkalien und Urin; überall herrschte der Geruch konzentrierter menschlicher Ausdünstung vor, und der charakteristische Duft, der auf dem Verzehr von Gewürz und gewürzähnlichen Substanzen basierte.
»Worauf warten wir, Farok?« fragte Paul.
»Auf die Ehrwürdige Mutter, glaube ich. Du hast die Nachricht gehört. Arme Chani.«
Arme Chani? fragte Paul sich. Er schaute sich um und suchte sie mit seinen Blicken. Aber nicht nur Chani, sondern auch seine Mutter war nirgendwo in diesem Gedränge zu erkennen.
Farok atmete tief ein. »Hier riecht es endlich wieder nach Zuhause«, sagte er.
Paul registrierte, daß in den Worten des Mannes nicht die kleinste Ironie mitschwang. Er meinte es ehrlich. Dann hörte er seine Mutter husten und sagen: »Wie reich die Düfte eures Sietchs sind, Stilgar. Ich stelle fest, daß ihr sehr viel mit Gewürz arbeitet … ihr stellt Papier her … Plastikerzeugnisse … und sind das nicht auch chemische Sprengstoffe?«
»Erkennst du das alles anhand der Gerüche?« fragte einer der Männer erstaunt.
Und Paul verstand, daß sie nur deshalb so laut sprach, damit er sich so rasch wie möglich an diesen Gestank gewöhnte.
Die Fremen an der Spitze der Truppe begannen sich nervös zu bewegen. Paul hörte, wie die Männer aufgeregt die Luft ausstießen. Flüsternde Stimmen sorgten dafür, daß sich eine bestimmte Meldung rasch weiterverbreitete: »Es ist also wahr — Liet ist tot.«
Liet, dachte Paul. Und dann: Chani, die Tochter Liets. Er konnte jetzt zwei und zwei zusammenzählen. Liet war der fremenitische Name des Planetologen gewesen.
Er schaute Farok an und fragte: »Ist es der Liet, der auch als Kynes bekannt war?«
»Es gibt nur einen Liet«, erwiderte Farok.
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