Robert Silverberg - Über den Wassern

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Über den Wassern: краткое содержание, описание и аннотация

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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* * *

Lawler begab sich unter Deck und bahnte sich einen Weg zu seiner Kabine am Heck. Hier unten gab es einen engen dumpfigen Gang längsschiffs, der nur von dem fettigen spuckenden Lichtschein der Fischtranfunzeln erhellt wurde, die in knöchernen Wandhaltern brannten. Die schwere rauchgeschwängerte Luft brannte ihm in den Augen. Er hörte die Oberflächenwellen gegen die Bordwand schwappen und das dumpfe verzerrte Echo in den Spanten. Von droben drang das schwere Knirschen der Masten in den Krampen.

Als Schiffsarzt stand Lawler eine der drei kleinen Einzelkabinen am Heck zu: Struvin hatte die daneben gelegene Backbordkabine. Delagard und Lis Nikiaus bewohnten zusammen die größte von den dreien weiter drüben am Steuerbordschott. Alle übrigen hausten zusammengedrängt im Vorschiff in zwei langen Abteilen, die als Aufenthaltsräume für Passagiere benutzt worden waren, als das Schiff als Fähre zwischen den Inseln eingesetzt war. Die erste Wache hatte das Abteil backbord, die zweite das steuerbord bezogen und dort ihren Kram verstaut.

Kinverson und Sundira waren in verschiedenen Wachen gelandet, hatten demzufolge also ihre Kojen nicht im selben Abteil. Lawler war darüber erstaunt. Nicht daß es so wichtig gewesen wäre, wirklich, wer wo schlief; es gab in diesen überfüllten Räumen sowieso kaum eine Möglichkeit zu ungestörter Intimität, so daß alle, die Lust auf ein paar lustvolle Momente hatten, sowieso ein Deck tiefer kriechen mußten, in den Frachtraum, um dort, zwischen Packkisten gequetscht, ihre Kopulationsbedürfnisse zu stillen. Aber waren die zwei überhaupt ein Paar, wie Delagard gesagt hatte, oder nicht? Dem Anschein nach nicht, das wurde Lawler mehr und mehr klar. Oder, falls doch, dann war es wohl eine recht lockere Beziehung. Seit Beginn der Fahrt schienen sie einander ja kaum überhaupt beachtet zu haben. Vielleicht war ihre Beziehung auf Sorve, was immer und wie immer und ob überhaupt da etwas war, weiter nichts gewesen als eine kurze Eskapade ohne Bedeutung, ein zufälliges Zusammenprallen körperlicher Bedürfnisse, ein angenehmer Zeitvertreib.

Lawler stieß mit der Schulter die Tür zu seiner Kabine auf und trat ein. Der Raum war nicht viel größer als ein Schrank und enthielt nichts weiter als eine Koje, eine Waschschüssel und eine kleine Holzkiste, in der er seine spärlichen persönlichen Besitztümer aufbewahrte, die er von Sorve mitgenommen hatte. Delagard hatte niemandem viel persönliches Gepäck erlaubt. Lawler hatte einige Kleidungsstücke gewählt, sein Angelzeug, ein paar Töpfe, Tiegel und Teller, einen Spiegel. Natürlich hatte er auch die Artefakte von der ERDE mitgenommen. Sie lagen auf einem Bord, seiner Koje gegenüber.

Den Rest seiner Habe, wenn man es als solche bezeichnen konnte, seine bescheidenen Möbel und Lampen und einige Ziergegenstände, die er aus Strandgut selbst gefertigt hatte, hatte er den Gillies vererbt. Seine Praxisausrüstung, die meisten seiner Medikamente und die schmale Bibliothek handschriftlicher Fachtexte befanden sich vorn neben der Kombüse in einer Kabine, die als Krankenstation diente. Der Großteil der Arzneivorräte lagerte drunten im Frachtdeck.

Er entzündete einen Wachsstock und besah sich im Spiegel seine Wange. Der ›Spiegel‹ war ein klobiges grobes Stück Seeglas, das Sweyner vor Jahren für ihn gefertigt hatte, und das dabei gewonnene Abbild war grob, verquollen und wolkenhaft undeutlich. Glas von hoher Qualität war auf Hydros eine Seltenheit, wo die einzige Rohstoffquelle für Quarz die Diatomeenbänke, die Kieselalgenablagerungen, auf dem Boden der Bucht waren. Doch Lawler hing an diesem Spiegel, so voller Blasen und so trüb er sein mochte.

Die heftige Begegnung mit dem Schleimaal schien keinen ernstlichen Schaden angerichtet zu haben. Über dem linken Wangenknochen war eine leichte Abschürfung zu erkennen, eine geringe Schmerzempfindung, wo ein paar der rötlichen Borsten in der Haut abgebrochen waren, weiter nichts. Lawler tupfte die Stelle mit einigen Tropfen von Delagards Beerenkraut-Brandy ab, gegen eine eventuelle Infektion. Sein sechster Sinn als Arzt sagte ihm, er brauche sich weiter keine Sorgen zu machen.

Seine Taubkrautflasche stand neben der mit dem Brandy. Er betrachtete sie nachdenklich einige Sekunden lang.

Er hatte seine normale Tagesration bereits genommen, vor dem Frühstück. Er brauchte keine weitere Dosis. Noch nicht.

Aber, zum Teufel, warum eigentlich nicht, dachte er. Was soll’s!

* * *

Später ertappte er sich dabei, daß er zu den Mannschaftsquartieren wanderte, auf der Suche nach Gesellschaft; er hatte keine Ahnung, wen er suchte.

Es war bereits wieder Wachablösung. Die zweite Schicht tat jetzt Dienst, der Gemeinschaftsschlafraum steuerbord war leer. Lawler spähte in den anderen Raum und sah dort Kinverson in seiner Koje schlafen. Natim Gharkid saß mit geschlossenen Augen im Schneidersitz da, als befinde er sich in Trance oder irgendeiner Meditation. Und Leo Martello kauerte über einer niedrigen Holztruhe und kritzelte im dünnen Lampenschein eifrig in ausgebreiteten Papieren herum. Wahrscheinlich, dachte Lawler, arbeitet er an seinem unendlichen Epos.

Martello war um die dreißig, kräftig, voller Energie; meist schoß er umher, als hätte er Sprungfedern im Hintern. Große braune Augen, ein freimütig-offenes Gesicht. Er ging gern mit kahlgeschorenem Kopf. Sein Vater war als Freiwilliger nach Hydros gekommen, ein Selbstexilierter, ein Landekapselmann. Er war auf Sorve aufgetaucht, als Lawler noch ein Junge war, und hatte Jinna Sawtelle, die ältere Schwester von Damis, geheiratet. Beide waren jetzt schon tot, hinweggerissen von der WOGE, als sie in einem kleinen Boot zu unguter Zeit draußen waren.

So etwa ab seinem vierzehnten Lebensjahr hatte Martello auf der Delagard-Werft gearbeitet; aber sein Hauptanspruch, etwas Besonderes zu sein, basierte auf dem gewaltigen Gedicht, das zu schreiben er behauptete: eine gewaltige Nacherzählung der grandiosen Auswanderung von der dem Untergang geweihten ERDE zu den Neuen Welten der Galaxis. Seit Jahren arbeitete er daran (behauptete er). Niemand hatte mehr als ein paar Zeilen davon gesehen.

Lawler blieb im Türluk stehen, da er nicht stören wollte.

»Ah, Doktor«, sagte Martello. »Sie kommen mir gerade recht. Ich brauche was gegen Sonnenbrand. Ich hab es heute wahrhaftig arg übertrieben.«

»Na, dann wollen wir uns das mal ansehen.«

Martello ließ das Hemd von den Schultern gleiten. Trotz seiner dunklen Bräunung sah man die Rötung unter den Epidermalschichten. Die Sonne von Hydros war stärker als jene, in deren Strahlen die Evolution der menschlichen Urahnenrasse erfolgt war. Lawler hatte stets alle Hände voll zu tun gehabt, um Hautkrebse, UV-Überbelastungsvergiftungen und alle nur erdenklichen dermatologischen Probleme zu behandeln.

»Na, es sieht ja nicht allzu bös aus«, beruhigte Lawler den Mann. »Komm morgen früh bei mir vorbei, dann kümmere ich mich darum. Wenn du glaubst, du wirst heut nicht schlafen können, kann ic h dir aber auch gleich was geben.«

»Nein, nein. Es geht schon. Ich schlaf eben auf dem Bauch.«

Lawler nickte erleichtert. »Was macht das berühmte Epos?«

»Es geht zäh voran. Ich habe den Fünften Gesang umzuschreiben begonnen.«

Lawler war nur milde überrascht, als er sich selbst auf einmal sagen hörte: »Darf ich mal reinschauen?«

Martello war noch mehr überrascht. Dann schob er ihm eines der sich rollenden Algenpapierblätter zu. Lawler hielt es mit beiden Händen offen, um lesen zu können. Martellos Schrift war knabenhaft-linkisch und unelegant, voller gewaltiger Schleifen und Schnörkel.

Nun schossen die Langschiffe hinaus
Ins dunkle Herz der Finsternis
Goldwelten, schimmernde, riefen
und unsere Väter folgten dem Ruf.

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