Die Bootsmannschaft der Queen of Hydros war in zwei Wachen eingeteilt, die sich im Vierstundenrhythmus abwechselten. Die zu einer Wache gehörenden Exilanten nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein. Zur ersten Wache gehörten Leo Martello, Gabe Kinverson, Pilya Braun, Gharkid, Dag Tharp und Gospo Struvin; die zweite Wache setzte sich aus Neyana Golghoz, Sundira Thane, Dann Henders, Delagard, Onyos Felk, Lis Nikiaus und Father Quillan zusammen. Es gab keine gesonderte Offiziersmesse; Delagard, der Reeder, und Struvin, sein Kapitän, aßen mit den übrigen in der Kombüse. Lawler, der keine festen Arbeitszeiten hatte, sondern ununterbrochen im Dienst war, unterlag als einziger nicht dieser Einteilung. Das kam seinem persönlichen Biorhythmus entgegen: Er konnte seine Morgenmahlzeit in der Dämmerung mit der zweiten Wache, das Abendessen mit der ersten bei Sonnenuntergang einnehmen. Aber es verlieh ihm auch ein seltsames Gefühl der Ungebundenheit, so als gehörte er nicht wirklich dazu. Bereits jetzt, in den ersten Tagen der Reise, begannen die zu den zwei Wachen gehörigen Passagiere so etwas wie Teamgeist zu entwickeln, und Lawler gehörte zu keinem der beiden Teams.
»Grünkraut-Eintopf heut abend«, Lis Nikiaus, als die Leute in die Kombüse kamen. »Gebackene Pilotfischflossen, Fischgrütze- Pfannkuchen und Weichbeersalat.« Es war der dritte Abend der Reise. Die Speisenfolge war bisher jedesmal dieselbe gewesen, und jedesmal hatte Lis mit fröhlicher Stimme dieses Menü angekündigt, als erwarte sie Stürme der Begeisterung. Sie übernahm vorwiegend das Kochen, und Gharkid und gelegentlich Delagard halfen dabei. Es waren karge Mahlzeiten, und es bestand wenig Aussicht, daß sie im weiteren Verlauf der Fahrt besser werden würden: Getrockneter Fisch, Pfannkuchen aus Fischmehl, Trockenalgen, Brot aus Algenmehl, ergänzt durch Gharkids jüngsten Fang von frischen Algen oder was sonst an Lebendigem am Tag ins Netz gegangen war. Bislang waren das stets nur Pilotfische gewesen. Seit der Abfahrt von Sorve waren diese geschwinden, neugierigen und gierigen speernasigen Geschöpfe in ganzen Schwärmen hinter dem Konvoi hergeschwommen. Kinverson, Pilya Braun und Henders waren die Fänger; sie arbeiteten von dem Fischplateau am Heck aus mit einer Rollenwinsch.
Struvin bemerkte: »War’n leichter Tag heut.«
»Zu leicht«, grunzte Kinverson und beugte sich über seinen Teller.
»Was willste? Willste Stürme? Die Tidenwoge?«
Kinverson zuckte die Achseln. »Eine leichte See macht mich mißtrauisch.«
Dag Tharp spießte eine zweite Fischmehlfrikadelle auf und sagte: »Wie steht’s mit dem Wasser heut abend, Lis?«
»Noch ein Schuß für jeden, mehr gibt’s nicht für diesmal.«
»Shit! Der Fraß macht durstig, weißte?«
»Wir werden noch viel durstiger sein, wenn wir schon in der ersten Woche unseren ganzen Wasservorrat saufen«, sagte Struvin. »Ihr wißt das ebensogut wie ich. Lis, hol ein paar rohe Fischfilets raus für den Funker und bring sie ihm.«
Vor der Abfahrt von Sorve hatten die Dorfbewohner so viele Trinkwasserbehälter an Bord genommen, wie die Schiffe nur tragen wollten. Dennoch hatten sie zum Zeitpunkt der Ausfahrt nur etwa ausreichend Vorräte für drei Wochen, berechnet auf rationierten Verbrauch. Sie würden sich unterwegs auf Regenfälle verlassen müssen; und wenn es nicht regnen sollte, würden sie andere Wege finden müssen, an Trinkwasser zu gelangen. Rohen Fisch zu essen, das war eine Möglichkeit. Jedermann wußte das. Doch Tharp mochte das nicht. Er blickte finster von seinem Teller auf. »Laß das! Ich kann rohen Pilotfisch nicht ausstehen!«
»Das nimmt aber den Durst«, sagte Kinverson ruhig.
»Es nimmt einem den Appetit«, sagte Tharp. »Ach, scheiß doch drauf, da bleib ich lieber durstig.«
Kinverson zuckte die Achseln. »Wie du willst. In ein, zwei Wochen denkst du bestimmt anders darüber.«
Lis setzte eine Schüssel mit bläßlichgrünen Fleischstücken auf den Tisch. Die rohen nassen Fischstücke waren in Streifen von frischgeernteten Gelbalgenblättern gewickelt. Tharp stierte trübselig auf die Schüssel. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich ab. Nach einem kurzen Zögern nahm Lawler sich von dem Gericht, auch Struvin und Kinverson. Der rohe Fisch war für Lawler angenehm kühl auf der Zunge, irgendwie besänftigend, beinahe durststillend. Beinahe.
»Was hältst denn du davon, Doc?« fragte Tharp nach einer geraumen Weile.
»Also — gar nicht so übel.«
»Wenn ich vielleicht bloß so dran lecken würde…« sagte der Funker.
Kinverson lachte vor sich hin und auf seinen Teller hinunter. »Du Arsch.«
»Was hast grad gesagt, Gabe?«
»Willst du wirklich, daß ich es wiederhole?«
»Verzieht euch auf Deck, ihr zwei, wenn ihr ’nen Krach haben müßt«, sagte Lis Nikiaus verärgert.
»Krach? Ich und der Dag?« fragte Kinverson erstaunt. Er hätte Tharp mit einer Hand in der Luft verhungern lassen können. »Red keinen Stuß, Lis!«
»Ach, du willst Knatsch?« schrie Tharp und sein kleines scharfes Rotfuchsgesicht wurde womöglich noch röter. »Na, dann komm, Kinverson. Komm raus! Denkste, ich hab Angst vor dir?«
»Das solltest du aber«, sagte Lawler leise. »Er ist viermal so schwer wie du.« Er grinste und wandte sich dann an Struvin. »Wenn wir unsere Wasserration für heute abend aufgebraucht haben, wie wäre es dann mit einer Runde Schnaps, Gospo? Gegen den Durst.«
»Aber klar!« brüllte Struvin. »Schnaps! Schnaps!«
Lis reichte ihm die Flasche. Struvin betrachtete sie mit verkniffenem Gesicht. »Das ist ein Sorve-Brandy. Den heben wir uns besser auf, bis wir wirklich verzweifelt sind. Gib mir das Zeug von Khuviar, bitte. Der Branntwein von Sorve ist die reinste Pisse.« Aus einem Schrank holte Lis ein anderes Gefäß, ein länglich gerundetes, dunkel schimmerndes. Struvin fuhr mit der Hand zärtlich über die Flasche und grinste genüßlich. »Khuviar, genau! Auf der Insel verstehen sie wirklich was von Schnaps. Und vom Wein. War da mal einer unter euch bei denen? Nein, ich merk schon, ihr habt keine Ahnung. Die trinken dort den ganzen Tag und die ganze Nacht. Es sind die glücklichsten Leute auf dem ganzen Planeten.«
»Ich war einmal dort«, sagte Kinverson. »Sie waren die ganze Zeit über besoffen. Sie taten die ganze Zeit nichts weiter als saufen und kotzen, und dann soffen sie weiter.«
»Jaaa, aber was die trinken«, sagte Struvin. »Aaach, was für köstliches Gesöff!«
»Und wer macht bei denen die Arbeit, wie kommen sie weiter«, fragte Lawler, »wenn sie nie nüchtern sind? Wer fängt den Fisch? Wer bessert die Netze aus?«
»Niemand«, sagte Struvin. »Es ist ein erbärmliches Drecksnest. Sie werden manchmal grad soweit wieder nüchtern, daß sie in die Bucht rausfahren können, um sich ’ne Ladung Beerenkraut zu holen, und das vergären sie dann zu Wein oder destillieren es zur Schnaps… und dann sind sie wieder betrunken. Ihr würdet es nicht glauben, wie die leben. Am Leib tragen sie nur Lumpen. Und sie hausen in Tanghütten, genau wie die Gillies. In ihrer Zisterne ist brackiges Wasser. Es ist ein scheußlich widerlicher Ort. Aber wer hat behauptet, daß alle Inseln gleich sein müßten? Keine Insel ist wie die andere. Ganz und gar nicht. So hab ich es jedenfalls immer gesehen: Jede Insel war ’ne Sache für sich und wollte gar nicht sein wie andere. Und auf Khuviar, da verstanden sie halt nun mal was vom Saufen. Da, Tharp, du sagst, du hast Durst? Na, dann nimm einen Schluck von meinem köstlichen Khuviar-Brandy. Ich lad dich ein. Trink!«
»Ich mag aber keinen Brandy«, maulte Tharp, »Und das weißt du verdammt gut, Gospo. Und außerdem macht das Gesöff dich bloß noch durstiger, klar? Es trocknet dir die ganze Haut drinnen im Maul aus. Stimmt’s, Doc? Da drüber solltest du dir mal klarwerden.« Er stieß einen explosiven Seufzer aus. »Ach, was soll’s… also her mit dem rohen Fisch!«
Читать дальше