Robert Silverberg - Über den Wassern

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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»Und unsere Mütter auch«, bemerkte Lawler.

»Jaja, die auch«, erwiderte Martello, leicht verärgert. »Sie bekommen einen eigenen Gesang, ein bißchen später.«

»Gut so«, sagte Lawler. »Sehr stark, die Poesie. Aber natürlich, ich verstehe nicht genug davon. Du schätzt es nicht, wenn sich Gedichtzeile n reimen?«

»Doktor! Der Endreim ist schon seit Hunderten von Jahren aus der Mode!«

»Ach, wirklich? Das habe ich gar nicht gewußt. Mein Vater hat uns manchmal Gedichte vorgesagt, alte Sachen von der ERDE. Die scheinen dort damals aber gern gereimt zu haben. It is an ancien Mariner / And he stoppeth one of three. / ›By thy long grey beard and glittering eye, / Now where-fore stopp’st thou me?‹« [2] Es ist ein alter Seemann, / und der hält einen von dreien an. / »Bei deinem langen grauen Bart und funkelnden Auge, / sag, warum hältst du mich an?

»Was für ein Gedicht ist das?« fragte Martello.

»Es hieß The Rime of the Ancient Mariner. Und es handelt von einer Fahrt übers Meer — einer sehr unseligen Reise. The very deep did rot; / O Christ! / That ever this should be! / Yea, slimy things did crawl with legs / Upon the slimy sea.« [3] Die Tiefe selbst vermoderte: O Gott! / daß es so etwas geben konnte! / Schleimiges Zeug mit Beinen kroch / auf dem schleimigen Meer. — Samuel Taylor Coleridge (1772–1834), ›Die Ballade vom alten Seemann‹; zitiert nach ›Gedichte der englischen Romantik‹, hrsg. von Raimund Borgmeier, Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1980

»Stark. Kannst du noch mehr davon auswendig?«

»Nur ein paar verstreute Zeilen«, gestand Lawler.

»Wir sollten uns mal zusammensetzen und über Poesie reden, Doc. Ich hab ja gar nicht gewußt, daß du Gedichte kennst.« Über Martellos sonniges Gesicht flog flüchtig ein Schatten. »Auch mein Vater liebte diese alten Gedichte. Von dem Planeten, auf dem er lebte, bevor er hierherkam, hatte er ein Buch mit Gedichten von der ERDE mitgebracht. Wußtest du das?«

»Nein«,sagte Lawler aufgeregt. »Wo ist es?«

»Fort. Er hatte es dabei, als er und Mutter ertrunken sind.«

»Das hätte ich gern gelesen«, sagte Lawler betrübt.

»Manchmal hab ich Momente, da glaube ich, daß ich dieses Buch genauso schmerzlich vermisse wie meine Eltern«, sagte Martello. Dann setzte er naiv hinzu: »Ist es abscheulich, so was zu sagen, Doktor?«

»Ich glaub nicht. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.« Water, water, every where, dachte er. And all the boards did shrink. »Hör zu, Leo, komm nach deiner Schicht am Morgen sofort zu mir, ja? Dann behandle ich dir den verbrannten Rücken.«

Water, water every where! Nor any drop to drink. [4] Wasser, Wasser überall, / und alle Planken schrumpften; / Wasser, Wasser überall, / und keinen Tropfen zu trinken.

* * *

Und noch ein wenig später stand Lawler wieder an Deck, allein unter dem pulsierenden Schwarz des nächtlichen Himmels in der kühlen, steten Brise aus dem Norden. Es war nach Mitternacht. Delagard, Henders und Sundira hingen in der Takelung und riefen sich ihm unverständliche Worte zu. Das Kreuz stand genau im Zenit über dem Schiff.

Lawler schaute hinauf, zu der säuberlichen Zackenformation, zu den Tausenden unvorstellbar großen explodierenden Wasserstoffkugeln, die da so exakt am Himmel aufgereiht standen… eine Linie in der Richtung, die zweite Linie quer dazu angeordnet. Ihm gingen noch Martellos ungeschliffene Verse im Kopf herum: Nun schossen die Langschiffe hinaus / Ins dunkle Herz der Finsternis… Konnte einer der Sonnensterne in dieser eindrucksvollen Konstellation dort oben die Sonne der ERDE sein? Nein. Nein! Man sagte, daß dieser Stern von Hydros aus nicht sichtbar sei. Nein, die Gestirne, die das Kreuz bildeten, waren andere. Doch irgendwo, tiefer drinnen in der Dunkelheit, verborgen hinter dem gewaltigen Lichtgalgen des Kreuzes, mußte diese eher kleine gelbe Sonne sich befinden, unter deren milden Strahlen die ganze Menschheitssaga begonnen hatte. Goldwelten, schimmernde, riefen / Und unsre Väter folgten dem Ruf. Ja, und unsere Mütter ebenfalls! Diese Sonne der ERDE hatte in wenigen Minuten wilder kosmischer Wut ihr vorheriges Geschenk, das Leben, zunichte gemacht. Hatte sich am Ende gegen das von ihr Geschaffene gewandt und es erbarmungslos mit harter Strahlung ausgetilgt, die in einem Augenblick den Mutterplaneten der Menschheit zu einem Klumpen schwarzer Kohle verbrannt hatte.

Lawler hatte sein ganzes Leben lang von der ERDE geträumt; von den frühen Tagen an, als ihm sein Großvater die ersten Geschichten aus der Welt der Vorfahren erzählt hatte, aber dennoch war sie ihm noch immer rätselhaft geblieben, ein Geheimnis. Und er wußte, dies würde immer so bleiben. Der Planet Hydros lag zu fernab, war zu rückständig, viel zu weit weg von irgendwelchen möglicherweise noch existierenden Zentren der Gelehrsamkeit. Es gab hier niemanden, der ihn hätte lehren können, wie es auf der ERDE einmal gewesen war. Er hatte wirklich kaum eine Ahnung davon, von der Musik , der Literatur, den bildenden Künsten, der Geschichte. Ihn hatten nur sporadische Tröpfchen von Daten erreicht, und da auch noch meistens nur die äußere Verpackung, nicht die Sache selbst. Lawler wußte beispielsweise, daß es einmal etwas gegeben hatte, das als ›Oper‹ bezeichnet worden war, doch er vermochte sich einfach nicht vorzustellen, wie das gewesen sein mochte: Leute, die eine Geschichte sangen? Und hundert Musikanten, die alle zugleich spielten? Er hatte noch nie hundert Menschen gleichzeitig an einem Ort versammelt gesehen. Und die ›Kathedralen‹? die ›Symphonien‹? die ›Hängebrücken‹? ›Autobahnen‹? Er hatte die Namen von diesen Dingen gehört, aber was diese Dinge waren, das blieb ihm ein Rätsel. Geheimnisse über Geheimnisse. Die verlorenen Geheimnisse der ERDE.

Diese kleine Kugel — beträchtlich kleiner als Hydros, so sagten sie jedenfalls — hatte Großreiche und Herrscherdynastien hervorgebracht, Könige und Generäle, Helden und Halunken, Märchen und Mythen, Dichter, Barden, große Meister ihrer Künste und Koryphäen der Wissenschaft, Tempel und Türme, Statuen und ummauerte Städte. Lauter grandiose und wundersame Dinge, deren Wesen er, der sein ganzes Leben auf dem erbärmlich armseligen Wasserplaneten Hydros zugebracht hatte, kaum erahnen konnte. Die ERDE, die uns hervorgebracht hat und uns nach jahrhundertelangem Bemühen hinaussandte ins Herz der Dunkelheit, zu den fernen Welten einer uns gleichgültig gegenüberstehenden Galaxie. Und dann war die Tür hinter uns mit einem Knall zugeschlagen. Einem Inferno von Strahlung. Und hier waren wir nun, Schiffbrüchige zwischen den Sternen.

Goldwelten, schimmernde, riefen…

Und da hocken wir jetzt, an Bord eines winzigen weiß en Klackses, und treiben durch das gewaltige Meer auf einem Planeten, der selber nichts weiter ist als ein Klacks in der schwarzen See der Unendlichkeit, die uns alle verschlingt.

Alone, alone, all, all alone. / Alone on a wide wide sea! [5] Allein, allein, ganz allein / allein auf einem weiten, weiten Meer!

An die folgende Zeile konnte Lawler sich nicht mehr erinnern. Aber das machte auch nichts, dachte er, eher im Gegenteil. Er stieg wieder unter Deck. Er wollte versuchen, ein wenig Schlaf zu finden.

* * *

Er hatte einen anderen Traum, einen Traum von der ERDE; doch er war verschieden von denen, die ihn über so viele Jahre heimgesucht hatten. Diesmal träumte er nicht vom Sterben der ERDE, sondern von dem Abschied von ihr, von der Großen Diaspora, der Zerstreuung, der Aussaat, dem Fluchtflug zu den Sternen. Und wieder schwebte er über der vertrauten blaugrünen Kugel seiner Träume; und wie er so hinabschaute, sah er, wie von ihr tausend blitzende schlanke Nadeln sich erhoben, oder vielleicht eine Million, jedenfalls viel zu viele, als daß er sie hätte zählen können. Und alle stiegen sie ihm entgegen, strebten nach draußen, oben, stießen langsam in den Raum vor, ein beständiger nach außen gerichteter Strom, Myriaden winziger Lichtpunkte, die in die Schwärze vorstießen, die den blaugrünen Planeten umgab. Er wußte, das waren die Schiffe der Raumfahrer, die unter den Menschen, die sich entschlossen hatten, die ERDE zu verlassen, die Forscher, die Wanderer, die Siedler, die in das Große Unbekannte vorstießen, die sich vom Mutterplaneten einen Weg suchten zwischen den unzähligen Sternen der Galaxis. Lawler verfolgte ihre Bahnen durch die Himmel, spürte hinter ihnen her bis an ihr Ziel, zu den vielen Welten, deren Namen er einmal gehört hatte, Welten, die für ihn ebenso geheimnisvoll, zauberhaft und — unerreichbar waren wie die ERDE selbst: Nabomba Zorn, wo das Meer scharlachrot und die Sonne blau ist. Alta Hannalanna, wo sich die großen Schleimwürmer mit Perlen von gelbem Jade in der Stirn durch den schwammigen Grund graben. Und Galgala, den Goldenen Planeten. Und Xamur, wo die Luft wie ein Meer von Wohlgerüchen ist und die elektrisch aufgeladene Atmosphäre knisternd in Schönheit wabert. Und Marajo mit seinem funkelnden Sand. Und Iriarte. Und Mentiroso. Und Mulano mit seinen Doppelsonnen. Und Ragnarek. Und Olympos. Und Malebolge. Und Sunrise…

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