Und sogar Hydros, dieser Planet am Arsch der Welten, von dem es kein Entrinnen gab…
Die Sternenschiffe von der ERDE flogen in jede nur erdenkliche Richtung, nur fort und weg. Und irgendwann unterwegs erlosch hinter ihnen der leuchtende Punkt, der einst die ERDE gewesen war. Lawler wälzte sich unruhig im Schlaf umher. Und wieder sah er diesen entsetzlichen Feuerball und dann die endgültige Finsternis, die über die ERDE hereinbrach, und er stöhnte im Schlaf vor Schmerz, Bedauern und Verlangen… diese ERDE gab es nicht mehr. Aber keiner sonst schien zu begreifen, daß sie in Trümmer fiel… alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, vorwärts zu streben, zu expandieren, immer höher und immer weiter zu gelangen. Wohin?
* * *
Tags darauf wanderte Gospo Struvin übers Deck und stieß mit den Füßen gegen etwas, das wie ein achtlos hingeworfener Haufen gelblicher nasser Taue aussah. Und er sagte: »He, wer hat denn das Netz da rumliegen lassen?«
Und Kinverson sagte an dem Tag dutzendmal: »Ich hab es euch ja gesagt… ich trau ’ner glatten See nicht.«
Und der Priester, Father Quillan, sagte: »Oh — yeah, mag ich auch durch die Schatten im Tale des Todes schreiten, es soll mich kein Unheil schrecken…«
Der tod struvins war zu plötzlich eingetreten, und zu einem zu frühen Punkt der Reise, als daß sie ihn irgendwie hätten akzeptieren, ja auch nur begreifen können. Auf Sorve war der Tod immer nahe: Einer fuhr mit dem Fischboot zu weit in die Bucht hinaus, und ein Sturm erhob sich aus dem Nichts, oder man wanderte gemütlich über den Hafendeich, und die WOGE brach ohne Vorwarnung herein und spülte dich fort, oder du entdecktest im Flachwasser ein paar köstlich aussehende Muscheln, und dann erwiesen sie sich als gar nicht so gesund. Aber das Leben an Bord des Schiffes schien ein Bereich relativer Unverletzlichkeit zu sein. Vielleicht gerade weil es so zerbrechlich war, nichts weiter als eine winzige Holzschale, ein bloßer Klacks, der inmitten der unvorstellbaren Unermeßlichkeit dahintrieb, hatten sich alle verführen lassen zu glauben, daß sie an Bord sicher seien. Lawler hatte damit gerechnet, daß es Schwierigkeiten geben werde und Spannungen und Entbehrungen, vielleicht auch die eine oder andere schwerere Verle tzung unterwegs nach Grayvard, Herausforderungen an seine in manchem dürftigen medizinischen Fähigkeiten. Aber ein Todesfall? In diesen friedlichen Gewässern? Und dann noch der Tod des Kapitäns? Und dies nach fünf Tagen seit der Abreise von Sorve. Und wie die ersten paar Tage dieser geisterhaften Ruhe beunruhigend und verdächtig waren, so erschien Struvins Tod ihm nun um so mehr als ein böses Omen, eine schreckliche Warnung vor unweigerlich auf sie zukommenden weiteren Kalamitäten.
Die Reisenden wuchsen enger zusammen, so wie sich rosa neue Haut um eine Wunde bildet. Jeder betrug sich entschlossen positiv, betont hoffnungsvoll und demonstrativ taktvoll, bemüht, der sowieso überstrapazierten Psyche der anderen nicht zu nahe zu treten. Delagard verkündete, daß er das Schiffskommando selbst übernehmen werde. Um die Teams der Deckswachen auszugleichen, wurde Onyos Felk der ersten Wache zugeteilt: Er sollte das Team Martello/Kinverson/Braun in den Wanten leiten, Delagard selbst übernahm das neue Team Golghoz/Henders/Thane.
Nach dem kurzen Verlust seiner Kontrolle, als er von Struvins Tod hörte, zeigte Delagard nun äußerlich das Bild von Kompetenz und höchster Unerschrockenheit. Er stand starr und hochgereckt auf der Brücke und überwachte die Arbeit des Tagesteams in der Takelung. Der Wind stand klar aus dem Osten. Die Fahrt ging weiter.
* * *
Vier Tage später schmerzten Lawlers Hände noch immer von der Berührung mit dem Netztier, seine Finger blieben weiterhin steif und taub. Das deutliche rote Linienmuster war mittlerweile zu einem trüben Braun verblichen, doch vielleicht würde Pilya recht behalten, und es würden Narben zurückbleiben. Aber das störte ihn kaum; an seinem Körper befanden sich zahlreiche Narben, die er sich über die Jahre hin durch die eine oder andere Achtlosigkeit zugezogen hatte. Aber die Fingersteifheit beunruhigte ihn. Er brauchte die Sensitivität seiner Finger, und nicht nur für chirurgische Eingriffe, die er hin und wieder ausführen mußte, sondern für die subtilen Palpitationen und Sondierungen am Körper seiner Patienten, die er für seine Diagnose unbedingt brauchte. Er konnte mit steckenstumpfen Fingern die Botschaften nicht entziffern, die ihr Körper aussandte.
Auch Pilya schien sich wegen seiner Hände Sorgen zu machen. Als sie zu ihrer Wache an Deck kam, trat sie zu ihm und ergriff behutsam seine Hände, genau wie sie dies kurz nach Gospo Struvins Tod getan hatte.
»Sieht nicht gut aus«, sagte sie. »Tust du auch deine Salbe drauf?«
»Aber ganz brav. Nur, sie sind inzwischen soweit wieder geheilt, daß die Salbe nicht mehr viel nützen kann.«
»Und die andere Medizin? Die rosa Tropfen? Der Schmerzstiller?«
»O ja. Ja. Ohne die würde ich es wohl kaum aushalten.«
Sie streichelte sacht mit ihren Fingern über die seinen. »Du bist ein so guter Mann, ein so ernsthafter Mann. Wenn dir etwas zustoßen würde, es würde mir das Herz brechen. Ich hab gesehen, wie du mit dem — Ding gekämpft hast, das den Käptn umgebracht hat, und ich hab eine fürchterliche Angst um dich gehabt. Und auch dann, als ich merkte, daß deine Hände verletzt waren.«
Auf dem kantigen stumpfnasigen Gesicht lag ein Ausdruck strahlender reinster Hingabe. Pilya war grobschlächtig und wenig schön, nur ihre Augen waren warm und voller Licht. Und der Kontrast zwischen ihrem Goldhaar und der glatten olivdunklen Haut war höchst reizend. Sie war eine starke, eine unkomplizierte junge Frau, und der Emotionsstrom, den sie jetzt projizierte, war starke und unkomplizierte, bedingungslose Liebe. Lawler wollte sie nicht zu grausam zurückweisen und entzog ihr behutsam seine Hände, lächelte sie dabei aber die ganze Zeit wohlwollend und unverbindlich an. Es wäre so leicht gewesen, das Angebot anzunehmen, einen stillen Winkel im Frachtdeck zu finden, sich die kleine harmlose Lust zu gönnen, die er sich so lange Zeit versagt hatte. Ich bin schließlich weder Priester noch sonst Zwangseunuch, erinnerte er sich. Ich habe schließlich weder ein Zölibats- noch ein Keuschheitsgelübde abgelegt… Aber irgendwie hatte er das Vertrauen zu seinen eigenen Gefühlen eingebüßt. Er war nicht bereit, sich sogar auf ein so unbedrohliches Abenteuer einzulassen, wie dieses es wahrscheinlich sein würde, weil er sich seiner selber nicht mehr sicher war.
»Meinst du, wir werden es überstehen?« fragte sie auf einmal unerwartet.
»Überstehen? Aber sic her werden wir!«
»Nein«, sprach sie weiter. »Ich hab immer noch Angst, daß wir alle hier auf See zugrunde gehen werden. Alle. Gospo war nur der erste.«
»Aber nein, es wird schon klappen«, sagte Lawler. »Das hab ich dir doch neulich schon gesagt, und ich sag es dir jetzt noch einmal. Gospo hatte einfach Pech. Mehr steckt da nicht dahinter. Es gibt immer mal jemand, der kein Glück hat.«
»Aber ich will leben. Ich will nach Grayvard kommen. Auf Grayvard wartet ein Ehemann auf mich. Das hat mir Schwester Thecla gesagt, als sie vor unserer Abreise mein Schicksal gelesen hat. Sie hat gesagt, wenn ich am Ende der Reise ankomme, werde ich meinen Gemahl finden.«
»Diese Schwester Thecla hat einer Menge Menschen eine ganze Menge verrücktes Zeug prophezeit, was uns am Ende unserer Reise widerfahren soll. Du solltest nichts auf das Geschwätz von Prophetinnen geben. Aber wenn du dir einen festen ehelichen Partner wünschst, Pilya, dann hoffe ich, daß in deinem Fall Schwester Thecla ausnahmsweise mal die Wahrheit prognostiziert hat.«
Читать дальше