»Für dich, Herr Doktor. Medizin. Wenn wir fortgehen. Zum Mitnehmen.« Gharkid grinste breit. Er schien sehr zufrieden mit sich selber zu sein.
Lawler kniete nieder und stocherte in dem matschigen Gewirr herum. Einige der Wasserpflanzen konnte er identifizieren. Die bläuliche da war schmerzlindernd; die mit den dunklen bandartigen, seitlich abführenden Blättern lieferte das brauchbarere der zwei verfügbaren Antiseptika, und diese da — ja, tatsächlich, das war Taubkraut. Ohne Zweifel, Taubkraut. Der gute alte Gharkid. Lawler blickte auf, und während sich ihre Augen begegneten, blitzte da in Gharkids dunklem Blick etwas auf, das ganz und gar nicht naiv und kindhaft war.
»Um’s mit aufs Schiff zu nehmen«, sagte er, wie wenn Lawler es vorhin nicht begriffen hätte. »Das sind die guten Pflanzen, die für die Medizin. Ich hab mir gedacht, du wirst sie brauchen, einen Extravorrat.«
»Das hast du sehr gut gemacht«, sagte Lawler. »Komm, ich helf dir das rauf zum Vaargh zu tragen.«
Es war eine reiche Ausbeute. Der Mann hatte von allem, das irgendwie medizinisch brauchbar war, etwas gesammelt. Lawler selbst hatte die Sache immer und immer wieder aufgeschoben, und schließlich war Gharkid einfach raus in die Bucht gefahren und hatte den ganzen Arzneibestand aufgestockt. Wahrhaftig, eine gute Arbeit, dachte Lawler. Ganz besonders das Taubkraut. Ihm blieb gerade noch ausreichend Zeit, das alles zu destillieren und fertigzustellen, ehe sie lossegeln mußten, die Pülverchen, Salben, Öle und Tinkturen zu bereiten. Und dann war seine Schiffsapotheke für den langen Trip nach Grayvard recht gut bestückt. Der kannte sich wirklich mit seinen Algen aus, der alte Gharkid. Und wieder einmal fragte sich Lawler, ob der Mann wirklich so einfältig war, wie es den Anschein hatte, oder ob das nur Tarnung war. Gharkid erweckte oft den Eindruck, als sei er eine leere Seele, eine tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt, auf das jeder kritzeln konnte, was er wollte. Doch es mußte mehr in ihm stecken, irgendwo tief drinnen. Aber was?
* * *
Die letzten Tage vor der Abreise waren schlimm. Zwar räumten alle die unabdingbare Notwendigkeit des Aufbruchs ein, aber nicht jeder hatte geglaubt, daß es wirklich soweit kommen werde, und nun brach diese Wirklichkeit mit schrecklicher Gewalt über sie herein. Lawler sah alte Frauen vor ihren Vaarghs ihre Habseligkeiten in Bündeln aufhäufen, und dann starrten sie ihren Besitz mit stumpfem Blick an, packten um, schleppten das Bündel zurück ins Haus und brachten andere Dinge heraus. Manche der Frauen und auch einige der Männer weinten unablässig, manche stumm, andere nicht so lautlos. Die ganze Nacht hindurch konnte man das hektische nervöse Schluchzen hören. In den schlimmsten Fällen verabreichte Lawler Taubkraut. »Nur ruhig, ganz ruhig«, sagte er immer wieder. »Still, still!« Thom Lyonides war drei Tage lang ohne Unterbrechung besoffen, grölte herum und fing dann mit Bamber Cadrell eine Prügelei an und erklärte, keiner werde ihn dazu bringen, die Planken von so einem Schiff zu betreten. Delagard und Gospo Struvin kamen vorbei und fragten, was, zum Teufel, der Krach solle, und Lyonides sprang Delagard an, hatte Schaum vor dem Mund und kreischte wie ein Irrer. Delagard versetzte ihm einen Hieb ins Gesicht, und Struvin packte ihn am Hals und würgte ihn, bis er sich wieder beruhigte. »Bringt ihn auf sein Schiff«, befahl Delagard Cadrell. »Und sorgt dafür, daß er dort bleibt, bis wir ablegen.«
Am vorletzten und auch am letzten Tag fanden sich Gruppen von Gillies direkt an der Grenzlinie zwischen ihrem Gebiet und der Menschensiedlung ein, standen nur da und beobachteten auf ihre unergründliche Weise, als wollten sie sich vergewissern, ob die Menschen sich auch tatsächlich zum Auszug anschickten. Inzwischen hatten alle Sorvesen eingesehen, daß es keine Rettung gab, daß die Ausweisung nicht zurückgenommen werden würde. Auch die letzten Zweifler, die bisher die Augen verschlossen hatten, mußten nun unter dem Druck dieser starren, unerbittlichen, fischigen Blicke sich der Wahrheit stellen: Sorve war für sie auf alle Zeit verloren. Grayvard sollte ihr neues Zuhause werden. Soviel stand fest.
* * *
Kurz vor dem Ende, wenige Stunden vor dem Aufbruch, stieg Lawler zum entferntesten Punkt der Insel, auf der anderen, der Bucht gegenüberliegenden Seite, wo das hohe Bollwerk direkt an den Ozean grenzte. Es war Mittag, und das Wasser war voller glastender Lichtreflexe.
Von seinem erhöhten Aussichtspunkt aus schaute Lawler übers weite offene Meer und stellte sich vor, daß er nun darüber hinfahren mußte, weitab von jedem Ufer. Er wollte sich prüfen, herausfinden, ob er sich noch immer fürchtete vor dieser endlosen Wasserwelt, in die er nun sehr, sehr bald hinausziehen würde.
Nein. Nein, da war nichts mehr. Seine ganze Furcht schien damals, in dieser Nacht der Besäufnis in Delagards Höhle, von ihm gewichen zu sein. Und war nicht zurückgekehrt. Er spähte in die Ferne, und er sah nichts als Meer, und auch das war gut so. Dort war nichts, wovor man sich hätte fürchten müssen. Er würde seine Insel eben mit den Planken eines Schiffs vertauschen, und das war ja im Grunde auch wirklich nichts weiter als eine Miniaturinsel. Also, welches war die schlimmste vorstellbare Möglichkeit? Daß sein Schiff in einem Sturm auf den Grund fahren könnte, wahrscheinlich, oder von der Tidenflutwelle zerschmettert würde und er sterben mußte. Na und? Früher oder später würde er sowieso sterben müssen. Das war nichts Neues. Aber schließlich passierten Schiffsuntergänge ja auch nicht dermaßen häufig. Die Chancen standen nicht schlecht, daß sie sicher nach Grayvard gelangten. Und dort würde er wieder an Land gehen und sein neues Leben beginnen.
Was er aber weit stärker noch immer fühlte, war nicht Bangnis vor der bevorstehenden Reise, sondern immer wieder eine scharfe, stechende Kümmernis, ein grämlich schmerzliches Verlustgefühl angesichts all dessen, was er hier zurücklassen mußte. Das schmerzliche Gefühl quoll rasch in ihm empor und verschwand ebenso rasch wieder, aber ungestillt.
Nun aber begannen sich seltsamerweise die Dinge, die er zurücklassen mußte, von ihm zu lösen. Er stand mit dem Rücken zur Siedlung und starrte auf die gewaltige dunkle Weite des Wassers hinaus, und alles schien in dem leichten Wind, der an ihm vorbei aufs Meer hinausstrich, davonzuwehen: Sein furchtbar ehrfurchtgebietender Vater, seine sanfte, unerreichbare Mutter, die fast vergessenen Brüder. Seine ganze Kindheit, die Jugend, das Erwachsensein, die Episode seiner kurzen Ehe, die Jahre als Inselarzt, als der Dr. Lawler seiner Generation… Alles schwand plötzlich dahin. Alles fiel von ihm ab. Er fühlte sich merkwürdig leicht, so als könnte er sich einfach in diesen leichten Wind hinaufschwingen und durch die Luft bis nach Grayvard schweben. Alle Fesseln waren gelöst. In einem Nu, einem kurzen Augenblick, war alles, das ihn hier band, von ihm abgefallen. Alles.
ZWEITER TEIL
Das Meer der Leere
Die ersten vier Tage der Fahrt waren geruhsam verlaufen, was beinahe verdächtig war. »Richtig gruslig, das ist es«, sagte Gabe Kinverson und wackelte feierlich mit dem Kopf. »Eigentlich müßte es hier draußen, mitten im Nirgendwo, Ärger geben.« Er blickte auf die langsame, gleichmäßige graublaue Dünung hinaus. Der Wind blieb fest. Die Segel waren voll. Die Schiffe blieben dicht beisammen und zogen über die glasige See nach Nordwesten, auf Grayvard zu. Die neue Heimat, das neue Leben; für die achtundsiebzig Reisenden, die Verbannten, die Ausgestoßene n, war dies wie eine zweite Geburt. Aber konnte eine Geburt — sei es die erste oder die zweite — so leicht vonstatten gehen? Und wie lange noch, bevor es aufhörte, so leicht zu sein?
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