»Hereinspaziert, Scott«, rief er. »Zieh die Stiefel aus und wärm dich am Kamin.«
Wir speisten im geräumigen Esszimmer, wo Bleiglasscheiben vom Feinsten an ihren Rahmen rüttelten. Kait plauderte ein bisschen über die Schule. (Sie hatte dieses Jahr Probleme, vor allem in Mathe). Whit erzählte mit weitaus größerem Enthusiasmus von seiner Arbeit. Janice fuhr nach wie vor ziemlich monotone Proteinsynthesen bei Clarion und verlor kein Wort darüber. Es schien ihr nichts auszumachen, dass Whit das große Wort führte.
Kait entschuldigte sich und stürmte ins angrenzende Zimmer, wo der Fernseher schon die ganze Zeit mit dem Wind um die Wette murmelte. Whit holte eine Karaffe mit Brandy. Er servierte die Drinks etwa so linkisch wie ein Westmensch, der eine japanische Teezeremonie zelebrieren möchte. Whit trank nicht eben viel.
Er sagte: »Ich fürchte, ich habe die ganze Zeit geredet. Wie steht es mit dir, Scott? Wie geht es dir?«
»Fortune presents gifts not according to the book.« [12] Song der Gruppe Dead Can Dance , etwa:»Fortuna lässt sich nicht in die Karten sehen.«
»Scotty rezitiert mal wieder«, lachte Janice.
»Was ich meine, ist: Man hat mir einen Job angeboten.«
»Du willst bei Campion-Miller aufhören?«
»Es ist jetzt zwei Wochen her, dass sich unsere Wege getrennt haben.«
»Oh! Mutige Entscheidung, Scott.«
»Danke, Whit, aber danach sah es erst mal nicht aus.«
Janice schien besser zu verstehen, worum es ging. »Und bei wem bist du jetzt?«
»Na ja, es ist noch nicht spruchreif, aber — erinnerst du dich an Sue Chopra?«
Janice runzelte die Stirn. Dann weiteten sich ihre Augen. »Ja! Cornell , richtig? Die Junior-Professorin, die diese spinnerte Einführungsvorlesung gehalten hat.«
Janice und ich waren uns an der Universität begegnet. Als ich sie das erste Mal sah, spazierte sie durchs Chemielabor mit einer Flasche Lithium-Aluminiumhydroxid in der Hand. Hätte sie die Flasche fallen lassen, hätte sie uns damit umbringen können. Erste Regel einer stabilen Beziehung: Lass die verdammte Flasche nicht fallen.
Es war Janice, die mich mit Sulamith Chopra bekannt gemacht hatte, einer lächerlich großen und klotzigen Promovierten, die dabei war, sich im Fachbereich Physik zu profilieren. Man hatte Sue (wahrscheinlich als Strafe für irgendeine akademische Indiskretion) ein fachbereichsübergreifendes Seminar für Zweit- und Drittsemestier aufgehalst, das Anglistikstudenten als naturwissenschaftliche und Studenten der Naturwissenschaft als anglistische Veranstaltung angerechnet wurde. Weshalb sie spornstreichs ein Curriculum schrieb, das so einschüchternd war, dass es alle abschreckte, bis auf ein paar naive Kunstapostel und versponnene Computerfreaks. Und mich. Die erfreuliche Überraschung war, dass Sue keinerlei Interesse hatte, jemanden durchfallen zu lassen. Sie hatte die Seminarbeschreibung so verfasst, dass die Parvenüs außen vor blieben. Mit dem Rest von uns wollte sie einfach nur eine interessante Unterhaltung führen.
Also wurde aus Metaphor and Reality-Modeling in Literature and the Physical Science [13] Metaphorik und Realitätsmodelle in Literatur und Naturwissenschaft
ein allwöchentlicher Salon und alles, was wir für ein »befriedigend« tun mussten, war zu zeigen, dass wir ihre Papiere gelesen hatten, und zu vermeiden, sie mit unseren Einlassungen zu langweilen. Gewonnen hatte man, wenn man sie nach ihren bevorzugten Forschungsobjekten fragte (die Calabi-Yau-Geometrie zum Beispiel oder den Unterschied zwischen prä- und kontextuellen Einflüssen); dann konnte sie zwanzig Minuten am Stück reden und benotete uns nach der Glaubwürdigkeit, mit der wir unsere gespannte Aufmerksamkeit zur Schau trugen.
Aber mit Sue konnte man auch lachen und sich zu abstrusem Unsinn versteigen, so dass ihre Stunden meist ausufernde und zwanglose Diskurse waren. Und gegen Ende des Semesters hatte ich aufgehört, in ihr den sechs Fuß vier Zoll großen, glupschäugigen und unmöglich gekleideten Kauz zu sehen und angefangen, sie als die lustige, vor Intelligenz sprühende Frau wahrzunehmen, die sie war.
Ich sagte: »Sue Chopra hat mir eine Stelle angeboten.«
Janice wandte sich an Whit und sagte: »Eine von den Cornell-Profs. Stand sie nicht kürzlich in der Zeitung?«
Schon möglich, aber das kam mir jetzt ungelegen. »Sie gehört zu einem mit Bundesmitteln finanzierten Forschungsprojekt. Sie hat genug Einfluss, um eine Hilfskraft einzustellen.«
»Sie hat sich mit dir in Verbindung gesetzt?«
Whit sagte: »Das klingt aber jetzt gar nicht nett.«
»Schon gut, Whit. Janice will sagen: Was kann eine Powerfrau wie Sulamith Chopra schon mit einem kleinen Programmierer wie mir anfangen? Die Frage ist berechtigt.«
Janice sagte: »Und die Antwort…?«
»Vermutlich braucht man noch so einen kleinen Programmierer.«
»Du hast ihr gesagt, du suchst Arbeit?«
»Naja, du weißt schon. Wir halten Kontakt.«
( Ich finde dich, wenn ich dich brauche, Scotty. Keine Bange. )
»Ah-ah«, machte Janice, womit sie mir zu verstehen gab, dass sie mir nicht glaubte. Aber sie hakte nicht nach.
»Prima, Scott«, sagte Whit. »Harte Zeiten, um ohne Arbeit zu sein. Wirklich prima.«
Damit war die Sache ausgestanden, aber nur bis nach dem Essen. Whit hatte sich entschuldigt und Janice wartete, bis er außer Hörweite war. »Du hast doch noch etwas auf dem Herzen.«
Etliches, doch erst mal das: »Der Job ist in Baltimore.«
»Baltimore?«
»Baltimore, Maryland.«
»Du meinst, du ziehst an den Atlantik?«
» Wenn ich den Job kriege. Wie gesagt, das ist noch nicht raus.«
»Du hast doch Kaitlin nichts gesagt.«
»Nein, hab ich nicht. Ich wollte erst mit dir darüber reden.«
»Ahaahh. Tja, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich meine, das kommt wirklich plötzlich. Die Frage ist, wie Kait reagiert. Schwer zu sagen. Nichts für ungut, aber in letzter Zeit redet sie nicht mehr so viel von dir.«
»Ich verschwinde doch nicht aus ihrem Leben. Wir können uns sehen.«
»Besuche ersetzen nicht den Vater, Scott. Ein Onkel kommt auf Besuch. Aber ich weiß nicht. Vielleicht ist es besser so. Sie und Whit kommen ganz gut miteinander aus.«
»Auch wenn ich nicht in der Stadt bin, bin ich immer noch ihr Vater.«
»Soweit du es immer warst, ja, das stimmt.«
»Das klingt, als wärst du böse.«
»Bin ich nicht. Ich frage mich nur, ob das kein Fehler ist.«
Dann kam Whit die Treppe herunter, und wir plauderten noch eine Zeit lang. Doch der Wind wurde lauter, harter Schnee tickte an die Fensterscheiben, und Janice äußerte sich besorgt über den Zustand der Straßen. Also verabschiedete ich mich von Whit und Janice und wartete an der Tür auf Kait.
Sie kam in die Diele. Statt mich wie sonst zum Abschied zu drücken, hielt sie ein paar Schritte Abstand. Ihre Augen blitzten und ihre Unterlippe zitterte.
»Kaity-Täubchen?«, sagte ich.
»Bitte nenn mich nicht so. Ich bin kein Baby.«
Dann kam ich dahinter. »Du hast gelauscht.«
Ihr Handycap hinderte sie nicht am Lauschen. Im Gegenteil, es hatte sie nur noch neugieriger und verstohlener gemacht.
»He«, sagte sie, »macht doch nichts. Du ziehst weg. Na und?«
Von allen Entgegnungen, auf die ich hätte kommen können, suchte ich mir diese aus: »Du solltest keine fremden Unterhaltungen belauschen, Kaitlin.«
»Sag mir nicht, was ich tun soll«, sagte sie, machte kehrt und rannte auf ihr Zimmer.
Einen Tag, bevor ich nach Baltimore zu einer Unterredung mit Sue Chopra fahren sollte, rief Janice an. Ich war überrascht, sie am Telefon zu hören — außerhalb der verabredeten Zeiten rief sie selten an.
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