Marta kehrte zurück. Sie war ganz naß, ihr nackter Körper glitzerte. Das nasse Haar klebte an ihrem schlanken Nacken. Die Brüste hoben und senkten sich in rascher Folge, kleine Halbkugeln aus Fleisch, an deren Spitze gekräuselte, rosafarbene Warzen standen. Sie könnte durchaus als etwas frühreife Vierzehnjährige durchgehen, dachte Muller, während er auf ihre schmalen Hüften und schlanken Oberschenkel sah. Boardman schob ihr einen Trockenapparat zu. Sie schaltete ihn ein, trat in das gelbe Feld und drehte sich einmal um sich selbst. Dann nahm sie ihr Kleid von der Ablage und zog sich ohne übertriebene Eile an. „Es war großartig“, erklärte sie. Ihr Blick traf Muller zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr. „Dick, was ist mit dir los? Du siehst so seltsam aus… wie benommen. Ist alles in Ordnung?“
„Alles bestens.“
„Was ist geschehen?“
„Mr. Boardman hat mir einen Vorschlag gemacht.“
„Sie können ihr alles erzählen, Dick. Wir haben nicht vor, die Sache streng geheim zu halten. Es soll ohnehin bald auf allen von Menschen bewohnten Welten bekanntgegeben werden.“
„Man will auf Beta Hydri IV landen“, sagte Muller mit heiserer Stimme. „Ein Mann soll hinab. Ich. Wie soll das überhaupt aussehen, Charles? Wird ein Schiff im Orbit stationiert, und dann fliege ich mit einem Beiboot hinab, das auch rückflugtauglich ist?“
„Ja.“
„Das ist Wahnsinn, Dick“, sagte sie. „Bitte geh nicht. Du wirst es dein Leben lang bereuen.“
„Falls es schiefgeht, Marta, bringt mir das einen raschen Tod ein. Und ich habe mich schon größeren Gefahren ausgesetzt.“
„Ach was. Ich will dir einmal etwas sagen, Dick. Manchmal habe ich so etwas wie ein zweites Gesicht. Ich kann in die Zukunft sehen.“ Sie lachte nervös auf. Ihre coole, intellektuelle Haltung war mit einem Schlag zunichte gemacht. „Ich glaube nicht, daß du das Leben verlierst, wenn du dorthin gehst. Aber ich weiß auch, daß du danach nicht mehr lange leben wirst. Bitte sag, daß du nicht gehst. Sag es, Dick.“
„Sie haben bislang noch nicht offiziell zugesagt“, erklärte Boardman.
„Das weiß ich“, sagte Muller. Er stand auf und stieß dabei beinahe mit dem Kopf gegen das niedrige Dach des Speisegleiters. Er trat auf Marta zu, legte die Arme um sie und erinnerte sich an das andere Mädchen in jener Nacht vor so langer Zeit in Kalifornien. Er dachte wieder an den wilden Ansturm von Macht, der über ihn gekommen war, als er sich von den strahlenden Sternen abgewandt und dem warmen, willigen Fleisch der geöffneten Schenkel unter sich gewidmet hatte. Muller drückte Marta fest an sich. Sie sah ihn erschrocken an. Er küßte sie auf die Nasenspitze und das linke Ohrläppchen. Sie fuhr vor ihm zurück, stolperte dabei und wäre beinahe Boardman in den Schoß gefallen. Boardman fing sie auf und ließ sie nicht mehr los. Muller sagte: „Du weißt, wie meine Antwort ausfallen muß.“
An diesem Nachmittag erreichte ein Sondierungsroboter die Zone F. Sie hatten immer noch ein gutes Stück vor sich. Aber Muller wußte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis sie das Herz des Labyrinths erreicht hatten.
„Da ist er ja“, sagte Rawlins. „Endlich!“
Durch die Augen der Drohne sah er auf den Mann in der Stadt. Mit verschränkten Armen lehnte Muller lässig an einer Mauer, ein großer, wettergebräunter Mann mit einem brutalen Kinn und einer keilförmigen Nase. Er schien durch die Anwesenheit des Roboters nicht aus der Ruhe gebracht worden zu sein.
Rawlins schaltete die Akustik der Drohne ein und hörte, wie Muller sagte: „Hallo, Robot. Warum störst du mich?“
Die Drohne konnte natürlich von sich aus keine Antwort geben. Auch Rawlins schwieg, obwohl er über den Roboter eine Botschaft hätte durchgeben können. Er stand nur etwas gebeugt vor dem Terminal, um besser sehen zu können. Die Lider seiner erschöpften Augen zuckten. Sie hatten neun Tage Planetenzeit gebraucht, um eine Drohne durch das ganze Labyrinth ins Zentrum zu bringen. Dieser Erfolg hatte sie fast hundert Drohnen gekostet. Beim Auffinden der sicheren Route war etwa alle zwanzig Meter ein Roboter auf der Strecke geblieben. Aber dieses Ergebnis war gar nicht einmal so schlecht, wenn man daran dachte, daß die Wahrscheinlichkeit, in diesem Irrgarten Fehlentscheidungen zu treffen, sehr hoch war. Aber mit viel Glück, dem sorgfältigen Gebrauch des Schiffscomputers und dem Einsatz einer ganzen Batterie von Sensorgeräten war es ihnen gelungen, den offensichtlichen Fallen und auch denen, die etwas raffinierter angelegt waren, aus dem Weg zu gehen. Und jetzt hatten sie es geschafft, sie waren im Zentrum.
Rawlins fühlte sich erschöpft. Er hatte die ganze Nacht am Terminal zugebracht und in dieser kritischen Phase, dem Eindringen in Zone A, die Steuerung übernommen. Hosteen war schon vor einiger Zeit zu Bett gegangen. Boardman schließlich auch. Einige wenige Mannschaftsmitglieder hatten immer noch außerhalb des Schiffes Dienst. Rawlins war als einziger Zivilist noch wach.
Er fragte sich, ob es vorgesehen gewesen war, daß Muller in seiner Schicht aufgespürt wurde. Wahrscheinlich nicht. Boardman würde nicht riskieren wollen, daß ein Unerfahrener in solch einem wichtigen Moment alles vermasselte. Nun, das war ihr Pech. Boardman und Hosteen hatten ihn bei seinem Dienst allein gelassen, und er hatte seine Drohne die letzten Meter hineingeführt. Und jetzt sah er direkt auf Muller.
Er suchte nach Anzeichen der inneren Qualen, die der Mann durchzustehen hatte.
Aber sie ließen sich nicht so leicht an seinem Äußeren ausmachen. Muller lebte hier schon seit so vielen Jahren allein, sollte ihm das etwa nicht aufs Gemüt, auf die Seele geschlagen sein? Und diese andere Sache, mit der die Hydrier ihm so übel mitgespielt hatten… das mußte doch noch an seinen Zügen abzulesen sein. Aber so weit Rawlins das erkennen konnte, war nichts zu bemerken.
Sicher, seine Augen wirkten traurig, und die Lippen waren zu dünnen, schmalen Strichen zusammengepreßt. Aber Ned hatte eigentlich etwas Dramatischeres erwartet, etwas Phantastischeres, eine Widerspiegelung von Agonie in seinem Gesicht. Statt dessen sah er in die runzeligen, indifferenten und irgendwie doch ausdrucksstark wirkenden Züge eines harten, belastbaren Mannes in der zweiten Hälfte der mittleren Jahre. Mullers Haar war ergraut, seine Kleidung sah recht abgewetzt aus. Er selbst wirkte etwas verbraucht und abgenutzt. Aber das war bei einem Mann, der neun Jahre in diesem Exil zugebracht hatte, auch nicht anders zu erwarten. Rawlins vermißte etwas Pittoreskeres, ein abgemagertes, verhärmtes Gesicht vielleicht oder dunkle Augen, hinter denen ein dunkles Geheimnis steckte.
„Was willst du hier?“ fragte Muller die Drohne. „Wer hat dich geschickt? Warum verschwindest du nicht wieder?“
Rawlins wagte nicht zu antworten. Er hatte keine Vorstellung von dem Spiel, das Boardman in diesem Moment spielen wollte. Kurz entschlossen schaltete er die Drohne auf passives Verhalten um und rannte zu der Kuppel, unter der Boardman schlief.
Der alte Mann ruhte unter einem Baldachin aus lebenserhaltenden Anlagen. Immerhin war er mit seinen knapp achtzig Jahren nicht mehr der Jüngste — obwohl er ganz und gar nicht wie ein Greis aussah. Eine Möglichkeit, sich das nicht ansehen zu lassen, bestand darin, sich jede Nacht an ein Regenerationssystem anzuschließen. Rawlins genierte sich ein wenig, Boardman, der so vollständig in sein Zubehör eingebettet war, stören zu müssen. An der Stirn des alten Mannes befanden sich Elektroden, die an sein Gehirn angeschlossen waren und ihm während der verschiedenen Schlafstufen eine ausreichende und alle Bereiche betreffende Wiederauffrischung garantierten, indem sie alle Erschöpfungsgifte aus seinem Verstand wuschen. Ein Ultraschall-Schröpfkopf filterte Ablagerungen und Fettrückstände aus Boardmans Adern. Hoch über seiner Brust hing ein verwirrendes Geflecht aus Leitungen und Schläuchen, die seinen Hormonspiegel kontrollierten. Die ganze Anlage war mit dem Schiffscomputer verbunden und wurde von dort auch gesteuert. In dem vollkommenen Regenerationssystem sah Boardman unwirklich und wächsern aus. Seine Atmung erfolgte langsam aber regelmäßig. Die weichen Lippen hingen schlaff herab. Die Wangen wirkten geschwollen und kraftlos. Die Augäpfel bewegten sich rasch unter den Lidern. Er träumte also im leichten Schlaf. Konnte er in diesem Augenblick unbedenklich geweckt werden?
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