Robert Silverberg - Der Mann im Labyrinth

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Richard Muller war einst Botschafter der Erde auf Beta Hydri IV. Etwas an seiner Aura, der Ausstrahlung seiner Gehirnwellen, stieß die Fremden derart ab, daß sie ihn veränderten. Mit dem Ergebnis, daß seine Gegenwart für sie erträglich wurde. Und mit einem zweiten Ergebnis: Menschen sind nicht länger fähig, seine Gegenwart zu ertragen. Richard Muller wurde zum einsamsten Menschen des Alls, zu einem Außenseiter, der sich auf einen sterbenden Planeten zurückzog, um sich dort in dem tödlichen Labyrinth einer verlassenen Stadt zu verstecken. Bis eines Tages Menschen von der Erde zu ihm kommen. Sie suchen ihn. Nur er kann ihnen helfen. Denn genau jenes Etwas, das ihn zum Ausgestoßenen gemacht hat, läßt ihn nun zur letzten Hoffnung der menschlichen Rasse werden. Nur er allein ist in der Lage, mit jenen gefährlichen Aliens in Verbindung zu treten, die plötzlich auf der Bildfläche erschienen sind…

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„Ich mache hier Urlaub“, erklärte ihm Muller.

„Opfern Sie mir einen halben Tag.“

„Ich bin nicht allein, Charles.“

„Das weiß ich. Bringen Sie sie doch mit. Wir machen einen kleinen Ausflug. Es handelt sich um eine sehr wichtige Angelegenheit.“

„Ich bin hierher gekommen, um den wichtigen Angelegenheiten zu entkommen.“

„Es gibt kein Entkommen, Dick. Das wissen Sie auch. Sie sind so wie Sie sind, und deshalb brauchen wir Sie. Werden Sie kommen?“

„Zum Teufel mit Ihnen“, sagte Muller leise.

Am nächsten Morgen flogen Marta und er mit dem Schnellgleiter zu Boardmans Hotel. Muller erinnerte sich heute noch so deutlich an den Ausflug, als hätte er letzten Monat stattgefunden und nicht vor fünfzehn Jahren. Sie waren über den Kontinentaleinschnitt geschwebt und so niedrig über den schneebedeckten Gipfeln geflogen, daß sie die beeindruckende Gestalt eines langhörnigen, ziegenartigen Felsenspringers entdecken konnten, wie er über die glitzernden Eisflüsse hüpfte. Zwei Tonnen Muskeln und Knochen, ein unglaublicher Koloß des Hochgebirges, die kostspieligste Beute, die Marduk anzubieten hatte. Manche Menschen verdienten in ihrem ganzen Leben nicht so viel Geld, um die Lizenz für die Jagd auf den Felsspringer zu erwerben. Und Muller wollte es damals so vorkommen, als sei selbst dieser Preis noch zu niedrig.

Dreimal umkreisten sie das riesige Tier, bevor sie zum Seen-Distrikt weiterflogen, der Ebene jenseits der Gebirgskette, wo eine ganze Platte diamantklarer Gewässer den fetten Leib des Kontinents umgürtete. Gegen Mittag waren sie am Rand eines lieblichen Waldes aus Immergrün gelandet. Boardman hatte die Fürstensuite des Hotels gemietet — in der es von Bildschirmen und Überwachungsgeräten wimmelte. Er ergriff Mullers Handgelenk zum Salut und umarmte Marta mit unverfrorener Lüsternheit. Sie ging auf Distanz und hielt ihn von sich ab. Unübersehbar betrachtete sie diesen Ausflug als reine Zeitverschwendung.

„Haben Sie Hunger?“ fragte Boardman. „Erst das Essen, dann die Arbeit!“

Er servierte den beiden auf seinem Zimmer Aperitifs: bernsteinfarbenen Wein in Pokalen, die aus einem blauen, auf Ganymed gewonnenen Felskristall gehauen waren. Danach bestiegen sie einen Speisegleiter und verließen das Hotel, um während der Mahlzeit über Wälder und Seen zu fliegen. Sie nahmen in Pneumosessein vor einem Panoramafenster Platz. Währenddessen rollte die Mahlzeit aus einem Container auf sie zu: frischer Salat, gegrillter einheimischer Fisch, importiertes Gemüse; zerriebener Streukäse von Centauri; Flaschen mit eiskaltem Reisbier; ein würziger grüner Likör zum Nachtisch. Völlig passiv und eingeschlossen in ihrer fliegenden Kapsel ließen sie sich das Essen, die Getränke und die Aussicht vorsetzen, atmeten die prickelnde Luft, die von außen hereingepumpt wurde, und beobachteten bunte Vögel, die an ihnen vorbeiflatterten und sich dann zwischen den weichen, fallenden Nadeln der in dichtem Grün stehenden Bäume in den Wäldern verloren. Boardman hatte alles sorgfältig vorbereitet, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Aber bei Muller waren diese Anstrengungen umsonst. So leicht ließ er sich nicht einlullen. Das hieß nicht, daß er Boardmans Auftrag, wie immer der auch aussehen mochte, nicht annehmen würde. Aber dann keinesfalls deswegen, weil man ihn durch bestimmte Tricks beeindrucken konnte.

Marta langweilte sich. Sie zeigte das mit der gleichgültigen Miene, mit der sie Boardmans auffordernd lüsternen Blicken begegnete. Das schimmernde Tageskleid, das sie trug, war mehr auf Enthüllen als auf Verbergen angelegt. Während die langgezogenen Moleküle kaleidoskopartig in einem bestimmten Muster über den Stoff zogen, gaben sie immer wieder kurze, freizügige Blicke auf ihre Oberschenkel und Brüste, ihren Unterleib und ihre Taille, auf ihre Hüften und auf ihren Hintern frei. Boardman wußte diese Vorstellung zu würdigen und schien bereit, in Martas scheinbare Bereitwilligkeit zu investieren. Aber sie ignorierte seine wortlosen Avancen völlig. Muller amüsierte das. Boardman nicht.

Nach dem Lunch landete der Gleiter am Ufer eines juwelengleichen Sees mit tiefem und klarem Wasser. Eine Seiten wand öffnete sich, und Boardman sagte: „Vielleicht möchte die junge Dame schwimmen gehen, während wir hier rasch die trockenen Geschäfte hinter uns bringen?“

„Eine ausgezeichnete Idee“, sagte Marta gleichgültig.

Sie stand auf und öffnete dabei die Schnalle an ihrer Schulter. Das Kleid glitt bis zu den Knöcheln hinab. Boardman zog eine große Show ab, indem er das Stück auffing und über eine Ablage hängte. Sie schenkte ihm ein mechanisches Lächeln, drehte sich um und ging zum Rand des Sees. Eine nackte, braungebrannte Gestalt, auf deren geschmeidigem Rücken und sanft gerundetem Hintereil die Reflexe der durch die Bäume scheinenden Sonne spielten. Mit den Waden im Wasser blieb sie einen Moment stehen. Dann sprang sie nach vorn und teilte den Wasserspiegel mit kräftigen und gleichmäßigen Stößen.

„Sie ist ganz nett, Dick!“ sagte Boardman. „Wer ist sie?“

„Ein Mädchen, noch ziemlich jung, glaube ich.“

„Jünger jedenfalls als die übliche Sorte, würde ich sagen. Und etwas schnippisch. Kennen Sie sie lange?“

„Seit letztem Jahr, Charles. Interesse?“

„Natürlich.“

„Ich werde es ihr sagen“, erklärte Muller. „Irgendwann einmal.“

Boardman lächelte ihn mit der Großzügigkeit und Freundlichkeit eines Buddhas an und deutete auf die gleitereigene Bar. Muller schüttelte den Kopf. Marta schwamm rücklings auf dem See. Die rosigen Spitzen ihrer Brüste waren gerade noch über der glatten Wasseroberfläche sichtbar. Die beiden Männer sahen sich an. Sie schienen im gleichen Alter zu sein, in den Fünfzigern. Boardman feist, kräftig und ergraut, Muller dagegen mager, kräftig und ergraut. Im Sitzen schienen sie sogar die gleiche Körpergröße zu haben. Aber dieser erste Anschein war falsch: Boardman war eine Generation älter, Muller knapp zwanzig Zentimeter größer. Sie kannten sich seit über dreißig Jahren.

In gewisser Weise gingen sie auch einer ähnlichen Arbeit nach. Beide gehörten zum Personal des Stabes, der nicht in der Verwaltung tätig war, gehörten zu den Männern und Frauen, die die Struktur der menschlichen Gesellschaft, die über die ganze Galaxis verstreut lebte, zusammenhielten. Keiner von ihnen besaß einen Dienstgrad oder offiziellen Rang. Beiden gemeinsam waren eine gewisse Einsatzfreude und der Wunsch, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen.

Muller respektierte Boardman für die Art, mit der er diese Fähigkeiten während einer langen und beeindruckenden Karriere eingesetzt hatte. Aber er wußte nicht, ob er den älteren Mann mochte. Er wußte, daß Boardman gerissen, skrupellos und dem Wohlergehen der Menschheit bedingungslos ergeben war. Und er wußte auch, daß diese Kombination von Ergebenheit und Skrupellosigkeit immer gefährlich war.

Boardman zog einen Visionswürfel aus einer Tasche seiner Robe und legte ihn vor Muller auf den Tisch. Dort lag er wie ein Spielstein aus einem kniffligen Spiel. Er war an jeder Seite sechs oder sieben Zentimeter lang und von sanftgelber Farbe, die sich von der polierten, schwarzen Marmoroberfläche des Tisches abhob. „Legen Sie ihn ein“, sagte Boardman freundlich. „Der Rekorder steht direkt neben Ihnen.“

Muller ließ den Würfel in den Eingabeschlitz ein. Aus der Tischmitte erhob sich ein großer Sichtwürfel mit einer Seitenlänge von fast einem Meter. Bilder erwachten in ihm. Muller sah einen wolkenumhüllten Planeten von mattgrauer Farbe. Es hätte die Venus sein können. Der Planet kam näher, und in dem Grau tauchten dunkelrote Streifen auf. Also nicht die Venus. Das Spionauge durchstieß die Wolkendecke und zeigte eine fremdartige Welt. Der Boden sah feucht und schwammig aus, gummiartige Bäume von der Form gigantischer Giftpilze erhoben sich aus ihm. Es war schwierig, ein Maß für die Größe zu finden, aber die Bäume wirkten tatsächlich riesig. Ihre blassen Stämme waren von spröden Fasern bedeckt und zwischen Boden und Wipfel wie ein Bogen gespannt. Tassenartiger Bewuchs umgab die Bäume an ihren Wurzeln und umringte sie bis zu etwa einem Fünftel der Stammeshöhe.

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