Kartographisch war das Labyrinth nun vollständig erfaßt.
Im Zentralcomputer auf dem Schiff war die sichere Route durch den Irrgarten gespeichert, mit allen entdeckten Fallen. Boardman war davon überzeugt, daß er Roboter hineinschicken konnte, die mit einer Wahrscheinlichkeitsrate von fünfundneunzig Prozent unbeschädigt Zone A erreichen würden. Ob ein Mensch die gleiche Route ebenso sicher durchqueren konnte, blieb abzuwarten. Selbst mit einem Computer im Hintergrund, der einem jeden einzelnen Schritt zuflüsterte, mußte ein Mensch doch alle Informationen durch ein fehlbares, zur Erschöpfung neigendes Gehirn filtern und mochte vielleicht nicht alles so aufnehmen wie die seelenlose, automatisch bewegte Maschine. Er mochte auch zu eigenen Erkenntnissen und Schlüssen kommen, die sich als fatal erweisen konnten. Daher mußten die Daten, die sie bislang gesammelt hatten, zuerst sorgfältig überprüft werden, bevor er oder Ned Rawlins sich in den Irrgarten wagen konnten.
Dafür waren die Freiwilligen da.
Sie gingen in dem Bewußtsein, ohne größere Schwierigkeiten den Tod zu finden. Niemand hatte versucht, das zu beschönigen oder ihnen etwas vorzumachen. Sie wußten genau, was ihnen bevorstand. Man hatte ihnen erklärt, daß es eine für die Menschheit entscheidende Frage war, Richard Muller zu bewegen, freiwillig das Labyrinth zu verlassen. Und das konnte am ehesten gelingen, wenn bestimmte Menschen — Charles Boardman und Ned Rawlins — persönlich mit Muller sprachen. Da Boardman und Rawlins unersetzlich waren, war es für die anderen unausweichlich, vor ihnen und für sie die Route zu erproben. So sah es eben aus. Die Freiwilligen standen bereit, wußten, daß sie ersetzbar waren. Sie wußten auch, daß die ersten tödlichen Unfälle in ihren Reihen durchaus von Nutzen sein mochten. Jeder Tod brachte neue Informationen und Erkenntnisse. Erfolgreich durchquerte, mit mehr Glück behaftete Passagen dagegen keine, zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sie zogen Lose.
Der dabei ermittelte erste Mann war ein Lieutenant namens Burke. Er wirkte sehr jung, und das war er wahrscheinlich auch, denn Militärpersonen unterzogen sich nur selten chirurgischen Verjüngungsoperationen, solange sie nicht in die höchsten Ränge gelangt waren. Burke war klein, kräftig und hatte dunkle Haare. Er bewegte sich so, als könne er theoretisch von den Reproduktionsanlagen des Schiffes ersetzt werden, was natürlich praktisch undurchführbar war.
„Sobald ich Muller gefunden habe“, erklärte Burke — er sagte nicht wenn —, „erzähle ich ihm, ich sei Archäologe. Richtig? Und falls es ihm nichts ausmacht, würde ich gern ein paar Freunde ins Labyrinth mitbringen.“
„Gut“, sagte Boardman. „Und denken Sie immer daran, je weniger professionelles Zeugs Sie von sich geben, desto eher wird er Ihnen Glauben schenken.“
Burke würde nicht lange genug leben, um Muller überhaupt etwas sagen zu können. Das wußten alle. Aber er winkte ihnen fröhlich, wenn auch etwas aufgesetzt zum Abschied zu und marschierte in Richtung Irrgarten los. Über ein Empfängergerät auf dem Rücken war er mit dem Schiffscomputer verbunden. Die Datenbank würde ihm genaue Anweisungen für seine Route geben und gleichzeitig den Zurückgebliebenen im Camp ein Bild von seinem Vormarsch projizieren.
Er bewegte sich geschickt und gewandt an den Fallen von Zone H vorbei. Natürlich verfügte er nicht über das Sensorenarreal, mit dem die Drohnen plötzlich nachgebende Platten und darunter befindliche Todesgruben, verborgene Energiekanonen, zuschnappende Türrahmen und all die anderen Alptraumfallen vorab ausmachen konnten. Dafür führte er jedoch etwas wesentlich Nützlicheres mit: das gesammelte Wissen um diese Schrecken, die auf Kosten von einer Unmenge Sondierungsroboter zusammengetragen worden waren, die sie nicht rechtzeitig genug erkannt hatten. Boardman saß vor seinem Bildschirm und sah auf die mittlerweile vertraut gewordenen Säulen, Pfeiler und Bastionen, auf die zierlichen Brücken, die Knochenhaufen und die gelegentlichen Reste einer zerstörten Drohne. Stumm drängte er den Lieutenant weiter, wußte, daß er in wenigen Tagen selbst diese Route gehen mußte. Boardman fragte sich, wieviel Burke sein eigenes Leben bedeuten mochte.
Der Lieutenant benötigte knapp vierzig Minuten, um von Zone H in Zone G zu gelangen. Er ließ sich nicht vom Stolz übermannen, als er die Grenze überschritt. Jeder wußte, daß G beinahe ebenso gefährlich war wie H. Aber bis jetzt funktionierte die Computerführung problemlos. Burke führte eine Art mörderisches Ballett auf: Er tänzelte an den Hindernissen vorbei, zählte sorgfältig seine Schritte, sprang hier, drehte sich dort zur Seite und machte dann einen gewaltigen Schritt über eine tückische Stelle im Straßenpflaster. Er kam gut voran. Aber der Computer konnte ihn nicht vor dem kleinen, mit gefährlichen Zähnen bewaffneten Tier warnen, das vierzig Meter innerhalb von Zone G auf einer verzierten Mauerkrone auf ihn lauerte. Das Raubtier gehörte nicht zum Arsenal des Labyrinths.
Es war eine zufällige, selbständige Falle, die nur auf eigene Rechnung arbeitete. Burke standen nur die Erfahrungen früherer Expeditionen zur Verfügung, auf Neues war er nicht vorbereitet.
Das Tier war kaum größer als eine kräftige Katze, aber seine Fänge waren lang und die Krallen scharf. Das Kameraauge in Burkes Rückentornister sah es, als es sprang… aber da war es auch schon zu spät. Der Lieutenant wußte eigentlich nicht, warum er seitlich auswich und nach seiner Waffe griff. Doch da saß das Tier bereits auf seiner Schulter und fuhr ihm an die Kehle.
Die Schnauze öffnete sich verblüffend weit. Der Computer übertrug tierische Kiefer, auf deren Anblick Boardman gern verzichtet hätte: Hinter einer Außenreihe nadelscharfer Zähne befand sich eine zweite Reihe, und dahinter noch eine dritte. Vielleicht konnte das Raubtier damit seine Opfer besser zerkauen. Oder es besaß mehrere Zahnreihen, um Ersatz für ausgebrochene Zähne zu haben. Auf jeden Fall sah man sich bei diesem Tier mit einem ganzen Zahnwald konfrontiert. Einen Moment später schlossen sich die Kiefer.
Burke stürzte zu Boden und krallte sich an den Angreifer. Blut spritzte. Mensch und Tier wälzten sich zweimal herum, gerieten in eine verborgene Falltür und verschwanden in einer Wolke öligen Rauchs. Als die Sicht wieder klar wurde, war von beiden nichts mehr zu sehen.
Wenig später meinte Boardman: „Wir haben also wieder etwas Neues gelernt. Die Tiere zeigen kein Interesse, die Drohnen anzugreifen. Wir lassen die nächsten Männer nur noch in Gruppen marschieren und geben ihnen einen Massedetektor mir.“
So wurde es beim nächsten Versuch gemacht. Ein sehr hoher Preis hatte für diese Erkenntnis bezahlt werden müssen, aber dafür wußten sie nun, daß sie nicht nur mit dem Schrecken der uralten Erbauer fertig werden mußten, sondern auch Angriffe von wilden Tieren abzuwehren hatten. Zwei Männer, Marshall und Petrocelli, gingen als nächste gemeinsam und bewaffnet ins Labyrinth. Sie sahen sich nach allen Seiten um. Kein Tier konnte sich an sie anschleichen, ohne daß seine Wärmeausstrahlung von den Infrarotsensoren des Massedetektors entdeckt werden würde. Die Männer erschossen vier Tiere, eins davon war ein wahrer Koloß, stießen in dieser Beziehung jedoch auf keine weiteren Schwierigkeiten.
Tief in Zone G gelangten sie an die Stelle, wo das Störfeld alle Datensammelgeräte nutzlos machte.
Wie mochte dieses Feld funktionieren? fragte sich Boardman. Er kannte irdische Verzerrer, die direkt auf die menschlichen Sinne einwirkten, indem sie sich wie normale sensorische Wahrnehmungen gaben und dann im Gehirn mit dem Ziel für Verwirrung sorgten, alle Korrelationen zunichte zu machen. Aber dieses Feld mußte anders sein. Es konnte nicht das Nervensystem der Sondierungsroboter angreifen, weil die so etwas gar nicht besaßen und ihre mechanischen Augen nur das übermittelten, was wirklich vorhanden war. Und dennoch hatten die Roboter in diesem Feld etwas gesehen und auch an den Computer weitergegeben, was mit der wirklichen Geometrie des Irrgartens an dieser Stelle nichts zu tun hatte. Andere Drohnen, die außerhalb der Feldreichweite standen, hatten völlig andere und verläßlichere Informationen über das vor ihnen liegende Terrain übermittelt. Also mußte das Feld nach irgendeinem direkten optischen Prinzip arbeiten, die Perspektiven in seiner Umgebung unmittelbar verändern, die Umrisse verzerren oder verbergen und aus normalen Konfigurationen falsche machen. Jedes Sehorgan, das in den Bereich dieses Felds geriet, würde ein Bild der Umgebung aufnehmen, an dem es keinen Grund zu zweifeln hatte, weil die Täuschung so perfekt war. Ob es sich dabei um einen menschlichen Verstand oder eine seelenlose Maschine handelte, spielte keine Rolle, der Effekt war derselbe. Eine interessante Erfindung, sagte sich Boardman. Vielleicht bekam man ja einmal die Gelegenheit, die Mechanismen dieser Anlage zu erforschen und zu verstehen. Später, irgendwann einmal.
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