Boardman klopfte auf den Bildschirm und sagte: „Heute Nachmittag gehen wir hinein, Ned. Wir werden die Nacht in der Basisstation verbringen. Morgen ziehen Sie weiter, um sich in Zone E Walker und Petrocelli anzuschließen. Übermorgen marschieren Sie allein ins Zentrum und suchen Muller.“
„Warum gehen Sie auch ins Labyrinth, Charles?“
„Um Ihnen zu helfen.“
„Sie könnten auch von hier draußen mit mir in Verbindung bleiben“, sagte Rawlins. „Sie brauchen Ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen.“
Boardman zupfte gedankenverloren an seinem Halsspeck. „Was ich tue, ist ohnehin auf das kleinstmögliche Risiko angelegt.“
„Wie?“
„Falls Sie in Schwierigkeiten geraten“, erklärte Boardman, „dann muß ich rasch zu Ihnen gelangen können, um Ihnen aus der Patsche zu helfen. Und da möchte ich lieber in Zone F bereitstehen, statt im Notfall durch das ganze Labyrinth eilen zu müssen, um Sie zu erreichen. Verstehen Sie, was ich meine? Von F aus kann ich rasch und ohne größere Gefahr zu Ihnen kommen. Aber nicht von hier draußen.“
„In welche Patsche könnte ich denn geraten?“
„Es könnte Probleme mit Mullers Dickköpfigkeit geben. Er hat keinerlei Grund, mit uns zusammenarbeiten zu wollen, und man ist auch früher schon nicht leicht mit ihm fertiggeworden. Ich kann mich noch an die Monate nach seiner Rückkehr von Beta Hydri IV erinnern. Wir hatten keine ruhige Minute mit ihm. Eine besonders ausgeglichene Persönlichkeit war er eigentlich nie, aber nach seinen Erlebnissen bei den Fremden war er wie ein brodelnder Vulkan. Damit wir uns nicht falsch verstehen, Ned, ich drehe ihm daraus keinen Strick. Er hat alles Recht auf seiner Seite, das ganze Universum zu hassen. Aber er hat etwas Unangenehmes an sich. Er verbreitet Unglück. Wer nur in seine Nähe kommt, wird gewissermaßen vom Pech verfolgt. Sie werden alle Hände voll zu tun haben.“
„Warum kommen Sie dann nicht einfach mit mir?“
„Unmöglich“, sagte Boardman. „Unser ganzer Plan wäre im Eimer, wenn er nur wüßte, daß ich mich auf dieser Welt befinde. Vergessen Sie nicht, daß ich es gewesen bin, der ihn zu den Hydriern geschickt und ihn quasi auf Beta Hydri IV ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen hat. Ich glaube, er würde mir sofort an die Gurgel springen, wenn er mich noch einmal sehen könnte.“
Rawlins wollte das nicht glauben. „Nein. So barbarisch ist er nicht geworden.“
„Sie kennen ihn nicht. Wissen nicht, wie er früher war. Und was aus ihm geworden ist.“
„Wenn er so voller Boshaftigkeit steckt, wie Sie behaupten, wie soll ich dann jemals sein Vertrauen gewinnen?“
„Gehen Sie einfach zu ihm. Machen Sie ein argloses und vertrauenswürdiges Gesicht. Da brauchen Sie sich gar nicht groß anzustrengen, Ned. Sie haben schon von Natur aus ein unschuldiges Gesicht. Erzählen Sie ihm, Sie seien Teilnehmer einer archäologischen Forschungsexpedition. Und lassen Sie sich mit keiner Miene anmerken, daß Sie bereits vorher von seiner Anwesenheit wußten. Sagen Sie ihm, Sie hätten das erst festgestellt, als unsere Drohne über ihn gestolpert ist. In diesem Augenblick hätten sie ihn wiedererkannt, sich an die Zeit erinnert, als er und Ihr Vater gute Freunde gewesen sind.“
„Ich soll also meinen Vater erwähnen?“
„Aber in jedem Fall. Eröffnen Sie ihm, wer Sie sind. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Erzählen Sie ihm, daß Ihr Vater verstorben ist, und fügen Sie hinzu, daß dies Ihre erste größere Reise in den Weltraum sei. Wecken Sie vor allem seine Sympathie, Ned. Rufen Sie väterliche Gefühle in ihm wach.“
Rawlins schüttelte den Kopf, „Seien Sie mir bitte nicht böse, Charles, aber mir gefällt das alles nicht — dieses Lügen.“
„Lügen?“ Boardmans Augen blitzten auf. „Ist es eine Lüge, wenn Sie sagen, Sie seien der Sohn Ihres Vaters und dies Ihre erste größere Expedition in den Weltraum?“
„Daß ich ein Archäologe bin?“
Boardman zuckte die Achseln. „Wollen Sie ihm lieber erzählen, Sie wären als Teilnehmer eines Suchtrupps nach Lemnos gekommen, der hinter Richard Muller her ist? Meinen Sie, damit sein Vertrauen gewinnen zu können? Denken Sie doch einmal über Ihre Aufgabe nach, Ned.“
„Sicher, der Zweck, der die Mittel heiligt. Schon verstanden.“
„Wirklich?“
„Wir sind hierher gekommen, um Muller zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, weil wir glauben, daß er der einzige ist, der uns vor einer schrecklichen Gefahr erretten kann“, sagte Ned. Seine Stimme klang gleichgültig, emotionslos und unbewegt. „Daher müssen wir uns aller Mittel bedienen, die Erfolg versprechen könnten.“
„Richtig. Und ich wünschte, Sie würden sich nicht so zieren, wenn Sie das sagen.“
„Tut mir leid, Charles, aber mir wird verdammt übel, wenn ich daran denke, wie ich ihn täuschen soll.“
„Wir brauchen ihn, Ned.“
„Sicher, aber ein Mann, der schon so viel durchgemacht hat…“
„Wir brauchen ihn trotzdem.“
„Also gut, Charles.“
„Ich brauche Sie auch, Ned“, sagte Boardman. „Wenn ich eine Möglichkeit sähe, die Sache selbst zu übernehmen, würde ich das sofort tun. Aber sobald er mich entdeckte, wäre es um mich geschehen. In seinen Augen bin ich ein Ungeheuer. Und genauso verhält es sich mit allen anderen, die früher mit ihm gearbeitet haben. Aber Sie stehen anders da. Es kann durchaus sein, daß er Ihnen Vertrauen schenkt. Sie sind jung, Sie sehen so verdammt tugendhaft aus, und Sie sind der Sohn eines seiner besten Freunde. Sie könnten es schaffen.“
„Ich soll ihm eine faustdicke Lüge nach der anderen auftischen, bis er auf unser Spielchen hereinfällt.“
Boardman schloß die Augen. Er schien sich nur mit Mühe beherrschen zu können.
„Hören Sie auf, Ned.“
„Fahren Sie fort. Was soll ich ihm erzählen, nachdem ich mich vorgestellt habe?“
„Versuchen Sie, Freundschaft mit ihm zu schließen. Und nehmen Sie sich Zeit dafür. Bringen Sie ihn so weit, daß Ihre Besuche zum festen Bestandteil seines Lebens werden.“
„Und was, wenn ich seine Nähe nicht ertragen kann?“
„Lassen Sie sich nichts anmerken. Ich weiß, das ist der schwierigste Teil am ganzen Unternehmen.“
„Das schwierigste ist die verdammte Lügengeschichte, Charles.“
„Wie Sie meinen. Trotzdem, zeigen Sie ihm, daß Sie seine Gesellschaft ertragen können. Strengen Sie sich an. Plaudern Sie mit ihm. Geben Sie ihm zu erkennen, daß Sie Zeit von Ihrer wissenschaftlichen Arbeit für ihn aufwenden und die Schinder und Sklavenantreiber, die Ihre Expedition leiten, nicht wollen, daß Sie sich so oft mit ihm treffen, Sie sich jedoch aus Mitleid und Sympathie zu ihm hingezogen fühlen und sich keinen Deut darum scheren, was die Vorgesetzten sagen. Erzählen Sie ihm alles über sich: Ihre Ambitionen, Ihre Erfahrungen mit Frauen, Ihre Hobbys, was immer Sie wollen. Plappern Sie munter drauflos. Das kann nur dabei helfen, bei ihm den Eindruck zu verstärken, es mit einem naiven jungen Mann zu tun zu haben.“
„Soll ich die Galaktiker erwähnen?“ wollte Rawlins wissen.
„Nun ja, aber fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus. Erwähnen Sie sie kurz am Rande, wenn Sie ihm zum Beispiel erzählen, was sich in der Zwischenzeit alles getan hat. Aber erzählen Sie bloß nicht zuviel. Und erst recht nichts darüber, was für eine Gefahr sie für uns darstellen. Und kein Sterbenswörtchen darüber, daß wir ihn dringend brauchen, verstanden? Wenn er den Eindruck gewinnt, wir wollten ihn nur benutzen, sind wir erledigt.“
„Wie soll ich ihn dazu bewegen, das Labyrinth zu verlassen, wenn ich ihm nicht sagen darf, was wir von ihm wollen?“
„Machen Sie sich darüber jetzt noch keine Gedanken“, antwortete Boardman. „Ich werde Sie schon auf die nächste Etappe vorbereiten, sobald Sie die erste bewältigt und sein Vertrauen gewonnen haben.“
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