— Bitte auf die Genossin Powileit warten, rief Schlinger ihm hinterher.
Kurt dachte nicht daran, auf die Genossin Powileit zu warten, allerdings kam die Genossin Powileit schon angetrippelt, ehe Nadjeshda Iwanowna sich auch nur des Mantels entledigt hatte — flink wie eine Spinne, die sich auf ihre Beute stürzt.
— Nanu, wo ist denn Irina?
— Irina ist krank, sagte Kurt.
— Krank? Was hat sie denn, wollte Charlotte wissen.
— Es geht ihr schlecht, sagte Kurt.
— Und Alexander? Sag jetzt nicht, dass es Alexander auch schlechtgeht!
— Mutti, es tut mir leid, begann Kurt. Aber Charlotte schnitt ihm das Wort ab.
— Also Kinder, wie stellt ihr euch denn das vor? Was soll ich denn Wilhelm sagen? Er wird heute neunzig!
— Jetzt hör mir mal zu, Mutti …
— Ja, entschuldige, sagte Charlotte, entschuldige … Aber ich drehe hier auch langsam durch. Ich kann bald nicht mehr!
Sie stöhnte, setzte ihren tragischen Blick auf.
— Der Jühn hat auch abgesagt, stell dir mal vor! Schickt einen Stellvertreter, unglaublich! Wilhelm wird neunzig! Er kriegt den Vaterländischen Verdienstorden in Gold! Und der schickt einen Stellvertreter! … Wo hast du denn deine Blumen?
— Ach, du Scheiße, sagte Kurt. Die hab ich zu Hause vergessen.
— Na, ist auch egal, dann nimmst du dir ein paar andere, sagte Charlotte. Ist ja genug da von dem Zeug.
Kurt schaute zur Garderobennische, wo schon unzählige Sträuße im Halbdunkel vor sich hin dämmerten, während die Stimme seiner Mutter wie aus der Ferne zu ihm drang …
— … und bitte, Kurt, wenn du jetzt reingehst, kein Wort über irgendwelche Ereignisse. Du weißt schon: Ungarn, Prag … Und nichts über die Sowjetunion.
— Und nichts über Polen, sagte Kurt.
— Genau, sagte Charlotte.
— Und nichts über das Weltall und nichts über den Mond, sagte Kurt.
— Kurt, ich bitte dich, er ist nicht mehr … Charlotte verdrehte vielsagend die Augen … Er hat nachgelassen, in letzter Zeit.
— Ich hab auch nachgelassen, in letzter Zeit, sagte Kurt.
Er entschied sich gegen die Blumen.
Als er das Zimmer betrat, saß Wilhelm in seinem Sessel wie immer, sah aus wie immer und benahm sich auch so. Schon seit Jahren pflegte er die Gratulationen sitzend entgegenzunehmen, an sich schon demütigend, fand Kurt, und als Wilhelm ihn, kaum dass er eingetreten war, auch noch in seiner herrischen Weise nach Alexander fragte, verspürte er abermals Lust, die Wahrheit zu sagen.
— Alexander ist krank!
Charlotte war ihm zuvorgekommen. Wilhelm nickte, er winkte Nadjeshda Iwanowna zu sich, nahm ihre Glückwünsche entgegen. Sie schenkte ihm ein Glas selbsteingelegter Gurken, und Wilhelm, der keine Gelegenheit ausließ, mit seinen Russischkenntnissen zu prahlen, versuchte es mit Garosch, Garosch ! Wahrscheinlich meinte er: Charascho (gut), aber nicht einmal das brachte er zustande. In Wirklichkeit konnte Wilhelm kein Russisch, hatte nie Russisch gekonnt. Denn obwohl er gern von seinen «Moskauer Jahren» sprach, hatte es diese «Moskauer Jahre» nie gegeben. Zwar war er tatsächlich 1936 in Begleitung von ihm, Kurt, und Werner (die dann beide «aus Sicherheitsgründen» dort geblieben waren) nach Moskau gereist, um sich — wie Kurt vermutete — beim Nachrichtendienst der Roten Armee geheimdienstlich ausbilden zu lassen. Allerdings hatte sein Aufenthalt nicht Jahre, sondern allenfalls Wochen gedauert. Obendrein lag die streng geheime Ausbildungsstätte irgendwo weit außerhalb, sodass Wilhelm Moskau in Wirklichkeit kaum mehr als dreimal im Leben gesehen hatte: Garosch, Garosch!
Damit es auch alle mitbekamen, zitierte Wilhelm jetzt Mählich heran, ließ sich das Gurkenglas öffnen und — aß eine Gurke … Und selbst das konnte er auf unnachahmlich großkotzige Weise: die Nachlässigkeit, mit der er die Gurke über dem Glas abtropfen ließ, wie er hineinbiss, wie er die angebissene Gurke, während er ungehemmt schmatzte, zwischen den Fingern hin und her rollte und sie betrachtete, als sei er die letzte Instanz zur Beurteilung der Qualität einer Gurke:
— Garosch, sagte Wilhelm noch einmal und gewährte nun endlich auch Kurt die Gunst, ihm zu gratulieren. Aber als Kurt ihm, den Abscheu vor Wilhelms gurkennassen Fingern überwindend, die Hand entgegenstreckte, winkte Wilhelm bloß ab: Bring das Gemüse zum Friedhof.
Gemüse zum Friedhof? Jetzt war Kurt doch überrascht: Hatte er tatsächlich, wie Charlotte es ausdrückte, «nachgelassen»?
Dann wandte er sich der Geburtstagsrunde zu. Früher waren zu Wilhelms Geburtstag hin und wieder ganz interessante Leute erschienen: Frank Janko, einmal jüngster Divisionskommandeur der Internationalen Brigaden, oder Karl Irrwig, der, immerhin, gegen Ulbricht einen deutschen Weg zum Sozialismus hatte durchsetzen wollen. Oder auch Stine Spier, die Brecht-Schauspielerin, die Charlotte und Wilhelm noch aus dem mexikanischen Exil kannten. Aber Jankos Name wurde im Hause nicht mehr genannt, seit er wegen irgendwelcher angeblicher «Machenschaften» sechs Jahre im Gefängnis gesessen hatte; Karl Irrwig, der zwar aus dem Politbüro ausgeschlossen worden, aber nicht vollständig in Ungnade gefallen war, blieb irgendwann einfach aus; Stine Spier, die am Geburtstagstisch stets komische, oft auch politisch anrüchige Geschichten vom Theater zum Besten gegeben hatte, war von Charlotte vor zwei oder drei Jahren endgültig hinauskomplimentiert worden, und auf diese Weise waren nach und nach alle einigermaßen interessanten Leute verschwunden, bis am Ende das übrig blieb, was jetzt hier versammelt war:
Mählich natürlich, Wilhelms größter Bewunderer (eigentlich ein netter Kerl, aber von einer geradezu tragischen geistigen Behäbigkeit); Mählichs immer irgendwie kranke Frau, eine ehemalige Polizistin (blond und früher einmal so hübsch, dass sie, wäre sie nicht hoffnungslos prüde gewesen, durchaus für seine, Kurts, Trophäensammlung in Frage gekommen wäre); daneben die Nachbarn von gegenüber, einander ähnlich wie ein Mops dem anderen, die Namen hatte Kurt, wie jedes Jahr, vergessen: Er war früher Hausmeister in Saschas Schule gewesen und erledigte heute kleine Botengänge für Charlotte und Wilhelm; von ihr war Kurt nichts bekannt, außer dass sie, so hieß es, einen künstlichen Darmausgang hatte (künstlicher Darmausgang: komische Idee); dann gab es noch den Abschnittsbevollmächtigten, den Genossen Krüger, den Kurt immer nur von weitem sah, wenn er mit dem Fahrrad vorbeifuhr; Bunke natürlich, Bluthochdruck, Oberst der Staatssicherheit, der immer — Krüß tisch, krüß tisch, wo is tenn Irina! — tat, als seien sie weiß Gott wie befreundet (dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal zum Tee eingeladen, um über die beiden Tannen in seinem Garten zu sprechen, die das Gurkenbeet von Nadjeshda Iwanowna verschatteten); Harry Zenk hatte sich ebenfalls hierherverirrt: ausnahmsweise ein intelligenter, ja sogar gerissener Mensch (jedoch dumm genug, sich zum Rektor der sogenannten Neuendorfer Akademie machen zu lassen); schließlich noch Gertrud Stiller, die immer errötete, wenn sie sich alljährlich hier begegneten: Vor langer Zeit hatte Charlotte ihm diese Frau einreden wollen, wobei das eigentlich Beschämende an der Angelegenheit war, dass Kurt diese Möglichkeit tatsächlich, wenn vielleicht auch nicht mit letztem Ernst, erwogen hatte — eins von Kurts geheimsten Geheimnissen, so geheim, dass er sich selbst kaum noch daran erinnerte; na und den Rest kannte er eigentlich nicht: irgendwelche Verkäuferinnen, Parteiveteranen, und, du lieber Gott, wie sah der denn aus!
— Flagamfall, sagte Till.
Tillbert Wendt, mit dem er im Kommunistischen Jugendverband Berlin-Britz gewesen war: ein Jahr jünger als er selbst. Kurt versuchte, kein allzu entsetztes Gesicht zu machen.
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