Im Zimmer der Therapeutin hing ein neues Bild, das Walter gleich beim Eintreten aufgefallen war. Eine altertümliche Schrift buchstabierte den rätselhaften Namen MÉLIÈS , ein Wort, das den Betrachter mit den erhobenen Augenbrauen seiner Accents anstarrte, über einer menschengesichtigen Mondscheibe, deren linkes Auge von einer Rakete durchbohrt war. Das Bild kam ihm bekannt vor. Aber woher?
Eine hingekritzelte Bildunterschrift: Für Val von Al .
— Ja, sicher, sagte Walter abgelenkt, aber ich habe mir … nur gedacht, dass es so vielleicht besser aussieht. Es sollen ja nicht alle wissen, dass ich gar kein Patient bin.
Valerie kämpfte ein Gähnen nieder, schwieg und sah wieder auf die Uhr. Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und klemmte sie hinters Ohr.
— Wir haben uns noch nicht über das Honorar unterhalten, sagte sie. Viel kann ich leider nicht zahlen.
— Okay, sagte Walter.
Er hatte so etwas schon erwartet, aber jetzt, da sie es sagte, war er doch enttäuscht. Immerhin hatte er ihr demonstriert, dass er sich anstrengen konnte, und er hatte sich in die fragmentarische Rolle, die sie für ihn entworfen hatte, gut eingearbeitet. Zum Teufel noch mal, er hatte sogar einen halben Nachmittag geopfert, um mit ein paar Leuten aus der Gruppe singen zu gehen, in die alte Kirche, in der fast nie jemand war. Es ärgerte ihn, dass niemand sein Talent mit Geld aufwiegen wollte.
Valerie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und streckte sich, dabei hob ihr T-Shirt sein schläfriges Lid und präsentierte aller Welt ihren Bauchnabel, an dessen Form und Größe man sehen konnte, dass sie keine junge Frau mehr war. Mein Gott, dachte Walter etwas deprimiert, wie jugendlich sie sich heute wieder vorkommt. Mit ihrem silbrig geäderten Haaransatz, ihrer Lesebrille und der Handcreme, die penetrant nach Krankenhaus riecht. Valerie gab ein merkwürdiges leises Jaulen von sich, wie ein –
— Ah, da bist du ja, sagte Walter.
Er hatte Valeries kleinen, roten Hund entdeckt, der, gut getarnt an einer schattigen Stelle, unter ihrem Schreibtisch saß und den Kopf mit dem feinen, grüblerischen Gesicht auf die Vorderpfoten gestützt hatte. Der Denker. Er begleitete sie manchmal in die Praxis. Der Hund war selbst so eine Art Patient, hatte sie Walter einmal erzählt. Plötzliche Panikattacken, die sich niemand erklären konnte. Armes Vieh.
Walter streckte seine Hand unter den Schreibtisch, aber der Hund lag zu weit weg. Er beobachtete die sich nähernde Hand, die auf halbem Weg schlapp machte, als wollte er sagen: Wird das heute noch was? Nein? Auch gut . Und er legte den Kopf zurück auf die Pfoten.
Valerie ließ ihr Handgelenk, das genau spürte, was Walter dachte, langsam rotieren, bis es befreiend knackte. Schau mich an, ich bin so was von beweglich , sagte das Gelenk, alles in mir ist fließend .
Hinter ihnen ging die Tür auf und die Sprechstundenhilfe erschien, holte Luft, weil sie etwas ungeheuer Dringendes verkünden musste, aber schon wurde sie sanft zur Seite gedrängt. Walter blickte in ein bekanntes Gesicht, das sich vor Überraschung verfinsterte. Valerie fuhr sich einmal mit der Hand durchs Haar, räusperte sich und sagte laut:
— Aber! Gabi, was … was haben Sie denn da?
Walter spürte etwas auf seinem Knie unter dem Schreibtisch. Bestimmt Valeries Fuß, der eine verschlüsselte Warnung überbringen wollte. Walter sah, dass ihr Gesicht alle morgendliche Entspannung verloren hatte. Eine labile Patientin, die mit einem dicken Packen Papier ins Büro geschwankt kam, bedeutete nichts Gutes. Die Sprechstundenhilfe zog sich ohne ein Wort zurück.
— Ich hab alles … alles, sagte Gabi und deutete wirr auf ihre Papiere.
Sie war außer Atem und musste sich setzen. Obwohl es draußen nicht kalt war, steckte ihr Hals in einem dicken Schal, der vor der Brust zu einem Knoten zusammengebunden war. Sie stellte ihr Zettelpaket vor Valerie auf den Schreibtisch. Der Turm stand ein wenig schief und der obere Teil rutschte nach links; Walter wollte rettend eingreifen, aber die Zettel glitten ihm durch die Hände und fielen auf den Boden.
— Egal, sagte Gabi, Hauptsache, ich hab endlich alles.
Sie hustete und klopfte sich überraschend fest und mit beiden Händen auf die Brust.
— Hn! Hn!
Walter bemerkte eine kleine Ader auf ihrer Stirn, die sich bewegte wie eine unter Folie gefangene Raupe. Die Zettel waren eng beschrieben mit Zahlen. Zahlenkolonnen, endlos und in wechselnder Handschrift.
Valerie sah ein paar davon durch, dann fragte sie sehr ruhig:
— Was haben Sie denn da notiert?
— Was Sie mir gesagt haben! Alles, einfach alles!
— Aber das sind lauter Zahlen, was stellen die denn dar?
Gabi schaute etwas hilflos zu Walter, der sie freundlich anlächelte, was sie sehr zu beruhigen schien. Lautlos bildeten ihre Lippen das Wort Hal-lo .
— Ach so, ja, fiel Valerie ein. Walter, wir sind dann ja fertig für heute.
— Oh, ich … ja, ja, sicher, sagte Walter.
Beinahe hätte er sich Gabi gegenüber wie der Therapiekomplize benommen, als der er angeheuert worden war. Er ging an den beiden vorbei aus dem Raum. Draußen hörte er Gabi hinter der geschlossenen Tür rufen:
— Alle Frequenzen! Einfach alle!
Und etwas, das wie ein verlangsamtes, heiseres Lachen klang. Darauf die Stimme von Valerie, die zu behutsam sprach, als dass man draußen verstehen konnte, was sie sagte. Walter hatte das dumpfe Gefühl, zu weit gegangen zu sein. Dann wieder wurde er wütend, und er sagte sich, dass ihn das alles gar nichts anging.
Als er aus der Praxis trat und zu seinem Fahrrad gehen wollte, sah er etwas Seltsames. Ein Kinderwagen parkte da vor dem Haus, mutterseelenallein. Und als er neugierig hineinsah, erschrak er, denn in dem Kinderwagen lag ein Haufen Holz, wie für einen Ofen.
Verrückt, was die Leute alles stehen ließen.
Er schüttelte den Kopf und fuhr nach Hause, wo er sich sofort vor den Fernseher setzte. Er blieb den ganzen Nachmittag davor sitzen. Sein Handy klingelte immer wieder, aber er ging nicht ran. Zahlen, dachte er. Bezahlung , dachte er. Viel kann ich nicht zahlen . Immer dasselbe.
Er schaltete planlos durch die Kanäle, ohne Ton. Bald erschien ein Schauspieler in Schiedsrichteruniform, der traurig in die Kamera blickte und dann in seine Trillerpfeife blies — sie war lautlos wie eine Hundepfeife. Aber Walter bekam das gar nicht mehr richtig mit, sein Kopf war schon viel zu müde.
Der Garten der erwachsenen Entscheidungen
Ich ging zu Lydia, um ihr zu sagen, was sich in mir angestaut hatte. Valerie.
Als sie mich hereinließ, umarmte sie mich.
— Seltener Gast, sagte sie.
— Hallo.
— Du schwitzt wie ein Schwein.
Da hatte sie Recht.
— Ein bisschen, ja. Ist heiß draußen.
— Zuviel überschüssige Energie? fragte sie.
Sie war stolz darauf, meine Gemütszustände am Geruch erkennen zu können. In diesem Fall hatte sie Recht. Ich war über eine halbe Stunde lang mit einer Erektion in einer der hintersten Sitzreihen des kleinen Vortragssaals gesessen und hatte hinterher mit Valerie zu Abend gegessen, nichts weiter.
— Energien muss man umleiten, sonst können sie einen umbringen, sagte Lydia im Tonfall eines Dokumentarfilmkommentars.
Ich berührte geistesabwesend ihre Schulter. Ich musste es ihr sagen, es war die perfekte Gelegenheit.
— Weißt du, Ly, um ehrlich zu sein, ich –
Aber sie nahm meine Hand von ihrer Schulter und biss mich sanft in den Finger.
— Du riechst wie ein fünfzehnjähriger Schüler, der sich in der Umkleidekabine für Mädchen in einem Schrank versteckt hat.
— Woher weißt du, wie so jemand riecht?
— So wie du, sagte sie.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу