— Ach so, ich verstehe schon. Du kannst jetzt nicht reden, oder?
— Nein.
— Ich versteh schon. Du brauchst auch nur Ja oder Nein zu sagen, ich stell die Fragen einfach so.
— Kann ich dich vielleicht später anrufen?
— Ich –
— Ich kann jetzt nicht reden.
— Aber wie lange?
— Hör zu. Kann ich dich später –
— Aber wann?
— Ich weiß nicht, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Einfach später.
— Okay.
— Aber es wird sicher noch dauern. Warte nicht darauf.
Sie schwieg eine Weile, dann begann sie, etwas leiser, von Neuem:
— Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass du jetzt nicht offen reden kannst, aber ich muss dich wirklich etwas Wichtiges fragen und du brauchst auch nur mit Ja oder Nein zu antworten.
— Geht es nicht etwas später?
— Es geht ganz schnell, versprochen.
— Weißt du was, ich rufe dich in einer Viertelstunde noch mal an. Bist du so lange noch wach?
Als hätte sie einen Grund, in meiner Wohnung zu übernachten. Was machte sie überhaupt bei mir zuhause?
— Ja.
— Also, dann bis später, sagte ich, es geht jetzt im Augenblick wirklich nicht.
— In einer Viertelstunde bin ich bestimmt noch wach.
— Also dann.
— So früh geh ich ja sonst auch nicht schlafen.
Dann legte sie auf. Oder die Verbindung wurde von höheren Mächten, die endlich ein Einsehen hatten, getrennt. Valerie hatte sich, während ich telefonierte, mit ihrem Schlüsselbund beschäftigt. Sie hatte ihn aus der Handtasche geholt, spielte damit und ließ ihn klingeln. Als ich das Telefon von meinem Ohr löste und es einen Augenblick ungläubig anschaute, ließ sie die Schlüssel auf den Boden fallen. Ich bückte mich danach.
— Dankeschön, sagte sie und deutete auf das Telefon in meiner Hand. Deine Freundin?
— Eine Freundin, ja, sagte ich.
— Eine von vielen? fragte sie verschwörerisch.
— Sehr viele, natürlich.
– Übrigens, ich habe zwei Karten für die Zauberflöte , sagte Valerie. Übermorgen um acht. Magst du?
Zuhause war ich immer noch so aufgeregt, dass ich mir im Internet zur Entspannung wackelige UFO-Videos anschaute. Valerie hatte die ganzen fünfundsiebzig Minuten unseres Zusammenseins mit mir geredet, war niemals aufgestanden und aus dem Raum gerannt. Kein einziges Mal. Kein einziges Mal! Sie genoss es also, mit mir zusammen zu sein. Ich war mehr als ein Abenteuer. Diese wunderbare Einsicht! Gott, ich hatte Lust, sie dafür hemmungslos zu ficken.
Der Mauscursor wackelte ein wenig, auch er war sehr aufgeregt. Zweimal klickte er daneben.
Dann öffnete sich ein neues Fenster.
Lichter. Wahrscheinlich unscharf gefilmte Glühwürmchen. Sie umkreisten einen weit im Hintergrund liegenden Berggipfel. Dazu eine sehr erregte amerikanische Stimme und ein Kommentar wie zu einem Pornofilm: Oh my GOD, it’s coming … I can see it … It’s fucking COMING … there it is … Wahoo! … oh my GOD, I can’t beLIEVE … look at THAT … oh my GOD .
Dann wechselte ich über zu einer Webcam, die auf den Hudson-River blickte. Eine hübsche und handliche Version des Jenseits. Eine Frau ging ruckelnd und zitternd durch das Bild, ging um die namenlose Straßenecke, die man gerade noch erkennen konnte; sie führte einen Hund an der Leine. Niemand würde je wissen, wer sie war. Niemals würde ich mit ihr Kontakt aufnehmen, mit ihr sprechen, nicht in einer Million Jahren. Aber sie hatte einen Hund an der Leine. Einen kleinen, schwarzen Dackel.
Auf einer anderen Seite, die ich seit einigen Monaten regelmäßig besuchte, konnte man inszenierte Todesvideos sehen. Künstler aus aller Welt beteiligten sich an dem Projekt. Es ging im Prinzip einzig und allein darum, Mord- oder Selbstmordvideos zu produzieren, die einen bestimmten Fehler hatten. Anschließend diskutierten nervöse Fans nächtelang in Foren, welcher Fehler das gewesen sein mochte. He’s dying too fast I’m tellin ya! Oder: There is no fucking blood .
Wie ich sah, hielt die Kontroverse um das Omensetter-Video (ein Selbstmord-Stunt mit einer Schlinge) immer noch an. Die Fans beschimpften sich inzwischen mit ihren Deutungsvorschlägen. Devvil235 schrieb: Stfu. At 2:11 u can see his goddam eyes move . Darauf konterte ein gewisser SirhanSirhan: You idiots havent noticed that he’s wearin a fake head! LOL!
Sie wusste nicht, was sie falsch gemacht hatte. Sie hatte das Programm befolgt. Das Schwirren und Brausen, das sich ihr von hinten näherte, hatte sich unterdessen verändert, allerdings nicht aufgrund ihrer Konzentrations- oder Singübungen. Dass der Hauptton in dem Brausen, das entfernt dem Gemurmel abendlicher Kirchenglocken über der Stadt ähnelte, ein unreines D war (in etwa 300 Hertz), war zwar genau betrachtet sehr bemerkenswert und vielleicht sogar ein wenig beruhigend, aber an der lästigen inneren Tontraube war dennoch etwas Rätselhaftes und Unerklärliches, vor allem, was ihre spontanen Verwandlungen anging.
Um es kurz zu sagen: In die schabenden, schwirrenden Geräusche mischten sich von Zeit zu Zeit geisterhafte Fetzen einer menschlichen Stimme.
Gabi kannte dieses Phänomen von zischenden Wasserleitungen, von Aufnahmen von menschlichem Applaus im Fernsehen oder auf Schallplatte, oder vom Knistern von Alufolie. Das Fragment eines erinnerten Telefongesprächs tauchte auf und verschwand wieder.
Mit Valerie hatte sie noch nicht darüber gesprochen. Sie hatte ihr bei einer ihrer Einzelsitzungen geraten:
— Gabi, Sie müssen es als einen Teil von sich selbst akzeptieren. Ich weiß, das sagt sich so einfach dahin, und ich bin mir auch darüber im Klaren, dass Sie sich das im Augenblick noch nicht vorstellen können. Noch ist das Geräusch ein Fremdkörper, der Fremdkörper, gegen den sich Ihr Bewusstsein wehrt, Tag und Nacht, im Traum wie im Wachzustand. Aber das wird sich ändern. Es verändert sich. Wenn Sie einige meiner Punkte befolgen, kann es sein, dass Sie diesen Prozess ein wenig beschleunigen, vielleicht sogar um ein erhebliches Maß. Gabi, ich möchte Ihnen eine kleine Vergleichsgeschichte erzählen. In Amerika fiel ein Mann, der bei einem Bauunternehmen arbeitete, in eine Grube und rammte sich einen Metallstab, etwa von dieser Länge und etwa so dick, direkt durch den Kopf. Durchs Gehirn. Sein Glück war, dass der Metallstab keine lebenswichtigen Zentren zerstört hat, sondern hauptsächlich Gebiete, die für die Koordination seines linken Armes zuständig waren. Außerdem wurde das Sehzentrum beschädigt, sodass er ab diesem Zeitpunkt farbenblind war. Entfernen konnte man den Stab nicht, das wäre zu gefährlich gewesen, also konzentrierte man sich darauf, ihn zu stabilisieren, mit einem Metallgerüst rund um den Kopf, das ein wenig an eine dieser riesigen Zahnspangen erinnerte, mit denen man Mädchen quält.
Eigenartig, Valerie hatte Mädchen gesagt. Als hätten Buben keine schiefen Zähne. Vermutlich wollte sie vermeiden, dass Gabi an Walter dachte. Sie hatte ihn nach der albernen Gruppensitzung nicht mehr darauf ansprechen können.
Schöne Hände.
Schöne Hände .
— Schließlich sägten die Ärzte den Metallstab ab und ließen den Rest im Gehirn des Mannes stecken. Er war natürlich vollkommen verstört seit dem Unfall, aber eine Therapie half ihm, damit umzugehen, und am Ende nahm er den Stab in seinem Kopf sogar als eine Art Mitbewohner an und gab ihm einen Namen. Leider erinnere ich mich nicht mehr daran, welchen. Und Sie, Gabi — Sie hatte Gabis Hand ergriffen, weil nichts anderes in der Nähe war —, Sie müssen genau dasselbe tun. Sie müssen das kennen lernen, was Sie quält. Nur so kann es geschwächt werden. Ich schlage Ihnen folgende Übung vor: Spielen Sie ein Instrument? Großartig. Dann setzen Sie sich hin, spielen Sie ein paar Noten. Und wenn Sie bei einer Note sind, die dem Ton in Ihrem Ohr ähnlich ist oder nahe kommt, spielen Sie ihn noch einmal. Nehmen Sie vielleicht auch ein anderes Musikinstrument zu Hilfe, das nahtlos verstellbare Tonhöhen hat, nicht wie bei einem Klavier. Zum Beispiel eine Gitarre. Oder eine Geige. Damit können Sie die Tonhöhe ganz genau treffen. Als nächstes bestimmen Sie die Frequenz. Schlagen Sie in einer Tabelle nach oder rechnen Sie es nach. Verwenden Sie eine Stimmgabel. Das ist der erste Schritt zu einem Namen. Bei den nächsten Schritten werde ich Sie selbstverständlich begleiten. Aber diesen ersten müssen Sie ganz allein bewältigen.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу