Ich biss etwas zu fest in ihren Nacken. Sie zog den Kopf ein und schüttelte mich ab. Obwohl ich kein Balancegefühl fand (mein Schwerpunkt befand sich irgendwo außerhalb meines Körpers, ein Bleigewicht, das von meiner Stirn pendelte), drängte ich sie irgendwie wieder ins Bett zurück. Sie ließ es sich gefallen. Aber die halbherzigen Bewegungen meines halbsteifen Glieds führten zu nichts und sie begann mit ihm zu spielen, ließ ihn hüpfen, was mir eine merkwürdige Spannung durch den Unterleib jagte, und kicherte über meine zu kurze Vorhaut.
— Tut das weh? fragte sie und hielt meinen Schwanz wie einen Pez-Spender, ihr Daumen auf der rot glühenden Spitze.
— Warum fragen mich das immer alle?
— Aus dem Pullover bist du rausgewachsen, sagte sie zu ihm, er nickte bestätigend in ihrer Hand.
Sie quietschte vor Vergnügen und rollte sich wieder auf den Bauch. In ihrer Albernheit hatte sie ihre Position falsch eingeschätzt und sie stieß mich vom Bett. Plötzlich lag mein Kopf auf dem Boden, in der Nähe eines Heizkörpers, der so hoch war wie ein Wolkenkratzer. Ich blieb glucksend auf dem Rücken liegen, ein Bein immer noch auf der Matratze.
Ich hatte eine mystische Vision von einem Riss, der quer durchs Zimmer ging, nein, quer durch die Raumzeit. Ich streckte die Hand danach aus. Die große Verwerfung war unsichtbar, aber ich wusste ganz genau, wo sie war, denn sie war weich und irgendwie wabernd, wenn man sie berührte, und sie eierte lustig hin und her, wie eine gespannte Wäscheleine. Sie versetzte das ganze Zimmer in Schwingungen. Die verborgene Herzsaite der Dinge.
— Das ist Wahnsinn, sagte ich.
— Hm?
Valeries Gesicht ging über dem Horizont des Bettes auf, erkannte mich und lachte. Sie hörte gar nicht mehr auf. Ich hätte wohl auch gelacht, wenn nicht ihr Kopf genau in den Riss geraten wäre und nun aus zwei Hälften bestand, die etwas versetzt zusammengesteckt waren. Ich versuchte sie mit meinem Fuß aus der Verzerrung zu schieben, aber sie nahm meine Zehen und begann sie zu zählen.
— Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Sechs Zehen!
Sie kicherte.
— Unmöglich, raunte ich.
Sie musste sich verzählt haben!
— Sechs Zehen, wiederholte sie. An jedem Fuß.
— Hast du, ich meine, hast du die Ferse, sagte ich verwirrt, vielleicht mitgezählt, ich meine …
— Nein, eindeutig sechs Zehen.
— Gibt’s nicht, sagte ich und drückte meine Augen zur Sicherheit zurück in ihre Höhlen. Du musst die Ferse mitgezählt haben.
— Hab ich nicht.
— Dann ist das Hexerei, sagte ich und musste lachen.
Ich spuckte mich aus Versehen an. Du liebe Zeit, ich war nackt. Wie lange war ich schon nackt?
— Wie spät ist es? fragte ich.
Valerie nahm meinen Fuß, tastete darauf herum.
— Sechs, sagte sie.
Wir kugelten uns vor Lachen.
— Fünf! Es ist höchstens fünf! protestierte ich, nach Luft japsend, während mein Zwerchfell zu schmerzen begann.
Ich versuchte einen langen, ruhigen Atemzug, aber es war unmöglich, der Lachkrampf schnürte mich in ein enges Korsett. Alles war entsetzlich komisch, Valeries verklebte Haarsträhnen auf ihrer Stirn, ihre Schultern, mein Fuß, das Bett, der Riss — er war das Allerkomischste. Eine unwissende Fliege flog einfach mitten hindurch und wurde in der Mitte gespalten. Die beiden Fliegenhälften flogen getrennte Wege.
— He, bevor ich’s vergesse … du kommst doch zu meinem Vortrag? sagte Valerie.
— Welcher Vortrag? fragte ich, immer noch außer Atem.
Ein komisches Wort. Vortrag. Fort tragen. Vortag .
— Morgen.
— Sicher, sicher. Ich folge dir überallhin. Ich bin dein Kometenschweif.
Ihr Gesicht erschien wieder über dem Bettrand.
— Das hast du schön gesagt, sag das noch mal!
— Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe den Faden verloren. Wissen Sie noch, was ich gerade gesagt habe?
— Ja, sagte Walter. Sie wollten sich gerade bei mir beschweren.
— Ah, ja, sagte Valerie. Natürlich. Was zum Teufel sollte das gestern Abend?
— Wieso, was meinen Sie?
— Walter, ich habe Sie gebeten, mir zu helfen, weil Sie Erfahrung als Schauspieler haben. Das haben Psychologen in den allermeisten Fällen natürlich nicht. Deshalb habe ich auch absichtlich keinen Kollegen gefragt, die verpatzen immer alles … Pfeife rauchende Idioten … Aber, ich meine, Sie brauchen hier wirklich keine Show abzuziehen.
— Hab ich doch gar nicht! Haben die anderen nicht gut auf mich reagiert?
Valerie rieb sich die Augen, kratzte sich am Hals.
— Ja, sicher, sagte sie. Sicher haben sie das. Aber es hätte auch anders kommen können.
— Sie sind doch für unkonventionelle Methoden bekannt, sagte Walter.
Das war völlig frei erfunden, er hatte noch nie in seinem Leben jemanden über Valeries Methoden sprechen gehört. Sie wurde rot, eine nackte Felswand, auf der die Morgenröte emporklettert, und ging mit ihm noch einmal Schritt für Schritt alle Punkte durch. Trotzdem hatte Walter den Eindruck, dass sie heute nicht ganz bei der Sache war. Sie trug einen Rollkragenpullover, obwohl es dafür viel zu warm war, und kratzte sich ständig den Hals. Als Valerie ihm Zeit ließ, ein paar wichtige Sätze durchzulesen und vielleicht sogar schon zu memorieren, bemerkte er, dass sie mit einem geistesabwesenden Lächeln zum Fenster hinausstarrte und ein Bein auf dem anderen schaukeln ließ. Walter kannte diesen Blick und verstand nun auch den Pullover, den unaufgeräumten Schreibtisch, auf dem leere Schokoriegel-Verpackungen lagen, verstand die Augenringe und den erdig-verschwitzten Sommergeruch, den seine neue Vorgesetzte an diesem Morgen verströmte.
Verliebt. Mit ihren Gedanken woanders. Und wahrscheinlich Bissspuren im Genick.
Als Walter den Text durchgelesen hatte, erklärte sie ihm noch ein paar sehr wichtige Aspekte des Charakters, den er verkörpern sollte. Mit weit ausholenden Gesten sprach Valerie von einem angenehmen Schwindelgefühl, das erzeugt werden sollte. Ein Schwindelgefühl, das den Körper (sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, räusperte sich und wiederholte dieses Wort), den Körper wieder in seine Balance brachte. Es sei dasselbe Schwindelgefühl, das einen befällt, wenn man erkennt, jeder Mensch ist nur eine gespannte Saite über einem Abgrund.
Walter hatte große Schwierigkeiten, ihr zu folgen. Ihm erschien diese Erklärung paradox und er fragte nach. Während er seine Zweifel formulierte, schaute Valerie zur Decke, wo es tausend interessante Dinge zu sehen gab, und antwortete schließlich, dass es doch gut sei, wenn er eigene Aspekte einbringe. Zum zwanzigsten Mal rückte sie ihre Füllfeder zurecht.
Walter gab auf. Er beschloss, die Zeilen auswendig zu lernen. Schwindelgefühle, die Balance erzeugten. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sie sprach. Trotzdem bedankte er sich bei Valerie und erhob sich, um zu gehen.
— Das ist so, murmelte Valerie, die ein wenig aus ihrem Morgentaumel erwacht schien.
Walter wartete gespannt, aber sie hatte vergessen, was sie sagen wollte. Sie ließ die Füllfeder durch ihre Finger gleiten, malte sich aus Versehen den Handrücken an und bemerkte es nicht, dann stand auch sie auf und gab Walter die Hand.
— Oh, was ich noch vergessen habe –
— Ja? fragte Walter hoffnungsvoll.
— Heute Nachmittag ist eine Singgruppe, das ist … ach, das würde wahrscheinlich zu weit führen, wenn ich Ihnen das erklären wollte … ein Überbleibsel von früheren Gesprächsgruppen. Bei der Leechkirche, um vierzehn Uhr. Wissen Sie, wie Sie da hinkommen?
— Ja.
— Warten Sie, ich erklär’s Ihnen. Setzen Sie sich, ich bin gleich wieder da.
In welche Komödie war er hier geraten? Es war ganz still im Zimmer. Nur der Papagei machte leise Stapfgeräusche in seinem Käfig.
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