— Hunde laufen einfach so davon?
— Wenn sie Angst haben. Dem Vorbesitzer soll sie kurz vor seinem Tod weggelaufen sein, die haben deswegen einen Riesenwirbel gemacht, von wegen Prophetenhund und so. Also ist sie zu uns gekommen, zu meinem Vater, etwa ein Jahr. So richtig eingefunden hat sie sich allerdings nicht. Sie läuft eben manchmal weg und kommt dann irgendwann wieder, völlig zerzaust.
— Komisches Tier.
— Armes Tier, korrigierte Valerie. Beim Spazierengehen muss man aufpassen wie ein Schießhund. Vielleicht sucht sie ja meinen Vater, kann sein. Aber wie gesagt, ich hab nicht mehr wirklich viel Kontakt. Außerdem ist er ja kaum ansprechbar. Und er hat eine Pflegerin, die kommt aus China oder Vietnam oder was weiß ich. Ich bin mir sicher, dass sie sich noch mal um ihren Verstand plaudert. Blablabla, den ganzen Tag, quaquaquaqua. Kein Wunder, dass er nicht mehr richtig aufwacht. Bei dem Geplapper den ganzen Tag. Früher hat er für einen Architekten gearbeitet, einen ziemlichen Halsabschneider, der reihenweise Reihenhäuser — ha, wie das klingt, wie in einem Gedicht –
— Reihenhäuser, wiederholte ich sinnloserweise.
— Der einen Haufen Häuser verpatzt hat, zumindest die Statiker, die für ihn gearbeitet haben. Aber die letzten Korrekturen hat irgendwie immer mein Vater gemacht, ich kann mich nicht genau erinnern. Jedenfalls sind viele Häuser einfach nach einer Anzahl von Jahren kaputt gewesen, die Fundamente … was weiß ich. Dem war einfach alles egal, auch als mein Vater den Unfall gehabt hat. Ein korruptes Schwein.
Sie stützte ihren hübschen Kopf auf ihre beiden Hände. Ihre Stirnfransen wuchsen zwischen ihren Fingern durch.
— Ja, solche Schweine, sagte ich.
— Die Hausbesitzer sind nach der Reihe mit Beschwerden und Klagen gekommen. Und rate, worauf er sich dann spezialisiert hat. Auf Kunst. Künstlerische Architektur, wo niemand drin wohnen muss.
— Ah, typisch, sagte ich.
— Typisch Mann, sagte Valerie. Alles immer unter den Tisch kehren. Wie mein erster Mann.
— Du warst verheiratet?
— Ja. Die Bissspur des Rings sieht man immer noch.
Sie hielt mir ihren Ringfinger hin. Die Geste war so sexy, dass ich einen Ständer bekam.
— Willst du darüber reden? fragte ich im Tonfall eines besorgten Therapeuten.
Wir lachten. Valerie hielt sich dabei ihr Schlüsselbein.
— Na ja, er war mir untreu, meist direkt vor meiner Nase. Und dann hat er alles auf einmal erzählt, in einer langen, überflüssigen Beichte, und hat gedacht, er macht so alles wieder gut.
— Typisch.
— Ich habe, sagte sie und maß mit der Hand einen Teil der Länge des Tisches ab, ich habe gewissermaßen ein General-Update meiner gesamten Vergangenheit bekommen.
Ihre Hand wanderte weiter, maß Vergangenheit ab, bis ans Ende der Tischplatte und darüber hinaus.
— Es ist immer dasselbe. Wenn eine Ehe den Eisberg rammt, dann geht sie ziemlich schnell unter, sagte sie. Und man merkt erst hinterher, dass die Vergangenheit aus einer ununterbrochenen Kette von Fehlentscheidungen besteht.
— Und wann hast du’s gemerkt?
— Was gemerkt?
— Na ja, dass er … nicht der Richtige war?
— Natürlich bei der Hochzeit. Nur ist man da in der Regel zu feig, um es zu bemerken oder zu sagen.
— Am Tag der Hochzeit?
— Genauer gesagt beim Anstoßen mit den Sektgläsern, ja. An sich etwas Harmloses. Aber wir Dummköpfe haben dabei unsere Hände so ungeschickt gehalten, dass nur die frisch angesteckten Ringe zusammenstießen. Mit diesem trockenen, kalten Kl’k . Das kann einem wirklich den ganzen Appetit verderben.
— Die Eheringe?
— Ja. Allerdings habe ich den Verdacht, dass ich mir das jetzt alles nur einbilde. Im Nachhinein erscheint einem immer alles bedeutungsvoller. Ich war betrunken an dem Tag.
— Und nach der Scheidung hast du deinen alten Namen wieder angenommen?
— Ich hab ihn nie aufgegeben. Ist doch ein schöner Name, oder?
— Ja, so geschwungen. Wie ein Schmetterlingsflügel.
— Nach der Scheidung ging’s mir allerdings schon ziemlich dreckig. Ich hab Geister fotografiert, irgendwelche Flecken an der Wand, ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht hab. Geister unterscheiden sich ja von normalen Menschen nur dadurch, dass sie nie in peinliche Situationen kommen können.
Wir waren auf die Couch übersiedelt und trieben die Gesprächsthemen vor uns her.
— Warte, ich weiß auch einen, sagte ich. Vor kurzem hab ich was ganz Verrücktes geträumt. Ich hab geträumt, dass ich mit meiner Mutter ein Spiel spiele. Und bei dem Spiel geht es darum, wer besser ein graues Pferd nachmachen kann, so ein altes Pferd mit hängendem Kopf und einem Maul, das ständig an irgendetwas kaut.
— Ich hab Pferde immer gern gehabt, sagte Valerie und strich sich eine Strähne aus der Stirn.
— Ja, aber was das Seltsamste war … ich hatte im Traum das Gefühl, dass meine Mutter dieses Spiel ein wenig zu freudig mitmacht, dass ihr diese Verrenkungen irgendwie nicht … irgendwie nicht zustehen …
— Hm, machte Valerie. Als Kind bin ich einmal geritten. Aber dann bin ich irgendwann vom Pferd gefallen und habe mich am Rücken verletzt. Nichts Schlimmes. Aber ich bin nie wieder geritten.
— Aber Pferde machen dir nichts aus.
— Wie? Ob ich Angst habe, meinst du?
— Ja.
— Nein, ich finde sie schön. Mit ihren langen Gesichtern. Und stimmt, die kauen wirklich ständig an irgendwas, an den Zügeln, unter ihrer Zunge. Stell dir das einmal vor. Den ganzen Tag mit so etwas unter der Zunge, von dem das andere Ende in der Hand eines halbverrückten Jockey liegt.
— Kein Wunder, dass sie immer so traurig aussehen.
— Stimmt. Aber sie machen mich nie wirklich traurig. Ich meine, ich hab Mitleid und alles, das schon, aber sie sind trotzdem immer wie Kunstwerke, wie Statuen. Vor Statuen muss ich ja auch nicht weinen. Nur einmal hab ich eine Skulptur gesehen, die hätte mich fast dazu gebracht. Aber nur fast.
— Welche?
— Die Nase von Giacometti. Ein Würfel mit einem schwebenden Menschenkopf drin. Und nur die monströse Nase ragt aus dem Würfel heraus, weil sie viel zu lang ist.
— Witzig, sagte ich.
— Ja, sagte Valerie ernst. Aber die Nase selbst ist überhaupt nicht witzig. Du fragst dich vielmehr: Womit hat der das verdient? Weißt du? Ich meine, dass seine Nase so lang ist, während alle anderen … So ein Gefühl von Ungerechtigkeit.
— Kenn ich, sagte ich.
Mit Valerie zu reden war wie das Katzenwiege -Spiel, das die Mädchen in meiner Schule spielten wie in jeder anderen Schule der westlichen Welt. Man wickelt einen Bindfaden kunstvoll um die Finger, sodass ein bestimmtes Muster entsteht. Dann kommt jemand, lächelt viel sagend und übernimmt mit seinen Fingern das Muster, aus dem durch eine bestimmte Drehung ein neues wird. Die Mädchen konnten dieses Spiel stundenlang spielen. Sie sprachen dabei kein Wort, aber sie reagierten auf die entstehenden Muster wie auf geistreiche Bemerkungen der anderen, einmal war das Muster witzig, dann scheinbar schlau, dann ironisch. Ich wusste, dass ich nie hinter die Geheimsprache des weißen Bindfadens kommen würde. Die Burschen unserer Klasse, das wusste ich, würden sich damit höchstens gegenseitig fesseln oder strangulieren.
Jedes Wort von Valerie war ein anderes Muster, das Gespräch blieb dasselbe, aber sonst veränderte sich immer alles. Sie sprach über ihre Vergangenheit und amüsierte sich über den Umstand, dass sie fast doppelt so alt war wie ich.
— Ist doch schön, sagte sie. Das ist dann für dich fast so wie zwei Frauen auf einmal!
— Wow, sagte ich.
— Aber es stimmt, sagte sie ein wenig nachdenklicher, vor zwanzig Jahren war ich tatsächlich jemand anders.
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