Die ganze Nacht hatte sie in den Vorhängen geschlafen (falls Motten überhaupt schliefen) und sich für unsterblich gehalten (falls Motten religiös waren), und nun konnte sie sich nicht einmal mehr vor einem 1,75 Meter großen Säugetier in Sicherheit bringen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich mit dem verendenden Insekt anfangen sollte. Eine Weile erwog ich, es zwischen den Fingern oder in einem Taschentuch zu zerdrücken. Aber was, wenn es in frischer Luft wieder zum Leben erwachen würde? Und als hätte es meine Gedanken gelesen, begann sie mit den Flügeln zu flattern.
Ich öffnete das Fenster und legte die Motte draußen auf das Fensterbrett. Selbst in den absurdesten Situationen verstummt mein Symmetriebedürfnis nie ganz, deshalb begann ich die Motte auf dem Rechteck der Fensterbank auszurichten. Als ich mit ihrer Position einigermaßen zufrieden war, löste ich meine Hand. Die Motte schoss plötzlich in die Höhe, wie Menschen, die aus Albträumen erwachen — und im Schreck erschlug ich sie.
Angewidert schüttelte ich meine Hand. Dann wischte ich die Motte, die sich ihre Vernichtung ohne weiteres hatte gefallen lassen, in ein Taschentuch.
Ich hatte Lydia zu mir nach Hause eingeladen, weil ich mit ihr allein sein wollte. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Mädchen allein in meinem Zimmer sein und diesen Gedanken haben würde: Ich bin mit einem Mädchen allein in meinem Zimmer .
Als sie endlich kam, redete ich lauter Unsinn und zeigte ihr verschiedene Auszeichnungen, die ich auf Mathematik-Olympiaden bekommen hatte. Vierter Preis. Zweiter Preis. Lobende Erwähnung. Sie sagte, sie sei furchtbar schlecht in Mathematik.
— Ich ja eigentlich auch, sagte ich.
Natürlich stimmte das nicht. Ich war ganz gut. Ich war sogar der intelligenteste Siebzehnjährige, den ich kannte. Deshalb hassten mich auch alle und fanden mich abstoßend, verschroben, ständig verschwitzt, unhygienisch, eigenbrötlerisch, schwul.
Ich schluckte.
Lydia ging weiter durch mein Zimmer und studierte alles ganz genau. Sie hatte Narben an ihren Handgelenken. Ich dachte daran, wie überwältigend es sein musste, diese Narben zu berühren. Mit den Fingern, mit der Nasenspitze.
Schnell packte ich die gerahmten Urkunden zurück in die Schublade. In einem anderen Leben hätte ich irgendetwas Schlagfertiges gesagt. Stattdessen fragte ich Lydia, ob sie das gehört habe.
— Ja, sagte sie. Was war das?
Das Geräusch wiederholte sich. Es war meine Mutter, die heftig nieste. Sie musste vor der Zimmertür stehen. Es klopfte, ich öffnete. Sie reichte mir einen Stapel Wäsche durch den Türspalt.
— Da.
— Danke.
Ihr Arm blieb noch eine Weile im Türspalt, ein neugieriges Periskop, dann zog er sich zurück. Ich machte die Tür zu.
Lydia und ich machten es uns auf dem Bett gemütlich. Sie erlaubte mir, dass ich meinen Arm um sie legte. Mein Herz flatterte auf, beruhigte sich wieder, versank in einen trägen Gleitflug, aber dann, als sie mich zu sich zog und ihren Mund auf meinen drückte, setzte es erneut aus und mir wurde fast übel vor Aufregung.
Unsere Münder stießen aneinander, versuchten ungeübte, ungestüme Saugbewegungen. Speichel rann an unseren Mundwinkeln herab. In meiner wachsenden Erregung leckte ich ihr über den Hals. Sie wehrte mich ab. Ich war über ihre Reaktion fast ein wenig erleichtert. Sie hatte ihr Einverständnis signalisiert, sie war mit mir zufrieden, aber jetzt sollte es eben noch einen Aufschub geben. Kein Problem.
— Kein Problem, sagte ich.
Nur nichts überstürzen. Ich löste mich von ihr. Okay. Gut so.
Sie schien irritiert und setzte sich auf.
— Ist irgendwas? fragte sie.
— Nein, ich … du … wir sollten wahrscheinlich nicht so schnell –
Millionen Sätze aus Millionen Fernsehserien geisterten durch meinen Kopf. Mit einer einzigen Bewegung, die sie tausendmal geübt haben musste, zog Lydia ihren Pullover aus. Ihre Haare blieben daran haften, knisterten, neigten sich für einen Augenblick in statischer Aufladung in die Richtung des abgelegten Kleidungsstücks, als wollten sie nicht, dass es fortging.
— Was?
Bevor ich meinen Satz wiederholen konnte, hatte sich meine Hand nach ihr ausgestreckt. Ich berührte ihre Brust. Tatsächlich. Meine hässlichen, langen Spinnenfinger berührten ihre runde, herrliche, volle Brust. Sie schaute mich an, ließ sie auf ihr herumwandern, erkunden. Mein Ständer hatte sich in einem Hosenbein verfangen, trotzdem versuchte ich die Beine übereinanderzuschlagen, was sich als unmöglich herausstellte.
— Und jetzt? , fragte das Bett, das Zimmer, das Universum.
Wie schön, ich brachte Lydia zum Lachen. Mein Penis hatte sich in ein Sprungbrett verwandelt, das selbstständig wippte. Sie nahm ihn in die Hand und zog ein wenig an ihm, als müsste sie erst überprüfen, ob er auch echt war. Dann beugte sie sich zu ihm herab und nahm ihn in den Mund.
Ich verstand im ersten Moment gar nicht, was passierte, dann wurde mir klar, dass mir gerade ein Gottesbeweis in den Schoß gefallen war: diese perfekt kreisenden Bewegungen, die Streicheleien ihrer Stirnfransen auf meinem Schenkel, das Auf und Ab ihres Hinterkopfes, auf dem meine Hand lag. Nur ein Gott konnte diese Zähne geformt haben, jeden nach seiner Art, die ich an der Unterseite meines Schwanzes spürte. Dazu die leisen Schmatzgeräusche; man musste ganz still sein, um sie zu hören — wie das Gebimmel der Schlittenglocken am Weihnachtsabend. Ich versuchte, möglichst leise zu stöhnen, aber das war unmöglich. Ich klang wie einer dieser Pornodarsteller, die ihre Stimme einfach nicht abstellen können.
— Aah! Oh! Jaa!
Lydia saugte an mir, und meine Hand krallte sich in ihren Haarschopf. Dann löste sich ihr Kopf von meinem Schoß, die glänzende, glückliche Antenne wippte wieder hin und her.
Draußen machte es wieder Ksch! . Meine Mutter nieste nebenan im Badezimmer, und die Fliesen verliehen dem Geräusch ein knappes, scharfes Echo.
Da ich mich bei Lydia revanchieren wollte und auch eine vage Vorstellung davon hatte, was zu tun war, stürzte ich mich gleich auf sie. Sie merkte, was ich vorhatte, und wehrte mich ab.
— Warte, ich will, dass du aufpasst, sagte sie.
— Okay, sagte ich, im allerdümmsten Tonfall. Okay Captain. Ay, ay, Sir .
Auf dem Bauch liegend begann sie, sich durch die Unterhose hindurch zwischen den Beinen zu streicheln. Ihre Bewegungen ließen ihre Schultern bald ruckartig kreisen. Sie weihte mich ein in das Mysterium aus halb geschlossenen Augen, gerötetem Gesicht und Lippen, die zu einem Schmollmund geöffnet waren, durch den sie die Luft zischend einsaugte.
Als sie kam, zitterte sie eine Weile, wurde schließlich langsamer, ließ sich ein letztes Mal durchschütteln, dann streckte sie sich aus. Ihre Zehen rollten sich auf, entspannten sich. Sie blickte zu mir auf.
— Oh, sagte sie. Du lieber Gott.
Sie stand auf, drückte sich eine Hand zwischen die Beine. Ich versuchte sie zu berühren, aber sie hielt mich zurück.
— Wo ist das Bad?
— Draußen, gleich rechts.
— Danke.
Sie schlüpfte in ihre Jeans und verschwand. Ich blieb auf meinem Bett sitzen, allein mit meiner Erektion, die sich an meinen Bauch gelehnt hatte. Ich hob sie an und betrachtete sie. Mir war nie aufgefallen, wie sehr sich die Farbe verändern konnte, von Rosa zu Rot zu Dunkelrot zu Blau.
In diesem Moment kam Lydia zurück. Sie blieb in der Tür stehen. Ich sprang sofort auf.
— Ich hab nur –
— Schon gut, schon gut, sagte sie und kam ins Zimmer.
Ich nahm sie bei den Händen, als wollte ich mit ihr Ringelreia tanzen, und führte sie zum Bett. Sie zog die Hose aus (auf die männliche Art, strampelnd, bis sie von ihr abfiel), legte sich wieder auf den Bauch und stützte ihr Kinn auf ihren Händen ab, während sie ihre Beine angewinkelt hatte. Ihre Fersen berührten ihren Hintern. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen, das am Sonntag vor dem Fernseher liegt.
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