«Bitte, in unseren Fernseh-Saal!«
«Augenblick, Ludwig. «Frau von Arbogast lächelte ihrem Mann liebenswürdig zu, machte Meno und die Anwesenden miteinander bekannt. Judith Schevola begrüßte Meno knapp:»Wir kennen uns. Beim letzten Verbandskongreß sind Sie sehr gekonnt eingeschlafen. «Arbogast führte die Versammelten zu jener Tür, aus der Ritschel gekommen war. Judith Schevola, der Briefmarkenhändler Malthakus und Zahnärztin Knabe blieben vor dem Gemälde am Drachentisch stehen und kamen erst, als Arbogast ein Glöckchen läutete.
Nach dem Vortrag und der anschließenden Diskussion ging Meno vor den anderen nach oben, man hatte im Konferenzsaal ein Büfett aufgebaut. Alke und Ritschel machten sich am weißgedeckten Tisch zu schaffen. Ein jüngerer Physiker, der beim Vortrag hinter Arbogast gesessen hatte, nickte Meno freundlich zu.»Wenn Sie noch etwas für sich sein möchten …«Er schloß ein Türchen auf, das zu einem breit umlaufenden Altan führte.»Danke, Herr …«
«Kittwitz. Ich arbeite am Institut für Strömungsforschung. Keine Ursache übrigens. Man wird Sie noch früh genug finden, Herr Rohde. Ihr Vortrag hat mir gefallen. Wie die Kreuzspinne ein Netz baut — erstaunlich, die Parallelen zum Büfett-Einkreisungsverhalten auf Physikerkongressen … Aber ich lasse Sie jetzt in Ruhe.«
Meno ging an den Rand des Altans. Die kühle Luft tat ihm gut, sein Gesicht brannte, und er war froh, daß er durch Kittwitz’ Freundlichkeit für ein paar Augenblicke allein sein konnte. Hitze- und Kälteschauer wechselten, die Aufregung flaute allmählich ab, sekundenlang befand er sich in einem Zustand zwischen tiefer Müdigkeit und kalter Wachheit, wie eine Uhrenfeder, sann er, die noch zusammengepreßt wird von den Fingern eines Uhrmachers, aber jeden Augenblick entgleiten und aufschnellen kann; dieses vermaledeite Lampenfieber, ich habe nicht gut gesprochen. Er sah das Gesicht seines Ex-Schwiegervaters vor sich, hell, mit dem Ausdruck konzentrierten Lauschens, den er kannte, wobei die Unterlippe sank und in regelmäßigen Abständen aufgefangen wurde von einem Erschrecken, dann wurde sich Londoner bewußt, daß er beobachtet wurde oder werden konnte; er griff sich mit Zeige- und Mittelfinger ans Kinn und hüstelte; die immer zu langen Nägel, sann Meno, der dicke Siegelring — Herrenring, pflegte Londoner zu sagen — auf dem Grundglied des Zeigefingers wie ein gelber Frosch: eine dieser tropischen Amphibien in Warnfarben; aber diese schien in Verwandlung und Schlaf zu sein, besonders wenn Londoner, wie beim Vortrag, die Hand baumeln ließ und die Beine übereinanderschlug, die schweren Augenlider geschlossen hielt und die für das flächige Gesicht zu kleine Nase — die Nase Hannas — sich mit Schweißtröpfchen bedeckte. Arbogasts einführende Worte; die Augen Schiffners unter den Weißbuschbrauen unergründlich, wechselnd: manchmal kühl, manchmal bekümmert, manchmal mit einer Art väterlichen Wohlwollens, die Meno ebenso faszinierte wie bedrückte; und Madame — er hatte für sich das» Fräulein «ersetzt, es schien ihm unpassend — Schevola, abweisend, mit stolz zurückgenommenem Kopf: Glauben Sie denn, daß Ihre Worte für mich von Bedeutung sind. Loskommen, dachte Meno, und dieser sonderbare Fernseh-Saal –
Er suchte nach Zigaretten, Arbogast würde nicht sehen, daß er rauchte, und wenn: Es mochte ihm jetzt gestattet sein. Er hatte keine Zigaretten eingesteckt und erinnerte sich, die gelbe» Orient«-Schachtel zu Hause zwischen der Schreibmaschine und einem Heft von» Sinn und Form«, das ihm Schiffner mitgegeben hatte, vergessen zu haben. Die Stadt lag dunkel unter ihm, an den Rändern bestreut mit spärlichen Lichtern, elbaufwärts Kleinzschachwitz und Pillnitz, darüber, bei Pappritz, der Fernsehturm mit schwach phosphoreszierender Antenne; tintige Flächen die Elbwiesen und die Berge in Richtung der tschechischen Grenze; elbabwärts die Ausläufer der Johannstadt mit ihren Plattenbauten; unter ihm, Fortsetzung des abschüssig verlaufenden und in moorige Dunkelheit verpuppten Arbogastschen Gartens, das» Blaue Wunder «mit seinem filigranen Doppelzelt, das so elegant über den Fluß gespannt hing, eine Straßenbahn der Linie 4 fuhr darüber, Meno konnte den Schaffner als Schattenfleck im gelblich erhellten Bug des Hechtwagens sehen. Über dem Schillerplatz baumelte ein weißer Klecks an der Stromleitung, ein Transparent, das schlaff und zerfranst herabhing wie ein getöteter, in Formalin gesiegelter Kalmar. Als die Luft in Bewegung geriet, Strömungen aus Gerüchen zurückkehrten, glaubte er den Verfall riechen zu können, über den Körnerplatz und die bewaldeten Ausläufer des Viertels hinweg, an dessen Rand Arbogasts Anwesen stand. Es war der Aschegeruch von den Heizkraftwerken Mitte und Löbtau, an der Brücke der Jugend, deren Schornsteine mit roten Zyklopenaugen über die Stadt blickten. Er hörte Stimmengewirr und Gläserklirren vom Konferenzsaal, auch war es ihm, als ob man seinen Namen riefe. Die Müdigkeit nahm zu, gleichzeitig hatte er große Lust zu rauchen. Er beobachtete, sah die Elbe wie ein Rückgrat aus Teer unter sich, die Häuser der Stadt brandig geschwärzt, wie Muskelfleisch im Zustand der Verwesung, Flimmerbewegungen darin, als ob sich weißglänzende Trichinen in das mürbe steinerne Fleisch gebohrt hätten und sich nun auf die Eiablage vorbereiteten. Am Käthe-Kollwitz-Ufer war Scheinwerferspiel zu sehen, Arme aus wattigem Licht, die mit den Bewegungen hilfloser Schwimmer über die finster liegenden Zellstaaten der Häuser im Abschnitt der Arbeiterwohnungsgenossenschaft tasteten, manchmal getroffen vom Aufschimmern eines fernen Fensters wie von einem unwilligen und feindseligen Blick, dort mußte also noch Leben sein. Welches, dachte Meno, wie leben sie dort? Ein Schiff könnte stranden mit einem Orchester an Bord, die Lichtritzen an den Vorhängen würden sich nicht verbreitern. Das Blaue Wunder war menschenleer, nur im Restaurant» Schillergarten«, am gegenüberliegenden Elbufer, schien noch Betrieb zu sein. Auch dort hatte man die Vorhänge zugezogen, hin und wieder aber öffnete sich eine Tür, und ein Gast torkelte an die frische Luft, um entweder in Richtung der Bushaltestellen am Schillerplatz zu verschwinden oder um hinter das Restaurant zu gehen. Nicht nur dieses Lokal hatte Schwierigkeiten mit der Kanalisation, Meno erinnerte sich an das» bodega «in Leipzig, ein bevorzugter Messetreff, das gar keine Örtlichkeit besaß, man mußte gleichfalls den Hinterhof aufsuchen … Die Elbe hatte jetzt einen bläulichen Farbton, dann schienen Seetiere vorüberzukriechen, milchige, ungestalte Wesen, die das Wasser aussätzig wirken ließen. Der Geruch kam, wälzte sich die Hänge hinauf, Meno kannte ihn mit der Zunge, es war der Geschmack eines zu lange gekauten Streichholzes, dem eine Beimengung wie von Sauerkraut folgte: die Abwässer aus dem Zellstoffwerk Heidenau, die nachts in den Fluß gelassen wurden.
«Rauchen Sie? Es stinkt wieder mal gewaltig. «Judith Schevola klopfte einige Zigaretten aus einer Packung» Duett «und bot sie Meno an, als er nickte.»Eindrucksvoll, wie Sie die Tötungsmethoden dieser tropischen Giftspinnen beschrieben haben. Das muß ich noch mal nachlesen. Ich habe Ihr Buch gekauft, die ›Alten deutschen Dichtungen‹. Der Alte vom Berge hat mich vorhin darauf angesprochen. Er schätzt Sie ziemlich, glaub’ ich. Obwohl er mir gleich darauf erzählt hat, daß Sie ein Projekt von ihm abgelehnt haben.«
«Das war nicht ich, sondern die Hauptverwaltung Verlage. Ich hoffe, das hat er auch erzählt.«
«Verstehe. — Dumm. Jetzt hab’ ich kein Feuer einstecken. «Schevola durchsuchte ihre Taschen, die Zigarette zwischen den Lippen.
«Warten Sie. «Meno riß ein Streichholz an. Sie beugte sich über seine die Flamme schirmende Hand. Er steckte sich auch eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch genießerisch aus.»Ach, herrlich. Vielen Dank. Ich habe meine zu Hause liegengelassen.«
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