«Wir können die Förmlichkeiten lassen, Herr Rohde. Tun Sie sich keinen Zwang an, was das Rauchen betrifft. Ich habe schon einiges eingeatmet. «Das dünne Lächeln erschien unter der Stahlbrille.»Bitte.«
Von seinem Sessel aus konnte Meno unauffällig den Blick schweifen lassen. Er hatte den Eindruck, daß Arbogast seine Neugier bemerkte und sie sogar guthieß, obwohl es nicht sehr höflich war, sich während des Gesprächs ausgiebig umzusehen. Für einen Moment dachte Meno, daß die Sessel absichtlich so zueinander stünden, um dem Gast das unauffällige Beobachten zu ermöglichen … Jedenfalls schien es Arbogast nicht zu bekümmern, daß Meno von dieser Möglichkeit Gebrauch machte und recht einsilbig antwortete. Arbogast sprach von der Urania und dem üblichen Ablauf der Vortragsabende. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte im Takt der Rede mit den Füßen, spielte mit den Zehen, wodurch die Schlangenlederslipper in ständiger wellenhafter Bewegung blieben; dazu, etwas versetzt, malte Arbogast Bekräftigungen mit seinen langen Händen in die Luft; Meno sah am Ringfinger der linken Hand den schwarzen Käferstein auf- und abreiten. An der Wand hinter dem Schreibtisch hingen gerahmte Tabellen und eine farbige anatomische Zeichnung des menschlichen Sehapparates mit dem in feinen Muskelzügeln hängenden, in mehreren Schnitten und Perspektiven dargestellten Auge. Es waren, soweit Meno erkennen konnte, physikalische und mathematische Tabellen, nur aus der genau in der Mitte hängenden Tabelle wurde er nicht klug. Arbogast bemerkte Menos Blick.»Diese Tabelle steht mit den anderen in der Tat nur in allgemeiner Beziehung. Ich führe sie seit meiner Jugend, genauer: seit der Inflationszeit. Links stehen die Menschentypen, die ich kennengelernt habe. Rechts die Höhe der Geldsumme, die den jeweiligen Typus korrumpiert. «Der Baron lächelte.»Wissen Sie, ich war immer teuer. Sehr teuer. Sich das zu leisten gehört zu einem heutzutage leider verkannten Begriff von Freiheit. Wohin Sie gehören, sollten Sie mir bei Gelegenheit verraten. «Es klopfte. Herr Ritschel trat ein. Er schob einen gummibereiften Wagen über das Parkett. Arbogast machte eine bedauernde Geste und stand auf, Meno ebenfalls, als Ritschel den Kopf langsam in seine Richtung drehte. Seine Augenhöhlen lagen ungewöhnlich tief und verschattet, hatte er überhaupt Augen …
«Die Modellreihe E«, murmelte Herr Ritschel, jede Silbe gleichmäßig betonend. Auf dem Wagen lagen mehrere DIN-A4-große Blöcke aus durchsichtigem Kunststoff, alle von farbigen Linien durchädert.
«Sie sind doch Zoologe, Herr Rohde«, Arbogast winkte ihm näherzutreten,»das wird Sie interessieren. «Es waren Augen mit Nervenfasern und Sehbahnen, die zu einem Stück jeweils hellblau gefärbter Hirnrinde führten, dem Seh-Cortex, wo das Gehirn aus den anströmenden optischen Eindrücken ein Bild von der Welt erzeugt.
«Eichelhäher, Elch, Elritze, Emu, Ente, Esel, Eule«, sagte Herr Ritschel mit seiner seltsam gleichbetonenden Stimme.»Die Augen des Esels ähneln auffallend denen des Ministers für Wissenschaft und Technik«, Arbogast hob einen der Blöcke an und drehte ihn prüfend hin und her,»Ich kann mir nicht helfen, lieber Ritschel, aber diese Augen haben mich schon öfter angeblickt. Sie haben tatsächlich nach der Natur …?«
«Selbstverständlich, Herr Professor. Es handelte sich um Bileam, unseren hiesigen, letzten Sommer leider verwichenen Zoo-Esel. Ich erbat mir seine Augen zum Modell.«
«Er ist mein bester Kunststoff-Arbeiter, Herr Rohde, mit Geld nicht zu bezahlen.«
Ritschel verbeugte sich leicht.
So etwas wie diese Augen in den durchsichtigen Kunststoff-Blöcken hatte Meno noch nie gesehen, selbst an den Zoologischen Instituten von Leipzig und Jena nicht, für die hervorragende Spezialisten arbeiteten. Die Präparate waren mit höchster Präzision in die Kunststoffmasse gegossen, allerdings nicht maßstabsgerecht, denn alle hatten die gleiche Größe; die Augäpfel wirkten wie farbig glasierte Tischtennisbälle. Neben der Sehbahn war jeweils ein einzelnes Auge eingelassen, Sektorenschnitte zeigten die Verhältnisse im Innern: Irisring, Stellmuskel für die Regenbogenhaut, Glaskörper, Ader- und Netzhaut, und daraus wiederum ein Schnitt mit Stäbchen und Zapfen.
«Eines meiner Steckenpferde. «Arbogast hatte sich wieder gesetzt und betrachtete den Stock mit der Greifenkrücke, nickte Ritschel zu, der die Blöcke auf dem Wagen verstaute und hinausrollte.»Ein anderes ist, wie Sie bemerkt haben, die Alarmanlagen-Physik. Wissen Sie, auch ich habe zu spüren bekommen, was es heißt, sein täglich Brot sich verdienen zu müssen — auch wenn es nicht den Anschein haben mag. Ich bin in der Inflationszeit großgeworden. Mit selbstgebastelten Alarmanlagen und Fotoapparaten habe ich mir den Erwerb der Kenntnisse verdient, die ich zum Aufbau meines physikalischen Laboratoriums brauchte. Ich habe in einer Rumpelkammer angefangen, damals, in der schlimmen Zeit um dreiundzwanzig in Berlin. Da war ich knapp sechzehn, Herr Rohde, und freier Unternehmer. Wenn Sie wollen, zeige ich sie Ihnen nachher, wir können einen kleinen Rundgang machen. Aber, lieber Rohde, «Arbogast breitete die Arme und lud Meno ein, sich ebenfalls wieder zu setzen,»reden wir doch lieber über Sie. Wenn ich schon Gäste habe, möchte ich sie gern näher kennenlernen. Man ist doch sehr eingespannt in die Alltagsarbeit, und solche Abende wie den heutigen genieße ich, freue mich schon Wochen im voraus darauf. — Was sagen Sie übrigens zu Ritschels Künsten?«
«Erstaunlich, Herr Arbogast.«
«Nun, von Arbogast. Jaja, Sie haben recht, das ist wirklich erstaunlich. Ritschel ist ein Meister seines Fachs … Sie wissen ja als ehemaliger Zoologe, wie sehr man als Wissenschaftler von den Handwerkern abhängig ist. Sie sind es, die unsere Apparaturen bauen, und was wäre selbst ein Röntgen ohne seinen Labormechanikus gewesen … Diese Augen: Sie betrachten uns, lieber Rohde. Die Augen sind es, die sehen und gesehen werden … Das Entscheidende passiert in den Blicken, sagte die optische Täuschung, kleiner Physikerscherz am Rande. Es ist ein besonderer Reiz für mich, abends, nach getaner Arbeit, durch meinen Augen-Saal zu schlendern und das Herzklopfen zu spüren, das man unter Hunderten stummer Fragen initial empfindet … Kein angenehmes Gefühl, tatsächlich nicht, aber hilfreich. Es scheint gewisse Synapsen zu zünden, sorgt für eine vermehrte Hormonausschüttung, ich hatte dort meine besten jüngeren Einfälle. — Aber wir sprachen von Ihnen. Sie kommen aus der Sächsischen Schweiz?«
«Aus Schandau.«
«Und haben Geschwister?«
«Eine Schwester, einen Bruder.«
«Mit Ihrem Schwager hatten wir auch schon zu tun … Ein aufgeschlossener Mann. Wir haben da gewisse Projekte, die eine Zusammenarbeit mit einer Klinik erfordern. Wir werden noch einmal an ihn herantreten. — Ihnen gefallen meine Bleistifte?«Meno hatte auf den Schreibtisch gestarrt und versucht, die Bleistifte zu zählen, die akkurat nach Größe ausgerichtet in einem durchsichtigen Ritschelschen Kunststoffblock steckten, eine Batterie scharf zugespitzter kleiner Lanzen.
«Es sind dreihundertvierzehn, exakt. Die Zahl Pi, Sie verstehen. Drei Komma eins vier Stifte wären mir zuwenig gewesen, deshalb habe ich das Komma um die ersten beiden Stellen nach hinten verschoben. Aber ich kann Ihnen leider keinen Bleistift geben. Es müssen ganz exakt immer dreihundertvierzehn sein, die Ludolphsche Kreiszahl, das Verhältnis von Kreisumfang zum Durchmesser. Und es müssen auch immer gerade diese Stifte sein. Echte Faberbleistifte. Das Dunkelgrün beruhigt, es ist geradezu ein kleiner Tannenwald, den ich hier vor mir habe, auch wirkt die Farbe frisch und jung; die tschechischen, die es im hiesigen Handel gibt, verwenden minderwertiges Holz, es bricht und splittert. Außerdem sind sie gelb. Das kommt bei diesen hier nie vor. Ich möchte keinen welken Laubwald vor mir sehen. Deshalb mein Spezialvertrag mit der Firma Faber … Ich könnte Sie auf die Liste unserer Bleistiftanwärter setzen, wenn Sie wollen.«
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