«Versteh’ ich ja. Aber wir sind deine Verwandten, dein eigen Fleisch und Blut! Du willst nich mit uns teil’n, willst alles für dich behalten, pfui, mei Gudster, schäme dich. Hättsch ni’ von dir gedacht, hätt isch ni’.«
«Na schön, weil du’s bist! Ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich auf der Hochzeit meiner Tochter geknausert hätte.«
«Nee, ä Geizkra-chn bisde ni’ gewäsn, mußsch zugähm. Wie lange hast’n gebraucht, um das alles ranzuschaffen, hä? Womit hast’n die Brieder geschmiert, die Malefiezkärle? Hast wohl paar Maddrazzenfädern schbringn lassn? Awwer du drickst disch dor schonne widder, mei Uli, du länkst dor schonne widder ab. Isch gloowe ni’, daß dor Ongel Schuhrah das guhdheißn däde, der völgerfreund-lische Gnagger. Nu awwer ma här mit dähm Rä-zäppd für das Wässerschn. Iebrischns, Meesder«, Helmut Hoppe wandte sich an Herrn Honich,»is’ Ihr Schban-färgelschn gans grose Glasse, gönnt misch direkt dran fäddfressn gönnt isch misch.«»Also. Du nimmst Sprit, sechsundneunzigprozentig, den gießt du mit destilliertem Wasser nach der gewünschten Menge zusammen. Dazu ein Stück Würfelzucker und drei Tropfen reines Glyzerin. Flasche schließen.«
«Das is’ alles?«
«Weiter im Frühling gepflückte Blätter von schwarzen Johannisbeeren.«
«Wieso im Frieh-ling gepflickt?«
«Weil sie dann voller Saft stehen, nehme ich an. Du tust sie in eine kleine Flasche mit reinem Alkohol. Flasche zumachen und zehn Tage in der Sonnenwärme am Fenster stehenlassen.«
«Und wenn’s nu zehn Ta-che regnen duhd? Dann is’ wo Ess’sch?«»Von diesem Extrakt gibst du drei Tropfen in die große Flasche.«
«Drei Drobben blos? Glingt ä bissel aggubunkturell, wennde misch fra-chst. Un’ dann?«
«Ist der Wodka färdsch.«
«Färdsch?«
«Färdsch.«
«Gloobsch ni’.«
«Doch.«
«So rischdsch färdsch?«
«Nu.«
Helmut Hoppe betrachtete sein Glas.»Nu ja, jezz, wodes sa-chst, schmecksch direkt ä paar Johannisbärn dursch. Habbder die Weizsägger-Räde gehört?«
«Nee.«
«Awwer ich.«
«Und?«
«Nu. Mehr wie drei Drobben Johannisbärn drinne. Ä feiner Mann, ä rischdscher Bundespräser ähm. Där machd was här, ni’ so wie unsre Na-bopps. Isch bin ja ma’ geschbannt, wie das in dor Soff-jettunjohn weidergäht. Jezz dürfense ja nischema mähr in de Johannisbärn, gewissermasn. Dei Ongel Schuh-rah nibbt jezz am Wasser schdadd am Wässerschn. — Warded ma: Jezz is’ Danz.«
Richard saß neben Niklas am anderen Ende der Tafel, hörte nur bruchstückhaft, was vorn gesprochen wurde, beobachtete Josta, die zu seiner Erleichterung weitab von Anne bei Wernsteins Kommilitonen saß, an einem Tisch unter den blütenfrischen Birnbäumen. Lucie sah sich nicht nach ihm um. Der Mann schnitt ihr Essen vor, wischte ihr den Mund ab, hob zwei-, dreimal den Zeigefinger, worauf sie den Kopf senkte und nickte. Am liebsten wäre Richard aufgestanden und hätte den Kerl niedergeschlagen, es kostete ihn größte Beherrschung, unbeteiligt zu wirken, am Weinglas zu nippen und Niklas’ Erzählungen über die Wiederwahl von Ronald Reagan, Michel Platinis Tore bei der Fußball-Europameisterschaft, das plötzliche Verschwinden von Autoreparaturlack-Spray aus den Geschäften (es hatte einen Film namens» Beat Street «gegeben, in dem Züge mit Graffiti verziert worden waren) Anteilnahme heuchelnd zu folgen. Anne warf hin und wieder einen Blick auf ihn, das erboste ihn noch mehr, und als Herr Scholze und Alois Lange witzereißend auftauchten, entschuldigte er sich und stand auf. Bewegung kam in den Garten, als die ersten Melodien vom Platz vor dem Tausendaugenhaus herüberstolperten. Als Richard in Richtung Eisentisch ging, zog ihn jemand in die Hecken. Es war Daniel.
«Blöde Situation, was?«Der Junge grinste. Er war hochgeschossen, mit seinen vierzehn Jahren fast so groß wie Christian.»Wie wär’s mit ’nem kleinen Geschäft?«
«Was für ein Geschäft?«
«Na, ich stelle mich nicht hin, klopfe mit einem Löffel gegen das Glas und erzähle was von dir und meiner Mutter — dafür löhnst du mir ’nen Blauen.«
Richard schwieg.
«Ich mein’s ernst«, lächelte der Junge.»Ich hab’s auch wirklich drauf, zu deiner Frau zu gehen und ihr was zu flüstern.«
«So, hast du«, Richard sah sich um.
«Keine Angst, hier ist niemand. Außer vielleicht so ’n verdammter Kater. Deine Frau wär’ begeistert.«
«Sie ahnt sowieso schon was«, erwiderte Richard müde und entsetzt.
«Aber sicher bist du dir nicht? Willst du’s draufankommen lassen? Wär’ ’ne feine Sache, so ’ne Bombe mitten in ’ner Hochzeit.«»Da hat Lucie also einen Lumpen zum Bruder.«
«He, wag’s dir, mich anzurühren! Los, machen wir’s kurz, bevor jemand kommt. Ich krieg’ hundert Mark, oder — «
Richard sah in seiner Brieftasche nach.»Ich hab’ aber bloß fünfzig einstecken.«
Daniel stutzte, schien unruhig zu werden, dann fiel sein Blick auf Richards Armbanduhr.»Dann gib mir die da.«
«Nein.«
«Her damit!«
«Nein. Das ist ein Erbstück, soll mein Ältester mal bekommen.«»Lange und Söhne«, las Daniel mit schräggelegtem Kopf.»Jetzt krieg’ ich sie, sonst bist du in zwei Minuten tot, versprochen. «Richard starrte Daniel an.»Können wir nicht miteinander reden?«
«Kein’ Bock drauf. «
«Wir können uns auch mal treffen.«
«Gib mir die Uhr!«
«Na schön, Freundchen. Was sage ich meiner Frau, wenn sie mich nach der Uhr fragt? Sie hat gesehen, daß ich sie umgemacht habe.«
«Mir doch egal. Laß dir was einfallen. Sag ihr doch, sie wurde gestohlen.«
«Würd’s ja auch so ziemlich treffen.«
«Im Sachsenbad zum Beispiel. Beim Schwimmen an einem Donnerstag.«
«Und heute hab’ ich sie vor ihren Augen umgemacht? Junge.«»Dann wurde sie eben hier gestohlen. Vielleicht vom Bräutigam selber, bevor er nach Kuba abgedampft ist.«
«Dann würde ich doch sofort zu ihr gerannt kommen, und wir würden alles auf den Kopf stellen. Sie würde wahrscheinlich auch vermuten, daß du sie hast. Sie hat dich beobachtet, vorhin in der Kirche. Und glaubst du, ich merke es nicht, wenn mir jemand meine Uhr vom Handgelenk klaut?«
«Dann bringst du sie mir am nächsten Donnerstag ins Sachsenbad, dann kannst du sagen, daß sie dir dort gestohlen wurde.«»Dann kannst du mich hier nicht mehr erpressen. Und wenn deine Erpressung auffliegt, gehe ich womöglich in Scheidung — aber du vor den Jugendrichter.«
Daniel zögerte, brach einen Zweig ab, zerknackte ihn in kleine Stücke. Richards Wut verflog, jetzt hatte er Mitleid mit dem Jungen.»Wofür brauchst du das Geld eigentlich?«
«Hab’ Mist gebaut«, antwortete Daniel nach einer Weile.
«Weiß Josta davon?«
«Nein. Auch der Neue nich.«
Richard beobachtete den Jungen. Erpressung im Stimmbruch hatte etwas Komisches. Plötzlich machte Daniel einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn.
«Geh’ ich dor’ dursch de Säggs’sche Schweiz und find’ mich pletzlisch under eem ries’schen Felsen widder, so ä rischdscher Globber. Sa-ch ich mir: Wenn der ’nundergommt, den fängste dor’ ni’ im Ganzen off? Meno, drink was, dann gehn mer danzen!«Helmut Hoppe schwankte leicht, als er aufstand. Er holte eine Schnapsflasche, musterte die Gläser auf dem Tisch, als wollte er einen Parcours bestimmen, besah sich das Etikett, dann das Metallschnabel-Mundstück auf der Flasche, riß sie wie eine Fahne, die er dem Zugriff eines Feindes entzog, zur Seite und schwang Klares in rauschenden Kurven über die Gläser, Hosen und Schultern.
«Ich hab’ mich in deine Bücher vertieft«, sagte Meno zu Ulrich, der mit einem ironisch-abwartenden Brauenheben antwortete, während er einige Schnapsspritzer kostete, die er vom Anzug gewischt hatte,»also, wie ich es verstehe, ist alles letztlich eine Frage der Energie. Braunkohle ist unser Primärenergieträger. Aber an die muß man rankommen. Wenn ich die Tabellen in dem Papier richtig lese, kostet’s mehr Geld, eine Einheit Abraum wegzubewegen, als die gleiche Einheit Braunkohle an Ertrag einbringt?«»Wirtschaft«, setzte Ulrich an, aber Honich unterbrach ihn:»Wo haben Sie das gelesen?«
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