«Wenn er treu ist«, dämpfte Gudrun.»Ich an Inas Stelle hätte ihm aus der Hand lesen lassen. Eine Kollegin von mir macht das, gar nicht teuer.«
«Glaubst du etwa daran?«Barbaras Armreifen klirrten, als sie von Meno abließ und sich durchs Haar fuhr, das in beeindruckender Festigkeit auf einer Lajos Wienerschen Experimentalfrisur bestand (Dreiwettertaft, eines von Ulrichs Tauschgeschäften, die er unterderhand und inzwischen ziemlich erfolgreich betrieb); ihr Blick pendelte von einem Auge Gudruns zum andern, doch Gudrun wählte umständlich einen Wurstspieß von ihrem Imbißteller, ehe sie antwortete:»Man kann daran glauben — oder an etwas anderes, das bleibt sich am Ende gleich. Auf jeden Fall wäre es ein Punkt, auf den man achten könnte. Man hätte ihn berücksichtigt, braucht sich später keine Vorwürfe zu machen. Und meine Kollegin hatte bisher immer recht.«
«Tatsächlich? Na so was, Donnerwetter. Und liest sie nur für Hochzeiten aus der Hand oder auch allgemein? Könnte ich sie zum Beispiel fragen, wie lange ich lebe?«
«Denke schon, obwohl ich glaube, daß sie auf Treue spezialisiert ist.«
«Jaja, Gudrun … Und gar nicht teuer, sagst du? Es heißt ja, daß die dunkelhaarigen Männer mit blauen Augen untreu sind. Robert zum Beispiel. Findest du nicht auch, daß es erschreckend ist, wie schnell sich die jungen Leute heutzutage entwickeln? Andererseits hat das entschieden etwas Positives. Ich dachte immer, daß mir Ina so einen Langhaarigen anschleppt, aber nein, es ist meine kluge Tochter, hat meinen Instinkt geerbt. Eines Tages steht sie vor der Tür und sagt: ›Mam, das ist Thomas, wir sind uns eigentlich einig.‹ Und ich habe nichts bemerkt, überhaupt nichts! Ich muß krank gewesen sein, anders kann ich mir das nicht erklären!«
«Schwarzhaarige Männer mit blauen Augen sind untreu? In ›Paris Match‹ bei Wiener stand in einem Artikel über Alain Delon, daß er sehr treu ist. Romy Schneider und er — «
«Zeitungsblödsinn, Gudrun! Damit wollen sie seine weiblichen Fans bei der Stange halten. Treu? So wie der aussieht? Naja. Anne sagt, daß Robert schon eine Freundin hat — aber ich sehe sie nicht, er hat sie nicht mitgebracht. Hat er also schon ’ne andere. Und ob Richard so treu ist … Freilich hat er blondes Haar, aber die Augen sind doch ziemlich, ziemlich blau. Ich meine, was findet er schon an Anne, sie ist doch recht hausbacken geworden in letzter Zeit, sie sollte mehr für sich tun. Richard ist ein Mann in den besten Jahren, hat eine gute Stellung, stellt was dar, die Kinder gehen allmählich aus dem Haus, da wird man wieder offen für gewisse Angebote …«Barbara machte eine um Nachsicht bittende Geste, um Meno zu halten:»Ich weiß, sie ist deine Schwester, und was ich gesagt habe, könnte beleidigend klingen, aber so meine ich es nicht. Ich finde es schlimmer, wenn einem niemand was sagt und man eines Tages vor Scherben steht — und ringsum nicken sie alle und haben alles schon längst gesehen und gewußt. Über Richard wird allerlei geredet; ich habe mich mit Thomas eingehend unterhalten …«
«Was wird denn geredet?«fragte Meno.
«Siehst du, jetzt wirst du neugierig und schaust schon weit weniger streng drein. Dies und das wird geredet. Was soll’s, Dresden ist klein. Und du erinnerst dich daran, was er uns selbst gestanden hat.«
«Ich glaube, Dekonspiration ist die beste Methode, um mit denen gerade nicht zusammenzuarbeiten. Ich muß Richard in Schutz nehmen.«
«Damals hast du ein bißchen anders geredet, Gudrun. Du sagtest, daß sich die Sicherheit nur an ganz bestimmte Leute heranmacht … und daß man sie nicht reizen soll. Kann mich recht gut daran erinnern. Guckt mal, da kommt die Hochzeitstorte. Ist das nicht ein Prachtstück? Die Idee mit der abgeschnittenen Hand hatte Ina, sie fand das irgendwie — chirurgisch. Für das Blut haben sie rote Grütze genommen. Oder war’s Ketchup? Na, ihr werdet’s ja merken.«
«Und die Elle steht für Pädagogik? Ist die aus Zuckerguß? Übrigens finde ich es nicht sehr nett, wie hämisch du mir meine tatsächlichen oder angeblichen Worte auftischst. Das hat was Tückisches, als würdest du heimlich alles notieren, was wir sagen, nur damit du uns Jahre später mit Widersprüchen konfrontieren kannst, die Weiterentwicklung oder eine geänderte Meinung wie Blödheit aussehen lassen. Was würdest du davon halten, wenn ich Jahre später und bei jeder Gelegenheit den Schrei nachahmen würde, den du vorhin in der Kirche ausgestoßen hast?«
«Könntest du sicher sehr gut. Schlägt ja in dein Fach.«
«Enöff, Barbara, enöff«, Gudrun traf genau den Ton, und Barbara wußte eine Weile nicht, wie sie es verstehen wollte, dann wischte sie, die Augen schließend, durch die Luft.
«Sie sind doch ein schönes Paar, findet ihr nicht? Er himmelt sie nicht an, das wäre ganz verkehrt, er würde enttäuscht werden und sich in Arbeit, Suff oder Affären flüchten. Es ist nicht so, daß ausgesprochen hübsche Frauen, wie Ina ja eine ist, keine Fehler haben. Sie ist schon ein wenig verwöhnte Prinzessin, wir haben sie vielleicht zu locker erzogen, und wenn das Kind da ist, er den ganzen Tag arbeitet, abends womöglich noch an seiner B-Promotion, wird sie sich umsehen und merken, was Familie heißt. Sie wollen ja nach Berlin. Der Umzug bleibt ja dann auch an ihr hängen.«
«Das beste ist, gleich ein paar Termine bei einer guten Kosmetikerin zu machen. Geburt und das danach, wenn so ein kleiner Hosenscheißer von früh bis spät an deinen Nerven zerrt, sind nicht gerade gut für den Teint. Und Ina ist schon hübsch, da hast du recht, aber sie gehört, glaube ich, in die Kategorie derer, die früh verblühen … Ihre Haut wirkt ein wenig spröde. Sie lagert auch ein, soweit ich sehen kann, das deutet auf schwaches Bindegewebe, das bleibt auch nach der Geburt ausgeleiert. Nicht gerade das, was sich Männer wünschen. Gerade für Frauen mit schwachem Bindegewebe ist das erste Kind oft eine Katastrophe, sie gehen auseinander wie die Russinnen, und Ulrich ist ja in Moskau geboren.«
«Schaut mal, der Bräutigam will was sagen«, versuchte Meno. Wernstein hielt eine kurze Rede, dankte den Gästen, nahm Inas Hand und küßte sie. Adeling trug Tabletts mit Krimsekt, Ulrich tupfte sich die Stirn mit seinem Brusttuch und klopfte mit einem Löffel gegen sein Glas.
«Sympathischer Junge, denkt nicht, er ist was Besseres«, Barbara ließ Gudrun, die den Hals reckte, keine Chance, etwas von Ulrichs Rede mitzubekommen.»Und so tragisch! Hat überhaupt keine Verwandten mehr. Seine ganze Familie kommt aus dem Uran. Gottseidank brauchte ich nicht mehr zu fragen, ob es bei ihm … na, enöff. Schnorchel und ich hatten schon einen Nachmittag dafür angesetzt, es wäre ja eher sein Ding gewesen, unter Männern, aber er hat sich nicht getraut, konnte die ganze Nacht nicht schlafen vor lauter Überlegungen, wie er’s anstellen könnte … Gott, was für Formulierungen. Am nächsten Tag kam Ina mit dem positiven Test vom Frauenarzt.«
«Sag mal, was ich noch fragen wollte, Barbara: Wieso ausgerechnet Brotwein? Ich meine, das ist doch Kwaß. Oder wollte es Ulrich so? Träumt er eigentlich manchmal auf russisch? Oder du, Meno?«
«Das kann Meno doch nicht wissen. Es liegt doch niemand neben ihm, der es ihm am nächsten Morgen sagt. Schade eigentlich. Warum heiratest du nicht wieder? Hanna war einfach nicht die Richtige für dich, das hätte ich dir von Anfang an sagen können. Sie wußte ja nicht mal, wie man ein Suppenhuhn zubereitet. Wenn du mich fragst«, Meno fragte nicht, hörte Barbara aber amüsiert zu,»du brauchst eine Frau, die dir sagt, wo’s langgeht. Die was von den praktischen Dingen versteht. Ich meine, du hast doch noch nicht mal ’n Auto. Kannst du überhaupt fahren? Aber woher nehmen und nicht stehlen bei dem bißchen, das du nach Hause bringst. Schnorchel sagt, du könntest sofort bei ihm im Betrieb anfangen, sie suchen einen — wie hat er gesagt —, so eine Art Koordinator im Kombinat. Du könntest mindestens das Doppelte haben. — Der Brotwein war meine Idee, Gudrun. Ich trinke ganz gern mal ein Schälchen davon, und für eine Hochzeit wäre es doch mal was anderes gewesen, nicht wahr. Wir haben einfach zu spät angesetzt, Schnorchel meinte, die Heizsteller würden das richten … und dabei habe ich die Ballons noch mit Kokosfasern abgedichtet. — Na, enöff, jetzt werden Toasts ausgebracht, stoßen wir an.«
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