Christian stand am Fenster des Wintergartens und lauschte den Geräuschen, die von unten und aus dem Haus herandrangen, Stimmenschleier, Auflachen, Musik aus den Gärten jenseits des Parks, in dem leichter Wind Lichtfasern hin- und herhuschen ließ. Die Farben waren durch den Regen erfrischt, das noch junge Grün der Buchen und Ahorne mischte sich in unruhigen Wellen unter die Blüten von Mandelbäumen und Rhododendren, die am oberen Rand des abschüssigen Parks standen. Leise, laut; dazwischen Keile von Melancholie. Er wollte allein sein. Wenn er die Augen schloß, sah er Bilder aus der Grüner Kaserne vor sich, hörte Stiefelschritte auf den endlosen Fluren, hörte den langsamen, schwermütigen Tanz der Bohnerbartel, die beim Umschwung, knapp bevor sie an die Wände schlugen, ein charakteristisches Geräusch machten: Die Kugeln am Ende der Stiele klickten gegen die Kreuzführungen der Blockerbürsten, rissen sie zurück; diese roh gebändigte Eleganz erstaunte ihn immer wieder, und ebenso die Gleichmäßigkeit, mit der die Gewölbedecke der Flure abends, im Schein nackter Glühbirnen, Streifen um Streifen im Parkett wiederkehrte, nach all den Zertrampelungen des Tages. Unten hatte offenbar jemand einen Witz erzählt, er hörte Adelings meckerndes Lachen, Alois Lange sagte mit klar zu verstehender Stimme, die Dänische Soße sei sehr gut. Kürschnermeister Noacks weißes Haar wurde von einer Wolke aus Pflaumenblüten aufgesogen, als er sich über das Büfett beugte, um seine Gabel in das blitzende Stricken der anderen Gabeln einzuspielen, die Gesichter darüber hatten einen hungrigen Ausdruck, die Augen befahlen den Händen hurtige, mißgönnende Stiche. All diese Dinge gingen ihn auf einmal wenig an; das Haus, die Menschen: alles erschien ihm fremd. Die Zivilkleidung, die er trug, kam ihm wie etwas Unerlaubtes, ihm nicht Zustehendes vor — er wäre nie auf die Idee gekommen, die anderen danach einzuschätzen, ob sie würdig seien, Zivilkleidung zu tragen; doch vorhin, als er neben Herrn Honich gestanden und den Gästen zugesehen hatte, wie sie einen Toast auf das Brautpaar ausbrachten, hatte er sich dabei ertappt, wie er unwillkürlich jeden einzelnen taxierte, ob er oder sie es wert war, hier zu sein, zu lachen, zu essen, mit den anderen fröhlich zu sein und Kleidung zu tragen, deren Auswahl ganz ihnen (sowie dem Angebot der Geschäfte) überlassen war, sie brauchten niemandem darüber Rechenschaft abzulegen. Wenn seine Mutter sich näherte, wich er aus. Ezzo und Robert, Niklas und Ulrich redeten über Fußball, Wembley, das Endspiel im Wankdorfstadion; Ulrich erklärte ein Fritz-Walter-Tor, den berühmten Leipziger Schuß mit der Hacke über Rücken und Kopf; Christian kam es belanglos vor, er konnte nicht verstehen, daß Ulrich es nachzumachen versuchte und einen Gelben Köstlichen vom Vorjahr an Herrn Adeling vorbei in die Remise schoß (Ulrich stützte sich mit den Armen und kippte mit dem Gesicht voran in ein Rhabarberbeet); Christian ging traurig weg. An der Zinkwanne spielten Kinder unter Aufsicht von Babett Honich; am Eisentisch saßen Stahls, winkten ihn zu sich, aber er schüttelte den Kopf. Nun war er hier, im Wintergarten, betastete die Pflanzen, als ob sie verschwinden könnten, suchte Chakamankabudibaba in seinem Versteck in der Sagopalme, bückte sich, legte die Hand auf den Schachbrettboden, der kühl war. Das staubfeine Licht wurde von Blattschatten wie von grauen Fischen durchschwommen, langsame Strömungsbewegungen, die ihn beruhigten, erfreuten. Bevor jemand kam, ging er in den Park.
One of those Ulrich-things, dachte Meno, als sein Bruder das Gesicht mit dem Kölnischwassertuch abwischte und freudestrahlend die Arme ausbreitete: Gelungener Schuß, würde er später sagen, das Foto von Malivor Marroquin in der Hand; der Chilene hatte seelenruhig mit dem Finger am Abzug einer» Praktika «gewartet und sowohl den fliegenden Gelben Köstlichen als auch Ulrichs Landung fixiert; die Plattenkamera hielt Umschau auf Menos Balkon. Ein anderes war, daß sich Ulrich überlegte, am Silvesterabend eine Karte an seinen Zahnarzt zu schreiben.»Niemand wünscht seinem Zahnarzt ein gutes neues Jahr. Und dabei — wer weiß, was für ein leidgeprüfter Mensch das ist. Ich sage immer, schenke einer Blumenverkäuferin Blumen und einem Zahnarzt ein Lächeln zum neuen Jahr. Warum nicht. Auch wenn es von ihm ist. Und auch, wenn er Frau Doktor Knabe heißt. «Wenn er wie jetzt an der Stirnseite eines reichlich gedeckten Tischs Platz nahm, an dem sich genügend Zuhörer fanden, brachte er gern Wissen im Brustton der Überzeugung vor, das lückenhaft war und einer Überprüfung nicht standgehalten hätte; doch obwohl auf manchen Gesichtern Zweifel keimte, schien Ulrichs selbstbewußte Körpersprache, der Gesichtsausdruck mehr verschweigender als aussprechender Gewißheit überzeugend genug, um die Skepsis nicht lautwerden zu lassen. Man kroch in sich zurück, wußte es plötzlich nicht mehr genau, fürchtete, sich zu blamieren — wie man es wagen konnte, an einer Kapazität wie dem ältesten der Rohde-Geschwister, dem Technischen Direktor eines bedeutenden Dresdner Betriebs (man stellte Schreibmaschinen, Kleinmotoren und Federn her, letztere von der Matratzen- bis zur Blattfeder für Reichsbahnwaggons), einem» Held der Arbeit«(einen Teil der damit verbundenen zehntausend Mark hatte Ulrich für die Kuba-Reise gespendet) und intimen Kenner der Auf und Abs (und vor allem der Hin und Hers) der Planwirtschaft zu kratzen; man wagte es nicht und schwieg, zu Hause aber sah man nach, schmunzelte oder schlug sich aufs Knie in rechtschaffenem Ärger und im festen Vorsatz, Ulrich beim nächsten Mal zu entlarven. Gudrun allerdings schwieg nicht:»Das finde ich interessant, Uli. Du bist sehr überzeugend, du könntest ohne weiteres einen Direktor in einem Stück über, sagen wir, einen sozialistischen Schnellmaurer spielen. Fast findet man es schade, daß deine felsenfesten Gewißheiten falsch sind. Zum Beispiel heißt die Dresdner Garnisonkirche eben Garnisonkirche und nicht Garnisonskirche, obwohl sie korrekterweise so heißen müßte. Sonst wäre es ja eine Kirche in Form einer Garnison, nicht wahr? Aber alle Achtung, du bist ein Naturtalent, Uli, das muß ich dir lassen, und du wirst es noch weit bringen, vielleicht bis zum Schnellmaurer.«
Ulrich stutzte dann, prüfte die Wirkung, die der Einwurf bei den Zuhörern hinterlassen hatte, machte eine Bemerkung über die bekannte Weltfremdheit der Kulturschaffenden und fuhr in der Rede fort. Außerdem gab es Onkel Schura. Weder Meno noch Anne hatten ihn je gesehen, Kurt zuckte die Achseln, wenn man ihn auf diesen ominösen Onkel ansprach; Ulrich beteuerte, ihn seit der Kindheit zu kennen und auch jetzt noch (er sei ein sehr einflußreicher Mann in Moskau, wirke aber» hinter den Kulissen«) mit ihm» Geschäfte zu machen«. Von diesem Schura stammten angeblich allerlei Rezepte, die Ulrich als» wirklich gediegen «und aus den» Tiefen des russischen Volkes auf uns gekommen «bezeichnete, zum Beispiel eine Anleitung zur Herstellung von Schnellgurken, die Onkel Schura von seiner Babuschka und diese von der Baba-jaga selber bekommen habe. Die Babuschka habe das Rezept dem Onkel Schura auf dem Sterbebett mitgeteilt, gewissermaßen verhauchend, mit kaum noch vernehmbarer Stimme, nachdem sie die Ikone geküßt und sich bekreuzigt hatte; und Onkel Schura wiederum habe es ihm, seinem Freund von Jugend auf, unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit und zur Verbesserung der Völkerfreundschaft weitergegeben (wenn auch nicht auf dem Sterbebett). Ebenso ein Rezept für Kwaß und eine Spezial-Methode zur» ultimativen «Reparatur von Fahrradreifen. Auch der Wodka, der Helmut Hoppe allmählich fidel werden ließ, entsprang der russischen Unergründlichkeit, mit der Onkel Schura in traumwandlerischgeheimnisvoller Verbindung stand.
«Na, Uli, nu laß ma’ guck’n!«
«Ich mach’ mich schuldig, wenn ich’s dir verrate. Vom Sterbebett der Großmutter stammt’s, da geht man eine Verpflichtung ein, das plaudert man nicht aus!«
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