«Das sagen Sie mir zum ersten Mal. «Schevola wandte sich ab.»Ich will Sie nicht trösten. Ihr Buch durchzubekommen, wird eine harte Aufgabe werden. Sie haben Feinde.«
«Warum?«
Meno glaubte ihr das naive Erstaunen, das er auf ihrem Gesicht las.»Warum? Sie sind lebendig. Sie haben Temperament und Leidenschaft. Sie kennen Menschen, Sie haben eine Sprache, die den Namen verdient. All das zusammen macht, daß man, wenn man Sie liest, das Gefühl hat, etwas Wahres zu lesen. Nicht im Sinn von Propaganda.«
«Etwas Wahres, sagt mein Lektor! Dafür kann ich mir nichts kaufen. Ich habe den Eindruck, daß das Publikum das gar nicht wirklich will. Sie wollen Unterhaltung und Ablenkung, sonst hätten Sachen wie ›Die Aula‹ nicht solchen Erfolg.«
«Sie wollen Verkaufserfolge? Werden Sie nicht bekommen. Das ist auch nicht Ihre Sache, meiner Meinung nach.«
«Aber die anderen werden gepriesen und hofiert, ich muß Kratzfüße machen und antichambrieren — «
«Hören Sie«, unterbrach Meno,»keiner von denen ist in der Lage, eine Szene zu schreiben wie die, in der sich Ihre Heldin von ihrem Vater verabschiedet. Sie beklagen sich über Mißerfolg. Mißerfolg macht empfindlich. Empfindlichkeit ist, neben der Herkunft, das größte Kapital eines Schriftstellers. Lassen Sie sich nicht korrumpieren.«
«Sagte der Mann mit dem festen Einkommen. Sie haben leicht reden vom Mißerfolg. Und ich hab’ zwar Talent, wie Sie sagen, aber keiner wird es wissen. «Er spürte, daß sie müde war, und erwiderte nichts. Sie bogen in den Karl-Marx-Weg. An der Toreinfahrt zum Schneckenstein wurden sie von Soldaten angehalten, die ihre Ausweise und Menos Aktentasche kontrollierten. Ein Feldwebel rief im Schloß an, Meno und Schevola warteten, es hatte keinen Sinn, sich über die Prozedur aufzuregen und darauf hinzuweisen, daß Kontrolle und Anruf bereits bei den Wachtposten am Brückenauf- und — abgang erfolgt waren. Das Tor, eine mehrere Meter hohe Stahlwand auf Schienen, öffnete sich wie eine Kulisse und schloß sich hinter ihnen wieder.
Die Auffahrt war asphaltiert, früher mochten Kutschen die von Kugellampen illuminierten Serpentinen zum Schloßgebäude hinaufgefahren sein. Hohe Bäume beschatteten den Weg, es war hier merklich kühler; Meno gab der fröstelnden Schevola sein Jackett.»Kennen Sie Barsano?«Er fragte es, damit sie nicht ablehnte.
«Nur von fern. Und Sie?«
«Ich bin schon ein paarmal hiergewesen.«
«Sie sind in Moskau geboren, nicht wahr?«
Meno sah sie überrascht an.»Woher wissen Sie das?«Sie zwinkerte ihm zu.»Ich weiß gern über die Menschen Bescheid, mit denen ich zu tun habe. — Wußten Sie, daß Barsanos Vater Mitbegründer der Komintern war?«
«Und der KPD, zusammen mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dreiunddreißig ist die Familie nach Moskau emigriert, sie haben im Hotel Lux gewohnt, Barsano hat die Liebknecht-Schule besucht. Der Vater ist bei den Säuberungen ums Leben gekommen.«
«Das wußte ich nicht«, sagte Schevola.
«Erwähnen Sie’s auch nicht. Mutter und Geschwister wurden verhaftet, er als Sohn eines Volksfeinds von der Schule relegiert und nach Sibirien verbannt. Er hat in den Bergwerken geschuftet und seinen linken Zeigefinger verloren. Tun Sie nachher so, als ob Sie es nicht sähen.«
«Wie lange sind Sie in Moskau gewesen?«
«Ich weiß es nicht genau. Ich habe nur verschwommene Erinnerungen. Manchmal fallen mir Bruchstücke von Kinderliedern wieder ein. Mein Bruder ist Achtunddreißig geboren, er weiß noch mehr. Meine Schwester war noch im Kindergarten, als wir zurückkehrten. — Können Sie Russisch?«
«Nur das Schulpensum, Nina Nina tam kartina … und ein bißchen was ist hängengeblieben von Reisen. — Warum?«
«Weil da oben«, er wies auf das Schloß,»manchmal nur Russisch gesprochen wird. Fast alle von Barsanos Leuten sind ehemalige Moskauer, und ihre Kinder lassen sie in Moskau zur Schule gehen und studieren.«
«Die rote Aristokratie«, sagte Schevola.»Die im Westen gehen nach Paris und London und New York, die hier gehen nach Moskau. Paris … Das ist die Stadt, in der alle Frauen Handschuhe und weiße Kleider mit schwarzen Punkten tragen. Naja. Muß das herrlich sein, von seinen Klischees kuriert zu werden. Ich möchte trotzdem mal hin.«
«Sie wären vielleicht enttäuscht.«
«Ja, die Trauben sind bestimmt sauer. Ich will aus einem einzigen Grund dorthin. Simenon läßt in seinem Roman ›Der Mann, der den Zügen nachsah‹ Kees Popinga, die Hauptfigur, einen Brief an den Kommissar schreiben: ›… er hatte absichtlich Papier mit dem Briefkopf des Lokals benutzt‹. Da gibt es also Lokale, die eigenes Briefpapier haben! Das finde ich wunderbar. Es klingt so selbstverständlich … Als ob es dort oft vorkäme, daß man in Lokalen Briefe schreibt.«
«Sie sind eine Schwärmerin und ziemlich vertrauensselig«, warnte Meno lächelnd.»Sie wissen nicht, wohin ich gehöre.«»Nein, das weiß ich nicht«, erwiderte Schevola nach einer Weile.
Das Schloß war ein Bau von kastellhaftem Klassizismus; das Hauptgebäude flankiert von zwei achteckigen Türmen, auf dem linken Turm wehte die Sowjetfahne, auf dem rechten die der Arbeiter- und Bauernmacht. Meno und Judith Schevola gingen über den mit Kies bestreuten Platz vor der Eingangshalle; ein Lenin-Kopf aus rötlichem Hartgestein lag wie ein Meteorit in der Ebene; das Tatarengesicht starrte mit feinem Lächeln in die Parkbäume; Schevola konnte es sich nicht verkneifen, mit dem Knöchel dagegenzuklopfen.»Massiv«, sagte sie erstaunt.
«Was dachten Sie denn«, sagte Meno noch erstaunter,»stellen Sie sich mal vor, das würde hohl klingen.«
Sie warteten im Foyer. Die verstaubten Messingzeiger auf der Deckenuhr klackten auf sieben. Max Barsano hörte man schon von weitem lachen, sofort lockerte sich die Gruppe der Wartenden, bekamen die Blicke der Genossen Generalsekretäre auf den beiden fenstergroßen Porträts an den Schmalseiten der Halle etwas Aufmunterndes. Barsano blieb am Treppenfuß stehen, überflog die Anwesenden mit einem raschen Blick, traf eine Entscheidung und trat mit einem» Entschuldigt, Genossen «auf Judith Schevola zu, faßte ihre Rechte mit beiden Händen.»Bist ja gezaust worden, hab’ ich gehört«, sagte er mit voluminöser Baßstimme zu ihr, die nicht zu seinem zarten Körper passen wollte,»macht nichts! Dann taugt’s was! Schreib mal weiter, aus Kindern werden Leute, und du bist jemand, der das Zeug hat, eines Tages unsere großen Alten abzulösen. «Damit ging er an Meno vorbei zum Autor Paul Schade, der seine Orden aus dem antifaschistischen Widerstandskampf stolz auf der Brust seines Anzugs trug, und zu Eschschloraque, der dünn lächelte und beim Händeschütteln vornehm andeutend den Kopf senkte; Schiffner, den Barsano dann begrüßte, stand verlegen nach diesem im Foyer widerhallenden Lob, Josef Redlich mit im Gesicht glänzender Freude.»Heben Sie jetzt bloß nicht ab«, knurrte der Autor Paul Schade, Verfasser des revolutionären Poems» Brülle, Rußland«, von dem bedeutende Auszüge in den Schullesebüchern sämtlicher sozialistischer Bruderländer mit Ausnahme der UdSSR standen,»mit Ihnen befassen wir uns noch!«Schade bekleidete einen hohen Posten im Verband der Geistestätigen, er maß erst Schevola, dann Meno mit einem drohenden Blick. Barsano wandte sich den beiden Londoners zu, Vater und Sohn; Philipp im eleganten cremefarbenen Sommeranzug, noch mit Hut auf dem zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar, was sich wahrscheinlich nur er hier erlauben konnte:»Na, Herr Professor«, rief Barsano vergnügt,»morgen schick’ ich dir mal meinen Friseur vorbei! Im Krieg hättste deine Pracht voller Läuse gehabt! — Sind eben junge Leute«, sagte er zu seinem Stellvertreter Karlheinz Schubert, der alle Anwesenden um mindestens einen Kopf überragte und in der leicht gekrümmten, achthabenden Haltung zu groß gewachsener Menschen nach Barsano die Honneurs machte. Der klopfte dem Alten vom Berge auf die Schultern, eine Geste, die zu burschikos und jovial-unehrlich gewirkt hätte, wenn nicht das Zögern vorher gewesen wäre, das um Einverständnis zu bitten und zu fragen schien, ob er auch recht sei, dieser zurückhaltend geführte Schlag auf die Schulter; nicht jeder empfand das als Auszeichnung, mancher als kumpelhaft-plumpe Vertraulichkeit, mancher vielleicht sogar als Bezeichnung. Barsano begrüßte Meno, steckte die linke Hand in die Tasche seines schlechtgeschnittenen Jacketts — wieviel eleganter waren die Londoners, Eschschloraque und Schiffner gekleidet! — , nahm sie wieder heraus, als würde ihm bewußt, daß das, was man verbirgt, interessant wird, versuchte zu lächeln, unterbrach aber sofort, als die Unterhaltungen der anderen, ohnehin konversationell und abwartend, versickerten.»Wie geht’s Ihrem Vater? Hab’ ihn lange nicht mehr gesehen. Bereitet ’ne Reise vor?«
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