Wie still es plötzlich war: Als hätte man einen Raum voller Lärm zugeklinkt, der hier nicht mehr galt, er zerstob und zerflatterte in den Gerüchen, die Christian wieder wahrnahm: vom Park her, wo ein großer Vogel abgestrichen war und ihn erschreckt hatte, vom Garten, vom Tausendaugenhaus. Fledermäuse huschten zwischen den Baumkronen, man sah sie als Schattenwinkel unter dem moorigen Himmel. Das Barometer zu Hause hatte» Schönwetter, konstant «gezeigt, und Libussa hatte gesagt, es würde keinen Regen geben. Chakamankabudibaba kam aus den Weinrosen neben dem Weg, berührte mit seinem Flaschenbürstenschwanz kurz Christians Wade, ein herablassender, registrierender Gruß, der Kater schleckte eine Vorderpfote, witterte in die Gartentiefen, verschwand so lautlos, wie er gekommen war. Teerwagens saßen auf dem Balkon, Schlagermusik dudelte aus offenen Fenstern, vielleicht war es» Da liegt Musike drin «mit Kammersänger Rainer Süß, eine beliebte Unterhaltungssendung des I. Programms. Halb zwölf: Nein, das lief nicht mehr um diese Zeit. Es war ungewöhnlich warm, er überlegte, draußen zu schlafen, ihm fiel ein, daß er noch die Liegen aus dem Schuppen holen mußte, und die Luftmatratzen waren noch aufzupumpen, er beschloß, es gleich zu tun. Bei Kaminskis und Stahls war es dunkel, aber als er an die Brüstung trat, unter der der Garten steil abfiel, sah er die Stahls im Licht der farbigen Glühbirnenkette sitzen, die sie sommers über dem Eisentisch aufhängten. Er ging hinunter, der Ingenieur fragte, ob Sylvia ruhig gewesen sei; Christian hatte nichts gehört, Sabine Stahl sagte, sie schaue manchmal noch heimlich fern, wenn sie hier unten im Garten säßen, das Flimmern könne man von hier aus nicht sehen. Christian sagte, daß es mit dem Waschen morgen früh Probleme geben könnte, aber Stahl meinte, Jugend müsse was aushalten, er habe die Zinkwanne im Garten gefüllt.»Bleibst du noch?«
«Ein bißchen.«
«Ihr müßt bald ins Wehrlager, hat uns Meno gesagt?«
«Ja.«
«Halt die Ohren steif. — Gut’ Nacht, Christian.«
«Gut’ Nacht.«
Die Stahls erhoben sich. Christian bemerkte Sabine Stahls gerundeten Bauch. Sie lächelte.»Meno wird uns das Schlafzimmer abgeben müssen.«
Sie schlenderten nach oben, Christian sah ihnen nach, zwei helle Flecke, die die Treppe zum Haus hinaufstiegen. Der leichte Rausch, den er von den Cocktails gehabt hatte, war verflogen; er schenkte sich ein Glas Bowle ein, sie schmeckte schal, er ließ das Glas stehen. Er drehte die Glühbirnen aus, löschte das Windlicht, setzte sich auf den Stuhl, auf dem der Schiffsarzt gesessen hatte, starrte zum Papiermond, der in den Luftströmungen schwankte, eine weiße Scheibe mit rot aufgemaltem Clownsgrinsen, in der man morgens verbrannte Insekten fand. Nachts war der Garten geheimnisvolles Gebiet, die Grillen sägten ihr schläferndes» Zig-zig «in die fernen Geräusche der Stadt und das Wispern der Bäume, überall schienen Augen aufgeschlagen, überall war Jagd im Gange. Ein Käfer krabbelte auf den Tisch, er hatte lange, nach hinten gebogene Fühler, die die Luft zu seihen schienen, Christian stand erschrocken auf: Das war etwas für Meno, nicht für ihn, Meno hätte gewiß sofort einen lateinischen Namen parat gehabt und ihm etwas über die Lebensgewohnheiten dieses Käfers erzählt. Christian fürchtete sich davor, für ihn war das Tier einer der Nachtgeister, ein Auge, mit dem die Natur auf das Menschenwesen blickte.
Er ging den Pump-Frosch aus dem Schuppen holen. Stahl hatte ein Windlicht neben die Zinkwanne gestellt, ein gelber Stecknadelkopf im Gartendunkel, das von den Blüten der Nachtfalterpflanzen weiß gefleckt war: ein narkotisches Vibrieren; er hatte plötzlich das Bedürfnis, eine Hand in das Regenwasserfaß neben dem Schuppen zu tauchen; dann die andere Hand: es erstaunte ihn, wie unangenehm es war, wenn man nur eine befeuchtete. Das Hornissennest war leer, ihm fiel ein, daß Meno gesagt hatte, daß Hornissen einjährig waren und die Königinnen sich nach dem Überwintern neue Nester bauten; auch gingen Hornissen, anders als Wespen, nicht an die Speisen; er hätte es Reina sagen können. Als er aufsah, war der Stecknadelkopf verschwunden. Er fand Kerzen im Schuppen, auch Streichhölzer, wahrscheinlich benutzte sie Meno, wenn er hier arbeitete. Auf einem Wandbord lagen Vorjahresäpfel, auf dem Fensterbrett Pappzylinder mit Blattlausgift; es roch nach Düngemittel und Gummistiefeln. Die Zinkwanne stand im untersten Gartenteil, auf einem terrassierten Rasenstück mit Tomaten und Himbeeren, um die Libussa mühselig Heckenrosen und Ahornschößlinge rodete, die von den großen Mutterbäumen unter dem Abbruch des Gartens — er fiel hinter einem morschen Lattenzaun um mehrere Meter ab, das angrenzende Grundstück war verwildert und schien niemandem zu gehören — im Herbst als eroberungssüchtige Propellertruppen landeten. Glühwürmchen schnurrten über den Weg, den Christian langsam hinabging, immer wieder kratzten Äste übers Gesicht; hier standen knorrige Obstbäume, der Cellini-Apfel, den Lange zum Mosten und für Mus nahm, Boskoop, Stern- und Graurenette; Langes besonderer Stolz, die alten Birnen: Gellerts Butterbirne, Gute Luise, ein Baum mit Christians Lieblingssorte, der rotgelben Dechantsbirne, Meno bevorzugte die zimtrote Madame Verté und die kugelige Grüne Jagdbirne; im Keller standen Hunderte Gläser mit eingewecktem Obst.
Er wartete. Eine Frauen- und eine Männerstimme, dann plätscherte es, und als sie auflachten, erkannte er Ina und Siegbert; er ging in die Hocke und stand erst wieder auf, als die Beine zu schmerzen begannen. Wieder das Plätschern, sie lachten in der gedehnten Weise von Betrunkenen, Christian pirschte sich heran und sah ihre milchigen Körper in der Badewanne, sie lösten sich voneinander, murmelten, kamen aufeinander zu; Berührungen von einer Behutsamkeit, als wären sie zwei Ärzte, die sich gegenseitig mit den angewärmten Membranen ihrer Stethoskope abhörten.
Ja, dachte er, ja. Du solltest woanders sein. Aber er wartete, gierig und traurig.
Dann ging er nach oben, holte die Liegen, stellte sie in Menos Wohnzimmer auf, kümmerte sich um die Luftmatratzen. Seine Gedanken irrlichterten, und die Grillen zirpten übermäßig laut zur offenen Balkontür herein. Die Schreibtischlampe würde Insekten anziehen, er schaltete sie aus, ging nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Der Garten war auf einmal fremd, die schaumigen, dunkelblauen Baumschatten bedrohlich, von irgendwoher kam immer noch die Schlagermusik, plötzlich zerschnitten von Gekreisch, als würde jemand durchgekitzelt. Wie langweilig, wie sinnlos! Und all diese Blüten und Gewächse, die einander wie Kräfte in einem höflichen und ungerechten Spiel bedrängten, gab es auch ohne ihn; diese Erkenntnis bestürzte ihn so, daß er es auf dem Balkon nicht mehr aushielt. Die Tür öffnete sich. Verena schaltete das Licht ein, zuckte zusammen.»Hast du mich erschreckt. Ich wußte nicht, daß du da bist — «
«Wo sind die anderen?«
«Noch in der Bar. Siegbert ist mit Muriel und Fabian weg. Hast du Reina gesehen?«
«Nein.«
«Sie ist kurz nach dir gegangen. Christian … Darf ich dir was sagen?«Sie sah an ihm vorbei, er mußte schlucken. Verena wollte in den Garten gehen, an den Eisentisch, aber er wehrte ab, obwohl er, weil er Vorwürfe erwartete, für einen Augenblick Rachsucht verspürte.
«Na gut, wir können auch hierbleiben«, sagte sie.
«Nein, ich … Würdest du mitkommen? Ich möchte dir die Karavelle zeigen. Nur von außen — «
Sie zögerte, er wandte sich ab.»Wir brauchen nicht zu klingeln, ich mag nicht ins Haus … Es ist nicht weit«, sagte er leise.
Sie gingen durch die nächtlich leere Mondleite, auch bei Teerwagens war es jetzt dunkel. Verena sagte lange nichts, und er drängte nicht, erinnerte sich an den Spaziergang mit Meno im Winter, vor der Geburtstagsfeier in der» Felsenburg«, wie geheimnisvoll und voller Geschichten ihm das Viertel erschienen war, jetzt wirkte es verschlossen. Verenas Kleid bekam etwas Geisterndes über den wie graue Bänder liegenden Straßen, sie trug weiche Schuhe, er hörte ihre Schritte nicht.»Ich finde es nicht richtig, daß du einfach gegangen bist«, sagte sie, als sie schon auf der Heinrichstraße waren, auf der nur noch Licht bei Niklas und in der Nr. 12, dem Glyzinienhaus, brannte, dessen Duft sich mit dem des Holunderstrauchs vor der» Karavelle «mischte.»Wir hatten uns so auf diesen Abend gefreut, und dann — «
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