Christian trank sein Glas aus. Es war irgendein Cocktail für Jugendliche, vanillig schmeckend und aufgeregt über seinen eigenen Alkoholgehalt; die Zunge klebte davon. Verena und Siegbert hampelten herum, sie warfen die Arme wie im Schüttelfrost. Albern! dachte Christian. Wozu soll das gut sein, so auszusehen? Verenas Fieberaugen; in Reinas Gesicht, das sonst so blaß war, kroch Hitze wie verschütteter Rotwein auf einem Tischtuch. Es faszinierte ihn. Es ekelte ihn. Das Gesöff schmeckte widerlich, aber was sollte er sonst tun, als es trinken. Heike beobachtete ihn, er nahm es aus den Augenwinkeln wahr, er konnte es nicht leiden, beobachtet zu werden, starrte sie flackernd an, aber sie ließ sich davon nicht stören, verglich ihn mit der Zeichnung, starrte zurück, unbewegt, sezierend. Er fand die Musik schrecklich, aber sie war nur laut, nicht schlecht, sie war gut. Das war das Blöde: Sie war gut. Kein Twist mehr; eine Hommage an den» Lipsi«, der Keller brüllte vor Lachen. Gitarrenriffs mit geschlossenen Augen und abwesend offenem Mund. Das war dreckig wie Mülltonne, keine Diplommusik. Zähnebleckende Musik, im Arsch zerspringt ein Thermometer. Ja, genau dort, im Arsch, im Arsch! Christian flüsterte dieses Wort mit Gier. Diese Jungs da an ihren Instrumenten waren Könner, auch wenn sie nicht Cello spielten oder Klavier. Fünf Jungs, ein paar Jahre älter als er, schätzungsweise. Schätzungsweise, dachte Christian, vielleicht sollte ich Heike den Zeichenblock einfach wegnehmen?» Sag mal, Heike, geht’s dir gut? Du malst die ganze Zeit«, stieselte er, schnappte sich ihren Cocktail. Sie hatte nichts dagegen, nickte bloß. Schluckte er ihn eben runter, ab dafür. Seine Haut brannte. Der Zigarettenrauch hing wie eine schwelende Glocke unter der Decke. Christian stellte sich vor, der heftig auf- und abwedelnde Drummer wäre eine Windmaschine, die den Rauch und die Stimmen und das über die Tische spickende Gelächter mit einemmal rausbliese, vor allem das Gelächter, das war wie zerreißendes Papier. Er kontrollierte, ob ihn jemand sehen konnte. Heike hatte andere Objekte gefunden. Die Soldaten waren an Röcken oder weiblichen Jeanshintern interessiert, er rückte tiefer in seine Schummerecke unter dem Waschküchenschein einer Ringlampe aus den Sechzigern, alles blieb beim alten, und er konnte nicht locker sein. Er stellte sich vor, wie er Cello in einem Dom spielte, eine in Andacht erstarrte Gemeinde, Bach zwang sie in die Knie, genau diese Leute hier, Libussa würde mit fahriger Hand Liedertäfelchen am Brett wechseln, der Schiffsarzt würde mit reuig gesenktem Kopf in einer harten Bank büßen, Verena und Siegbert würde das Lachen vergehen. Stille, kirchenkühle Ewigkeit, Bachs Harmonien, nicht dieses hausschlachtene und billig betextete Gejaule … Falk warf glücklich den Kopf zurück und schnappte wie ein Karpfen nach Luft. Christian sah ihn vor sich, wie er nach dem Gespräch bei Fahner weggegangen war, der Kamm in der Gesäßtasche, die tropfende Ruhe im Treppenhaus, und er hatte Falk mitleidlos hinterhergeschaut, auf die eckigen Schulterblätter und die wirklich, wie Reina gesagt hatte, für einen Jungen viel zu mageren Arme. Jetzt tanzte er wie verrückt, und hatte noch nach einer Woche, abends, auf dem Internatszimmer, seine Angst nur schlecht verhehlt:»Er hat ein bißchen herumgetobt, gar nicht mal laut, aber … Ihr kennt den ja. Passiert ist nichts … bis jetzt. Vielleicht kommt das dicke Ende noch, bei denen weiß man ja nie, und er schmeißt mich von der Schule. «Das waren Falks Worte gewesen, sie blendeten sich über die Stimmen in der Bar, die Musik. Rockballaden jetzt. Gut, gut, gut. Ja. Raus müßte man. Vielleicht mal auf Toilette. Nein, besser hierbleiben, sonst ist vielleicht nachher der Platz weg. Christian beobachtete Judith Schevola, die sich angeregt mit der Frau zu unterhalten schien, aber in den Gesprächspausen zu den Tischen spähte. Bloß der mal nicht unter die Lupe geraten, dachte er. Der Bandleader trug ein Armenierkäppchen auf dem kurzgeschorenen Kopf, einen Ledermantel mit Schulterklappen und Gürtel und einem» Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher. Theatralische, ehrliche Bewegungen, so ausfahrend allergisch, daß seine Nachbarn an den Gitarren armlangen Abstand hielten. Der Drummer im Russenhemd, das strahlig durchgeschwitzt war; über seinem wild arbeitenden Kopf schummerte wie eine Aureole der Schweif eines aus farbigen Glas-Puzzlestücken gefaßten und von hinten beleuchteten Paradiesvogels.
«Na, was sagst du?«Ina ließ sich neben Christian fallen.
«Wie heißt der Typ, der so rumfuchtelt?«
«Der Frontmann? André Pschorke. He, willst du nicht mal tanzen?«
«Pschorke«, wiederholte Christian sinnend,»mit solchen Namen beginnen Weltkarrieren.«
«Du bist manchmal ganz schön arrogant, hat dir das schon mal jemand gesagt?«
«Die da«, Christian nickte müde in Richtung Verenas.»Ist mir egal. Immer nur schrumm-schrumm-schrumm — «
«Ach, du bist’n Langweiler, Cousin«, Ina winkte ab.»Du wirst noch mal gewaltig auf die Fresse fliegen. Deine Klassik ist was für Mumien. Kannst du dir an den Hut stecken. Verklemmte Feingeister, pah, können mir gestohlen bleiben. «Sie zündete sich eine Zigarette an.
«Hehehe, Cousine, komm runter.«
Ein Gitarrenakkord schnitt Inas Antwort ab, sie schüttelte den Kopf und ging, als die Tanzenden sich voneinander lösten, auf Siegbert zu. Muriel tanzte jetzt mit Falk, Verena mit Fabian, die Soldaten hüpften um Reina herum, die allein tanzte und die Augen geschlossen hielt.»Neustadt «sang von Pflastersteinen, vom Postinspektor Alfred, der durch die Vorstadtstra-ha-ßen mit Aktentasche und Stullenpaket zur Nachtschicht ging, vom Stückchen Himmel überm Hof, so blau wie Milkaschokolade — die Tanzfläche grölte —, sie sangen den» Aschesong«:»Nein, nicht, was ihr denkt«, rief André Pschorke den Soldaten zu,»es geht um … Asche liegt über der Stadt / Menschen haben sie im Haar / Asche, die Schlafs Farbe hat / das, was war, das, was war … // Sag, wo ist der Traum geblieben / den sie bei Sonnenaufgang hatten / haben sie ihn abgetrieben …«, die Zeilen beeindruckten Christian, er kritzelte sie auf einen Bierdeckel, auffällig, damit niemand ihn falsch einordnete. Sie sangen» Deine Augen«, eine langsame Sache mit viel Keyboard.
Schevola kam, hinter ihr die Frau im Sari.»Wir sehen, daß Sie fleißig zeichnen, darf ich mal sehen?«rief sie Heike zu. Sie blätterte den Zeichenblock auf, prüfte das Bild mit knappen Blicken, wie ein Handwerker den Inhalt eines Werkzeugkastens, blätterte weiter.»Du bist noch Schülerin?«
Heike reckte das Kinn und kräuselte eine Locke, die Frau im Sari nahm es wohl als Ja.»Was willst du mal machen, nach der Schule?«»Malen«, sagte Heike. Die Frau im Sari nickte.»Wenn du möchtest, besuch mich mal. Ich heiße Nina Schmücke, tagsüber verkaufe ich Fisch, freitags schauen wir uns abends unsere Bilder an und diskutieren darüber.«
«Sie hatten das rote Bild in der Kunstausstellung«, sagte Heike.»Einen Tag«, Nina Schmücke gab ihr den Block zurück.»Dann hat es jemandem, der was zu sagen hat, nicht mehr gefallen, und es wurde abgehängt.«
«Das hat Bärenkraft«, sagte Heike.»Darf ich wirklich zu Ihnen kommen?«
«Hast du was zu schreiben?«
Heike drehte den Block um, Nina Schmücke schrieb ihre Adresse darauf. Dann versanken die beiden in ihr eigenes Universum aus Malernamen und Bildern und Maltechniken.
Schevola setzte sich neben Christian.»Wollen wir uns unterhalten?«rief sie ihm amüsiert zu. Sie zeigte vage in Richtung Treppe.»Neustadt «schrubbte wutschnaubende Proteste.
«Worüber denn«, war alles, was Christian einfiel. Das hatte er in normaler Lautstärke gesagt, Schevola konnte es nicht verstanden haben.
«Sie tanzen wohl nicht?«
Er schüttelte den Kopf. Dann nahm er einen neuen Bierdeckel, schrieb:»Würden Sie den anderen sagen, daß ich schon gegangen bin? Es ist offen.«
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