«Später, junger Mann, jetzt sind wir dran. Die Geschichten sind natürlich gewaltig übertrieben, sonst aber nicht schlecht, er sollte mit Ihrem Onkel sprechen.«
Christian ging ans Fenster:»Herr Lange?«
«Ach, so humorlos. «Sie gaben ihm das Buch.»Alles in Ordnung«, riefen sie in den Garten.
Es klingelte bei Meno.»Oh, Besuch«, sagte Judith Schevola, als Christian die Tür öffnete.»Sie sind — «
«Sein Neffe.«
«Herr Rohde und ich — wir arbeiten zusammen. Er ist mein Lektor.«
«Kommen Sie doch herein!«
«Ich wollte nicht stören …«
«Sind Sie nicht Judith Schevola?«Verena kam vom Haus, und als Schevola überrascht nickte:»Ich habe alles von Ihnen gelesen, schade, ich habe kein Buch dabei, sonst würde ich Sie um ein Autogramm bitten!«
«Unten gibt’s Bowle«, sagte Christian.
«Was wird denn gefeiert?«fragte Schevola, die den beiden folgte,»hat jemand Geburtstag?«
Verena redete begeistert auf sie ein, nun war es nichts mehr mit Langes Seemannsschnurren, er machte eine heiter resignierende Bewegung. Siegbert und er zogen sich mit Logbuch und Windlicht zurück, bald tasteten sich die Rauchspindeln des Kopenhagener Vanilletabaks zum Eisentisch, wo die anderen saßen und Schevola mit Fragen bestürmten.
«Wie läuft denn so ein Kongreß ab?«
«Wollen Sie das wirklich wissen?«Schevola lächelte.»Laberlaber …«
«Kommt mir bekannt vor.«
«Und: geifergeiferzischelzischel. — Was lesen Sie denn am liebsten?«
«In der Schule? ›Die Abenteuer des Werner Holt‹«, rief Siegbert herüber.»Das ist endlich mal ’n Buch, das Spaß macht.«
«Dachte ich mir. Und ›Die Aula‹?«
«Verlogene Scheiße!«
Sie lachte.»Das war deutlich.«
«Und Sie sind ’ne richtige Schriftstellerin?«wollte Reina wissen.»Ich schreibe Bücher, ja. Aber ob ich ’ne richtige Schriftstellerin bin … Manchmal denke ich, ich werde nie eine.«
«Also mir haben Ihre Bücher gefallen«, sagte Verena.»Man kann sich so richtig reinversetzen, und die Menschen bei Ihnen … die sind wie lebendig. — Ich glaube, Sie lieben sie sehr, sogar die unangenehmen«, setzte sie leise hinzu. Schevola kramte in ihrer Handtasche, fischte eine Zigarettenschachtel heraus.»Darf ich?«fragte sie Libussa.
«Aber ja, Kind. Meno viel hält von Ihnen, und glauben Sie mir, er hat Meinungen zu Autoren.«
«Kann ich mir denken.«
«Haben Sie oft«, Verena zögerte,»ich meine … Sie sind doch so erfolgreich, meine Schwester ist in einer Bibliothek, und Ihre Bücher werden häufig verlangt, und alle, die ich kenne, mögen Sie — «
«Selbstzweifel? — Ja, die habe ich. Das sind so Heimsuchungen, da hilft kein Erfolg und kein Lob. Wissen Sie … Ach was, darf ich du sagen? — Abends ist man allein in seiner Stube, und die großen Autoren, die Meister, schauen einen von den Wänden an, ihre Bücher schweigen in den Regalen, und man sitzt über seinem Blatt und kritzelt vor sich hin — «
Verenas Gesicht erhellte sich.»Sie sind mir sympathisch, darf ich Ihnen das sagen? Und ich dachte, man hat immer bloß allein solche Gedanken.«
Schevola warf ihr einen Blick zu, blies Rauch zum Papiermond.»Schön hier.«
«Manchmal denke ich, das ist Eichendorffs Garten«, sagte Christian. Schevola lächelte.»Der aus dem Taugenichts, bei Wien, das Schloß der Gräfin, Raketen steigen, und es war alles, alles gut?«Ina kam, man sah ihr schon von weitem an, daß sie frustriert war.»So ’n Mist, wir sind nicht reingekommen. War ’n anderer Einlasser heute. Und wißt ihr, wer spielt? ›Neustadt‹!«
«Ich denke, Auftrittsverbot?«fragte Libussa.
«Deshalb ist’s ja heut’ so voll.«
«Geht’s um die Paradiesvogel-Bar?«fragte Schevola. Und als Libussa nickte:»Kann ich mal Ihr Telefon benutzen?«Schevola drückte die Zigarette aus und ging mit Christian nach oben. Nach fünf Minuten kamen sie wieder.»Wie steht’s? Wer kommt mit?«
«Mensch, wie haben Sie das hingekriegt!«staunte Falk.
«Vitamin B. Also?«
Ladislaus Pospischils Paradiesvogel-Bar zehrte von früherem Ruf. In den sechziger Jahren hatte Verruchtheitsglanz über der parkettierten Tanzfläche gelegen, die Bands mit braven Namen, schlaksige Jungs in krokodilgelben Schuhen und Anzügen aus dem» VEB Herrenmode«, beglaubigt von Spaghetti-Krawatten, mit Bill Haleys und Elvis Presleys brandstiftender Musik bespielt hatten, nach zwei, drei Nummern zeigte die Spiegelwand nur noch Farbschlieren und die Umrisse von Körpern, schwitzte unter» Karo«-Rauch und den Ausdünstungen von fünfhundert kreischenden und abhottenden Gästen, Kondensfeuchtigkeit und warmem, mit dem Finger umgerührtem Schampus. Billiges Bier wurde schal neben aufgeregten Gesprächen über Tischtelefone, auf denen rote Lämpchen funkten. In der Herrentoilette standen Gläser mit Zuckerwasser für ramponierte Entenschwanz-Frisuren, zwischen den Spiegeln hing eine Warnung vor Geschlechtskrankheiten, und Pärchen, die zwei Stunden am selben Cocktail tranken, wollten überwiegend zuhören. Vertreter der Ordnung und Rebellen hatten einander über Sprelacart-Tische hinweg feindselig gemustert, manche Dresdner Ehe war vom Zigarettengeist in den Séparées gestiftet worden, die man mit Vogelvorhängen Taschkenter Weber schließen konnte. Seit der Verstaatlichung war es bergab gegangen, Pospischil war Leitender Angestellter, nicht mehr Besitzer; der Schmugglerhöhle im Hotel Schlemm gingen die Schmuggler aus.
Christian war noch nie hiergewesen. Der betäubende Lärm, der wie eine Gummiwand auf ihn stürzte, der schreiende, lachende Menschenschlauch auf der Treppe, die von Qualm und Bierdunst wabernde Luft, die auf der Haut wie eine feuchtwarme Windel lag, die klaustrophobische Enge im Raum mit den hin- und herschwappenden Gästen, die ein schweres, dunkles Wasser zu bilden schienen, in dem ein paar Lampenbojen trieben; die auf ihn wie verzweifeltes Nichtschwimmergezappel wirkenden Bewegungen der Tanzenden auf der kleinen Fläche vor der Band: all das stieß ihn ab, und er war froh, als er einen Platz im Winkel der von Schevola reservierten Bank gefunden hatte. Neben ihnen saßen Soldaten in Ausgangsuniform und schielten sehnsüchtig, Schampusgläser zwischen den Händen rollend, zu den Mädchen.»Arme Schweine«, bedauerte Muriel nach einem Blick auf die Schulterklappen und forderte den Häßlichsten von ihnen auf, dem die Röte ins Gesicht wippte, die sich Sekundenteile später in den Gesichtern der anderen fortsetzte, als gäbe es eine Verbindung zwischen ihnen, Hoffnung auf ein gleiches Glück; aber Verena und Siegbert waren schon auf die Tanzfläche gegangen, Ina hatte Fabian mitgezogen, und Reina, nach einem Blick auf Christian, Falk; Heike schüttelte einfach den Kopf, als einer der Soldaten eine linkische Verbeugung versuchte, und Schevola stand an der Bar, flankiert von einem Mann mit Pferdeschwanz und Rauschebart und einer Frau in einem sariähnlichen Kleid.
Die Musik dröhnte aus den Verstärkerboxen; wenn der Schlagzeuger seine Stöcke wirbeln ließ, bereitete der Anprall des Schalls körperliche Schmerzen, Christian hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er fragte sich, ob es die anderen nicht so empfanden, nein, es wurde ausgelassen getanzt und gelacht, Befreiung lag auf den Gesichtern, und Lust. Libussa und Alois Lange gingen auf die Tanzfläche, der Bandleader lächelte, beugte sich über das Mikro, kündigte» Oma und Opa Lange«— rempelig unverschämt, fand Christian, und woher kannte sie der Typ — als» Twist-Legenden aus den leggen-däh-ren Zeiten des alten Paradiesvogels «an, dann fetzten die Rhythmen von» Let’s twist again «hoch, und inmitten von Jubel und gereckten Armen legten Libussa und Alois einen Twist hin, dem kein anderes Paar zu folgen vermochte; wir können nicht mehr tanzen, dachte Christian, und: Das darf doch wohl nicht wahr sein. So hatte er die beiden noch nie erlebt, und er glaubte sie doch gut zu kennen. Instinktiv wehrte er ab, was er sah, zwei weißhaarige Menschen, die auf einen Fingerschnipp und ein paar Takte einer mitreißenden Musik hin ihr Alter von sich warfen wie eine Zwangsjacke, die mit ihnen nichts zu tun und in die sie eine herrische Gewalt gesteckt hatte, die sie mißbrauchte — Christian beobachtete sie erschrocken und begann zu ahnen, daß man von anderen Menschen nur kannte, was sie zu erkennen gaben. Diese Beobachtung verletzte ihn, stimmte ihn eifersüchtig — das waren schließlich» seine «Leute, die Verena, Siegbert und den anderen etwas zeigten, das sie ihm noch nie gezeigt hatten; die sahen sie heute zum ersten Mal und gleich in einem Licht, von dem sie noch nicht einmal wußten, daß es neu war. Neu für ihn — plötzlich und gegen seinen Willen mußte er lachen: Du benimmst dich wie einer dieser Künstler, von denen Meno manchmal erzählt, sie glauben, die Menschen gehörten ihnen, und fühlen sich beleidigt, wenn die sich anders verhalten, als sie es in ihren Plänen vorgesehen hatten!
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