Frau Schmücke hatte sich umgezogen und schien wieder betrunken zu sein, wedelte mit der linken Hand, doch er bemerkte, daß sie gerade dabeigewesen war, sich die Nägel zu lackieren, offenbar wollte sie ausgehen. Richard war erstaunt über die Fülle ungebändigten Haars, es war ihm vorhin nicht aufgefallen.
«Kann ich Sie … Verzeihung, ich habe Sie gestört. Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«
«Kommen Sie rein«, sagte sie nach kurzem Zögern.
«Nicht nötig, vielen Dank, ich wollte Sie nicht — «
«Hören Sie, auch wenn Mai ist, ich hab’ immer noch geheizt, und zwischen Tür und Angel flutscht mir die Wärme raus. Es geht doch bestimmt um nebenan, das sollten wir nicht hier besprechen. Außerdem«, sie beugte sich etwas vor, ihre Stimme fiel in Flüsterton,»haben die Leute hier gerne ein Ohr im Hausflur, na, und nicht nur dort, denk’ ich. «Sie trat in den Flur, er folgte ihr unsicher. Diese Frau erregte ihn, das fand er grotesk, doch betrat er die fremde Wohnung mit Herzklopfen, und das machte ihn zu seinem Erstaunen neugierig. Sie hatte einen weichen Gang und trug keine Schuhe, um die linke Fessel ein Kettchen, ihre Zehennägel waren ebenfalls lackiert. Der Anblick ihrer nackten Füße mit den roten Nägeln und dem Kettchen erregte ihn noch mehr. Im Flur und im Wohnzimmer hingen Bilder dicht an dicht; es roch nach Farbe. Die Bilder beunruhigten ihn, Totemmasken in schroffen Kontrasten, schreiende blaue Münder, gelbe Vögel mit schwarzen und grünen Köpfen waren zu sehen, an die Wohnzimmerdecke waren Malerpaletten genagelt, und auf einer Staffelei in der Ecke, wo in den meisten Wohnungen dieses Typs der Fernseher stand, hockte ein Bild aus brutalem Rot, das sich in Schlieren ballte, zu fetten Strudeln krümmte, in der oberen linken Ecke klaffende Schnitte ertragen mußte, in der Mitte um eine dunkler gehaltene Spindel schwelte. Alle Bilder wirkten kraftvoll und packend, aber dieses besonders; Richard war beeindruckt, wehrte es ab, er war nicht hergekommen, um sich Malerei anzusehen.»Von Ihnen?«fragte er hastig und mehr aus Höflichkeit.
«Wollen Sie was trinken?«
«Danke, nein.«
«Sie brauchen jemand, der sich um die Kinder kümmert.«
«Entschuldigen Sie, daß ich damit zu Ihnen — «
«Geschenkt. «Sie goß Cognac in zwei Gläser.»Ich hab’ Frau Fischer schon öfter geholfen. Ich weiß auch, wo alles steht, was sie essen und was nicht, ich kann die Kleine in den Kindergarten bringen.«
«Nett von Ihnen.«
«Warten Sie’s ab. «Sie kam mit den beiden Gläsern auf ihn zu. Er war so verdutzt, daß er das Glas nahm, das sie ihm reichte.»Wie meinen Sie?«
«Rauchen Sie?«
«N-nein — «Beinahe hätte er gesagt: natürlich nicht — und sie hätte zurückgefragt: Natürlich nicht? Wieso? und hätte vielleicht erraten, daß er Arzt war. Vielleicht wußte sie es ohnehin. Er fragte sich, wieviel Josta ihr erzählt hatte.
«Probieren Sie’s mal, das beruhigt.«
«Arbeiten Sie nicht in einem Fischgeschäft?«
«Als Verkäuferin, stimmt. Ist gar nicht so übel da. Hin und wieder muß man einen Fisch töten. Man hat was zum Tauschen und Handeln, da hatte ich als Malerin schlechtere Karten. — Sie sind kein Mensch, der viel probiert?«
«Ich werde jetzt gehen. Bitte verstehen Sie, daß mir der Sinn nicht nach einer Unterhaltung steht. Tut mir leid. Ein andermal — gern, aber nicht heute.«
«Wonach steht Ihnen denn der Sinn?«Sie sah ihn ziemlich herausfordernd an. Er wich ihrem Blick aus, starrte auf ihre Füße.»Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht. «Er hielt das Glas wie etwas Ansteckendes von sich weg, griff sich nervös an die Stirn. Was für eine blödsinnige Antwort. Ich muß völlig verrückt geworden sein!
«Sie möchten mit mir schlafen.«
«Was?«
«Glauben Sie, ich habe Ihre Blicke nicht bemerkt? Im Flur und im Spiegel vorhin?«Sie trank ihr Glas leer.»Sie waren geil, und ich bin’s inzwischen auch.«
«Sind Sie …«, Richard lachte ungläubig auf,»sind Sie verrückt?«
«Nein. Nur allein.«
Er trank nun doch einen Schluck. Der Cognac war gut. Er haßte sich für diese Feststellung.
«Ich habe manchmal gelauscht, wenn Josta und Sie … Sie schien ziemlich glücklich zu sein.«
«Hören Sie, das ist«
«— beneidenswert. Ich möchte es auch mal wieder sein.«
«— vollkommen verrückt — «
«Und jetzt hab’ ich die Gelegenheit. Den ›Onkel‹ können Sie sich abschminken.«
«Wollen Sie mich erpressen?«Wider Willen mußte Richard lachen.
«Nennen Sie’s, wie Sie wollen. Ich nenne es: zugreifen. Ich will nicht als alte Jungfer sterben und den verpaßten Gelegenheiten hinterherjammern.«
«So … wollen Sie nicht. «Er mußte immer noch lachen.»Sind Sie betrunken?«
«Keineswegs. Und von dem bißchen Cognac gleich gar nicht. Ich wirke so, ich weiß. Bißchen … na, sagen wir’s volkstümlich: duhn. Geht mir schon immer so. Bin im Uran großgeworden. Wir hießen ›das schlafende Dorf‹.«
«Was würden Sie sagen, wenn mir Ihre Erpressung egal wäre?«Sie nahm sein Glas und warf es zu Boden.»Ich würde sagen: Du weißt nicht, was du verpaßt. «Sie trat durch die Scherben auf ihn zu.
Aber dann saßen sie und schwiegen. Nach einer Weile zündete sie sich eine Zigarette an, zog, reichte sie ihm, er wehrte ab. Ihre Füße bluteten. Glassplitter in den Füßen waren schwierig zu finden, wenn sie nicht oberflächlich feststeckten, man sah sie nicht auf Röntgenbildern.
Er verließ die Wohnung. Verabschiedete sich von Daniel, der Lucie ins Bett gebracht hatte, wo sie mit offenem Mund schlief.
Die Mädchen liefen ein Stück hinter ihnen und waren weniger spöttisch als sonst, vielleicht lag es daran, daß Christian eingeladen hatte: Sie würden im Tausendaugenhaus, in Menos Wohnung, übernachten, Meno war in Berlin. Vielleicht lag es an den Stimmen, die aus den Gärten kamen, dem Jasmingeruch, der an den Abenden betäubend war und die anderen Gerüche durchdrang: Harz auf den Pflaumenbäumen, erwärmter Asphalt, all die rauschenden und abends zur Ruhe kommenden Gärungen aus geöffneten Fenstern und dem von Blüten entzündeten Elbhang mit seiner flüsternden, Niklas sagte: balsamischen, Zärtlichkeit. Christian und Falk machten Handstand, aber nur Siegbert schaffte es bis zur Litfaßsäule an der Kreuzung Mondleite und Lindwurmring, unter dem Geschrei und Beifall der russischen Offiziere, die vor der Villa Claar, wo sie wohnten, Volleyball gespielt hatten. In der Tanzschule Roeckler, wiederholte das Piano mit stumpfsinniger Geduld» An der schönen blauen Donau«. Heike hatte ihren Zeichenblock dabei, und Christian staunte über die rasche Schärfe, mit der sie Siegberts Triumph erfaßte: das prekäre Gleichgewicht, als er auf den Händen vor einem hupenden Auto die Straße überquerte, die nach unten verrutschten Hosen, die braune Stachelbeerwaden und Tennissocken freigaben, das Jackett, das wie ein Regenschirm umgeklappt war, seine um Gleichgültigkeit und ruhigen Atem bemühten Züge, als er aufstand und sich die Hände abklopfte, dann zeichnete Heike noch eine Gloriole über ihn, vom Pferd gestoßene Ritter daneben, Verenas und Reinas Gesichter zwischen Autogrammverlangen und nahender Ohnmacht. Die Prüfungen in Geschichte und Geographie lagen hinter ihnen.
«Christian, find’ ich echt spitze von dir, daß du das mit deinem Onkel klargemacht hast«, sagte Reina.»Was hast du zur dritten Frage geschrieben? Die fand ich ziemlich beknackt, und ich weiß nicht — «
«He, nix mehr von der Penne, du wirst schon sehen, was du kriegst, kannst’s doch eh nicht mehr ändern.«
«Falk Truschler, hab’ ich dich nach deiner Meinung gefragt oder Montechristo«, gab Reina schnippisch zurück.
«Könnt ihr euch diesen blöden Spitznamen nicht mal abgewöhnen?«
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