«Ja«, sagte Richard nach kurzem Zögern.
«Schlüssel hab’ ich keinen. «Sie ging an die Tür und klopfte laut.»Daniel, dein Onkel ist da, mach auf!«Sie wandte sich wieder Richard zu. Sie trug zu einer abgewetzten Jeans ein farbverschmiertes Trikothemd, unter dem sich ihre Brustwarzen abzeichneten, und eine gehäkelte Stola, die verrutscht war. Sie bemerkte seinen Blick und warf die Stola über ihr Dekolleté. Ihre Hände waren voller Farbe.
«Wiedersehn«, sagte Frau Schmücke. Er sah auf ihre Hüften. Jostas Wohnungstür öffnete sich einen Spaltbreit.
«Kommst du auch schon«, sagte Daniel.
«Ich hab’ deine Mutter besucht«, sagte Richard.»Läßt du mich rein?«Daniel machte ihm widerwillig Platz.
«Und wie geht’s ihr?«Angst flackerte über das Gesicht des Jungen, das eigentümlich häßlich war: abstehende Ohren, der Kopf fast ohne Hals in die Schultern gedrungen. Wie Zwerg Nase, dachte Richard. Er wußte nicht, warum er das dachte und warum er noch Sinn für solcherlei Beobachtungen hatte, warum seine Augen sie ihm ohne Mitleid präsentierten. In einer Aufwallung von Scham strich er Daniel übers Haar, aber der Junge wich zurück.
«Besser. Sie wird bald wieder gesund.«
«Kann ich sie besuchen?«
«Nein. — Wo ist Lucie«, Richard spähte ins Wohnzimmer.
«Noch im Kindergarten. Josta hat sie nicht abgeholt. «Daniel nannte seine Mutter immer beim Vornamen, was Richard mißfiel, er hatte es ihm auch einmal verwiesen, aber Daniel hatte erwidert:»Du hast mir gar nichts zu sagen, Hilfs-Papa.«— War das die Liebe, die der Junge angeblich für ihn empfand? Josta hatte abgewiegelt:»Laß ihn doch. Ich mag’s nicht, wenn er mich Mama nennt. Oder Mutti. Warum nicht Josta. So heiß’ ich nun mal.«
Plötzlich wandte sich Daniel ihm zu.
«Schon gut, mein Junge, schon gut … Wird schon wieder.«
«Das Gas war auch aufgedreht, ich hab’s wieder zugemacht und gelüftet, wie’s unten an der Tafel steht«, sagte Daniel ruhig.
«Gut gemacht.«
«Hab’ dein Taschenmesser noch.«
«Zeig mal. «Sie gingen ins Wohnzimmer, wo der Fernseher ohne Ton lief. Richard stellte ab, Daniel klappte das Taschenmesser auf.»Alle Klingen, und hier: die Schere. Sogar die beiden Pinzetten sind noch dran. «Richard nahm das Messer, Daniel blieb mit hängenden Armen stehen.
«Paß auf, Daniel. Ich hole jetzt Lucie ab. Du bleibst hier — nein, du kommst mit. Ja, so machen wir’s. Wir holen sie zusammen ab.«
Daniel nickte.»Ich kann ja vor dem Kindergarten warten«, sagte er, ohne Richard anzusehen.
«Nein, das wird nicht gehen. Ich muß draußen warten. Ich bin ja bloß der Onkel, glaub’ nicht, daß sie mir Lucie geben. Aber dir werden sie sie geben, du bist ihr Bruder. Kennen sie dich? — Gut. Komm.«
Lucie hatte völlig versunken gespielt und war froh gewesen, daß sie endlich einmal das ganze schöne Spielzeug für sich allein gehabt hatte. Die Erzieherin war erleichtert gewesen, daß Daniel gekommen war, glücklicherweise fragte sie ihn nichts. Sie hatte Josta nicht erreichen können; unter der für Zwischenfälle hinterlassenen Nummer, dem Anschluß von Jostas Friseuse, nahm niemand ab. Lucie genoß die Fahrt mit dem Auto, wenn sie an einer Kreuzung hielten, winkte sie den Passanten zu, von denen manche erheitert zurückwinkten. Richard war es jetzt gleichgültig, ob jemand, der ihn kannte, aufmerksam wurde; er pfiff vor sich hin, brach ab, als er im Rückspiegel Daniels Gesicht sah.
Josta hatte eingekauft, er fand Käse, Brot, Butter, Wurst im Kühlschrank, auch Fleisch und Eier waren da.»Soll ich euch was Richtiges machen?«Zu spät fiel ihm ein, daß er dann nach Bratenfett riechen und seine Ausrede, bei einer Konferenz gewesen zu sein, unglaubhaft werden würde. Zum Glück schüttelte Daniel den Kopf.»Hab’ kein’ Hunger.«
«Aber du mußt was essen, Junge.«
«Wo ist Mama?«fragte Lucie aus dem Wohnzimmer. Sie hatte den Fernseher angestellt, Richard hörte die Melodie der» Aktuellen Kamera«, kurz darauf knatterten Schüsse, wahrscheinlich hatte sie umgeschaltet, und es lief irgendein Abenteuerfilm.
«Lucie, was möchtest du zum Abendbrot?«
«Josta gibt ihr abends bloß was Leichtes, weil sie sonst schlecht schläft und Bauchschmerzen kriegt.«
«Was Leichtes, aha. Und — ist das was Bestimmtes?«Er wußte noch nicht einmal, was seine Tochter abends aß. Daniel seufzte.»Gib her, ich mach’s. Und spätestens um acht muß sie ins Bett. Normalerweise nach dem Sandmann. Und sie will eine Geschichte.«
«Und du selber, wann mußt du ins Bett?«
«Och …«
«He, mein Lieber, das läuft nicht! — Ich könnte euren Großeltern Bescheid sagen.«
«Weißt du denn, wo die wohnen?«fragte Daniel mißtrauisch. Richard wußte es nicht, und es gelang ihm nicht, das zu verbergen.
«Na, du gehst nachher sowieso. Sonst macht dir deine Anne die Hölle heiß. Josta ist im Krankenhaus, da kann ich machen, was ich will!«erwiderte Daniel trotzig und mit hämischem Grinsen, vor dem Richard erschrak.»Daniel, hör’ mal zu. Du hast jetzt auch Verantwortung. Du hast alles prima gemacht, wie ein Großer. Aber solange Josta nicht wiederkommt, mußt du auf Lucie aufpassen. Und auf die Wohnung. Verstehst du mich? Vielleicht schicken sie von der Sozialfürsorge jemanden her.«
«Kommst du morgen wieder?«
«Ja, morgen ist Donnerstag, da kann ich nach euch sehen. Versprichst du mir, daß du vernünftig bist?«
«Versprichst du mir auch was?«
Richard zögerte, der Blick des Jungen verwirrte ihn, Haß, Trauer, Angst waren darin gemischt.»Was?«
Aber Daniel sagte nichts, lief plötzlich hinaus.
Richard war nicht wohl bei dem Gedanken, die Kinder allein zu lassen. Es konnte vierzehn Tage dauern, bis Josta aus dem Krankenhaus entlassen werden würde. Bis dahin mußte er jemanden finden, der regelmäßig nach ihnen sehen konnte. Daniels Vater? Er hatte ihn nie gesehen, kannte weder Namen noch Adresse; Josta war allen Fragen ausgewichen. Die Friseuse? Die würde erst abends Zeit haben, außerdem waren Frisiersalons Zentren des Klatsches. Und wenn seine mühselig aufrechterhaltene Tarnung inzwischen wahrscheinlich hinüber war — provozieren mußte man nichts. Würde Pfleger Markus den Mund halten? Gleichviel, Jostas Tat würde für Wirbel sorgen, man würde nach Gründen fragen, Nachforschungen anstellen, die Konfliktkommission oder sonst eine dieser um den Menschen bemühten Organisationen in der Akademie würden sich, wie man das nannte,»ihrer annehmen«.»Ihrer annehmen«, er sprach es leise vor sich hin, und dabei wurde ihm bewußt, was das für die Kinder heißen konnte: Wer hätte für sie gesorgt, wenn der Krankenwagen zu spät gekommen wäre; was, wenn Josta das wiederholte, was sie heute getan hatte, dann aber –
Hatte sie an die Kinder gar nicht gedacht? Das konnte er sich nicht vorstellen. Keine Mutter tat das. Jedenfalls war ihm eine solche Mutter noch nicht begegnet. Hatte sie darauf gehofft, daß er sich um die Kinder kümmern würde? Hatte sie jemanden informiert? Er durchsuchte die Wohnung nach einem Abschiedsbrief, fand aber keinen. In der Schublade ihres Nachtschränkchens lagen Unmengen von Schlaf- und Beruhigungstabletten, auch weitere Packungen Obsidan. Woher hatte sie die? Betablocker waren rezeptpflichtig, jemand mußte sie ihr verschrieben haben, oder sie hatte sie sich auf Schleichwegen besorgt; aber diese Medikamente waren registriert … Hatte sie eine Herzkrankheit, von der sie ihm nichts erzählt hatte? Welcher Leichtsinn, dieses Zeug hier aufzubewahren, die Kinder konnten heran, und zumindest Lucie war noch nicht aus dem Alter, in dem man alles in den Mund nahm. Er warf alle Tabletten weg, die Obsidan, wenn sie sie brauchte, würde sie wiederbekommen. Dann durchsuchte er Jostas Kleider und Taschen im Schrank — nichts. Also eine Kurzschlußreaktion. Er setzte sich aufs Bett, wo das zerknüllte Laken noch die Spur ihres Körpers zeigte. Auf dem Nachtschränkchen war der Abdruck eines Flaschenbodens zu sehen, die Sanitäter hatten die Flasche wahrscheinlich, wie auch die Tablettenpackung, in die Klinik mitgenommen. Was sollte er jetzt tun? Wie würde es mit Josta, mit ihm, mit Anne, den Kindern überhaupt weitergehen? Lange Zeit saß er reglos. Nebenan lief der Fernseher, Lucie war offenbar zufrieden, er hörte sie hin und wieder lachen und in die Hände klatschen. Daniel saß vielleicht daneben und begutachtete das Taschenmesser … Oder überlegte, was er tun würde, wenn» sein Onkel «gegangen war. Dann fiel Richard wieder das ungelöste Problem ein, wer auf die Kinder aufpassen sollte.
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