Schiffner, der Paul Schade am Rednerpult ablöste, ließ Zahlenkolonnen rieseln, verweilte bei den übererfüllten Normen im Exportplan der Dresdner Edition ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet und der Devisenerwirtschaftung. Danach Josef Redlich über die politisch-ideologische Schulung der Autoren des Verlags, besonders der jüngeren; an dieser Stelle stand Judith Schevola auf und rief, sie ertrage es nicht mehr, verließ türknallend den Raum.»Keine Sorge, Gnädigste, wir werden Sie nicht behelligen, Sie sind weißglühend wie Eis!«spottete Eschschloraque ihr nach. Barsano kommentierte:»Ach, ist die empfindlich, dabei ist es korrekt, was Genosse Redlich fordert, nur zu korrekt! Haben die Zügel in letzter Zeit zu locker gelassen. Rächt sich immer. Hebt gleich die Reaktion ihre Schlangenköpfe. Glaubt, jetzt wär’ wieder was zu holen. Müssen aufpassen, Genossen. Jugend ist immer gefährdet. Muß ideologisch gefestigt werden. «Meno wagte nicht, aufzustehen und sein Referat vorzutragen, nachdem Josef Redlich an seinen Platz zurückgegangen war, es handelte ausgerechnet von der» Rolle des Autors in der ESG«, der Entwickelten Sozialistischen Gesellschaft, das schon in Berlin kritisiert worden war; er blickte zu Schiffner, der rasch den Kopf schüttelte, obwohl er aus dem Manuskript die provokantesten Stellen gestrichen hatte, und wollte gehen, um nach Judith Schevola zu sehen, wobei Paul Schade dies mißverstand:»Ihren Mist brauchen Sie hier nicht noch mal abzulassen, Rohde, für so was hätte Ihnen Ihre Mutter beizeiten links und rechts eine runtergehauen!«was schenkelschlagende Heiterkeit bei Barsano, Schubert und Schiffner hervorrief.
Meno verließ den Raum. Judith Schevola hatte das Fenster am Ende des Gangs geöffnet.
«Vorn gibt’s einen Balkon«, schlug er vor. Sie nickte.»Ich brauch’ frische Luft. Bloß weg hier.«
Ihre Schritte hallten auf den leeren Fluren. Nur noch aus wenigen Büros hörte man Stimmen und Schreibmaschinengeklapper. In der Rotunde schwelte das Gemurmel aus den Telefonzellen im Erdgeschoß, der Speisenaufzug im Schacht neben der Treppe setzte sich in Bewegung, eins der beigefarben lackierten Mikrofone der Haussprechanlage knackte, jemand räusperte sich, dann wurde es wieder still. Der Balkon lag auf der anderen Seite der Rotunde. Gardinen aus den Sechzigern, mit grauen Blumen bedruckt, verhängten die großflügelige Tür.
«Möchten Sie?«Er bot ihr von seinen» Orient «an, sie griff mechanisch zu, regte sich nicht, als er ihr Feuer gab.
«Darf ich Sie was fragen?«Sie wandte ihm das Gesicht zu, ohne ihn anzusehen; es wirkte blaß und müde, aber vielleicht täuschte er sich, von den Scheinwerfern, die vom Park auf das Schloß gerichtet waren, kam nur geringes Licht bis zu ihnen.»Was machen Sie eigentlich hier?«
Er schwieg, rauchte.»Und Sie?«
«Typisch. Sie sind vorsichtig wie … na, wie ein Lektor eben. — Ich habe an das alles mal geglaubt. Die bessere Gesellschaftsordnung … Aber mit denen?«Sie deutete vage über die Schulter zurück. Meno schob seine Ohren vor, worüber sie lächeln mußte.»Ach, wennschon! Die wissen doch eh Bescheid, glauben Sie nicht? Diese Phrasen … das kotzt mich an! Und Schade möchte uns am liebsten einsperren, wie zu Stalins Zeiten. Oder einfach pfft. «Sie machte die Halsabschneidegeste.
«Seien Sie doch still«, flüsterte Meno,»rauchen Sie wenigstens, aber halten Sie den Mund!«
«Soll ich Ihnen was sagen? Hab’ keine Lust dazu. «Sie lachte das häßliche, sandige Lachen.»Meine Großmutter hat immer gesagt: Kind, du bist nirgends so sicher wie unterm Schinken des Leibhaftigen. «Sie winkte ab, rauchte.»Und nachher spielen wir wieder hübsch mit, schweigen und besaufen uns. Klappe, fertig.«
«Es ist nicht einfach für mich«, sagte Meno nach langem Zögern.»Meine Mutter … lassen wir das. Vielleicht später mal, wenn es Sie wirklich interessiert. Schade hat mich eben mit einer verbalen Ohrfeige rausgeschmissen.«
«Sie sind ein komischer Mensch«, sann Schevola.»Man wird nicht schlau aus Ihnen. Trotzdem vertraue ich Ihnen.«
«Wir sollten wieder reingehen«, lenkte Meno ab,»man verschwindet nicht einfach von einem Empfang bei Barsano, als wär’s ein Kindergeburtstag, auf dem man sich gestritten hat.«»Und was kommt nach den Beleidigungen?«
«Umtrunk, Film und Absingen von Revolutionshymnen. ›Wetschernij swon‹ scheint er zu lieben.«
«Und dann Tränen der Rührung?«
«So ungefähr.«
«Dafür bleib’ ich.«
Sie rauchten ihre Zigaretten zu Ende. Entfernt war Hundegebell zu hören, und zum ersten Mal fiel Meno der betäubende, moorige Geruch des Schwarzen Bilsenkrauts auf, das bis an die Schloßmauern wucherte; der Park mußte anziehend für Nachtinsekten sein.
«Na, beruhigt?«fragte Barsano mit gelassen-ironischer Miene, als sie zurückkamen.»Seid mal nicht so empfindlich, bei uns geht’s offen zu, da müßt ihr schon mal ’nen Knuff vertragen.«»Konspiratives Treffen!«Schubert lächelte anzüglich.
«Können jetzt folgendes tun, Genossen«, sagte Barsano, wobei er an der rechten Hand abzählte:»Erstens: gucken uns einen Film an, Tschapajew oder Wesjolyje rebjata«
«Hast du die ganze Serie?«unterbrach Paul Schade.
«— Die ganze. Oder Oktjabr von Sergej Eisenstein. Zweitens: können was essen. Drittens: gehen runter in den Weißen Pavillon und schauen mal, wie weit Genosse Vogelstrom mit dem Revolutionspanorama ist. Viertens: was Besonderes. Zeige euch Dokumente aus der Kampfzeit. Also, wie steht’s? — Gut. Essen ’ne Kleinigkeit und dann Gemeinschaftsempfang von? Oktjabr. Schön. Gute Wahl. «Barsano drückte auf einen Knopf, die Türen eines Schranks öffneten sich, ein Schaltpult mit Hunderten von Knöpfen und Hebeln fuhr heraus. Es klopfte, nachdem er auf einen Knopf gedrückt hatte, ein Mann in Försteruniform trat ein.»Nicht doch«, beschied Barsano den Mann,»will den Genossen Diensthabenden Koch«, drückte auf einen weiteren Knopf, ein graubärtiger Mann in der Schaffneruniform der Deutschen Reichsbahn erschien.»Sie auch nicht, ist es denn nicht möglich — «, er suchte, kratzte sich im Nacken, drückte auf den nächsten Knopf, diesmal schien es der richtige zu sein, der Diensthabende Koch des Küchenkomplexes» Iwan W. Mitschurin «rollte einen Wagen mit Schüsseln und einem Kanister voll Kascha, auf dem Tablett darunter eine Minibar, herein.
«Buchweizengrütze«, ächzte Philipp Londoner Eschschloraque zu, bei dem er sich nach den Fortschritten seines Stücks und der Entwicklung der Nachtwächter-Problematik erkundigt hatte.»Ihr seid viel zu verwöhnt«, murrte Paul Schade.»Wir alten Revolutionäre haben in der Kampfzeit manchmal Ratten gebraten und in Spanien wochenlang von trocken Brot gelebt! Und im KZ wären wir froh gewesen über eine Schüssel mit Buchweizengrütze. Laßt euch das gesagt sein! Ihr wollt die Revolution weitertragen, Junge Garde!«Sein tadelnder Blick umfaßte Philipp Londoner und Judith Schevola, die vor ihm in der Reihe wartete.
«Ein pädagogisch sehr wertvoller Hinweis«, pflichtete ihm der Alte vom Berge bei und schlug sich eine Portion in die Schüssel, die von echtem Appetit oder der Bereitschaft zu Erinnerungen zeugte. Paul Schade wandte sich verachtungsvoll ab, angelte sich eine Flasche Zubrowka.»Du brauchst mir nicht nach dem Munde zu schwatzen, Genosse Altberg. Spare dir deine Kommentare und beehre uns lieber mal auf einer Verbandssitzung mit deiner werten Anwesenheit! — Und Sie, Herr Eschschloraque, mal wieder auf Westreise gewesen?«
« Genosse Eschschloraque … Es ist schade , so verkannt zu werden. «Damit wandte Eschschloraque sich ab und begann, für Philipp Londoner und sich den Longdrink» Sanfter Engel «zu mixen: ein Teil Curaçao, ein Teil Sekt, ein Teil Orangensaft; Karlheinz Schubert goß sich ein Glas Wodka ein,»Sto Gramm«, murmelte» Nasdarowje «und kippte es in wenigen, kauenden Schlucken. Der Alte vom Berge meinte, das werde ihm schlecht bekommen auf nüchternen Magen, aber der Stellvertreter verzog nur das Gesicht und schenkte sich ein zweites Glas ein. Barsano gab dem Schaltpult einen Tritt, dieses Ding habe ihm der Arbogast installiert, es funktioniere immer schlechter; er habe völlig vergessen, welcher Knopf für den Filmvorführer sei, aber der stand schon in der Tür und wartete auf Barsanos Wünsche. Die Kascha roch und schmeckte nach Dübelmasse, nur der Alte vom Berge war noch nicht fertig, als Barsano persönlich reihum ging und Wodka einschenkte, den er mit Pfeffer, Ingwer und Muskat, ein wenig Zucker und Zimt, gewürzt hatte, die» Ziehharmonika«-Mischung, die Meno von vergangenen Besuchen in leidvoller Erinnerung hatte. Barsano grinste, als er Meno das Glas randvoll einschenkte.»Hockst zuviel hinterm Schreibtisch, Genosse! Verträgst nichts! Na, will dir mal ordentlich einen ausgeben! Deine Mutter hat was vertragen, Revolutionärin von echtem Schrot und Korn. So, trink mal aus, dann wirste herrliches … Dings erblicken. «Herrliches» Dings «zu erblicken verspürte Meno wenig Lust, beim letzten Empfang war das ein Porzellan-Oval in Barsanos persönlicher Toilette gewesen; immerhin hatte Meno dort bemerkt, daß der Bezirkssekretär ein großer Fan der» Digedags«- und» Abrafax«-Serie sein mußte, die in voluminösen Stapeln auf einem Vorsprung inmitten des auf die Kacheln glasierten Panoramas» Unsere Welt von morgen «lagen: Blonde Kinder saßen auf den Armen prallbusiger Traktoristinnen und winkten ihren Vätern zu, die in Düsenflugzeugen über den wolkenlosen Himmel jagten; links ein Labor voller Mikroskope und Reagenzgläser, über die sich strahlendweiß bekittelte Forscherpersönlichkeiten beugten; Magnetschwebebahnen, eine unterirdische Hühnerfarm, Mehretagen-Hochstraßen, über die futuristische Autos glitten; Wüsten und Steppen wurden von Kanälen in blühende Landschaften verwandelt; an der rechten Wand sah man Sternenstädte auf fernen Planeten, umschwebt von Raumschiffen und Naherholungsinseln unter Glas; und auf dem Fußboden stand, im russischen Original, ein Lenin-Zitat:»Träumen wir also! aber unter der Bedingung, ernsthaft an unseren Traum zu glauben, das wirkliche Leben aufs genaueste zu beobachten, unsere Beobachtungen mit unserem Traum zu verbinden, unsere Phantasie gewissenhaft zu verwirklichen! Träumen ist notwendig … WLADIMIR ILJITSCH LENIN«.
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