Du verbrennst dich, dachte sie, die Seifenlauge ist heiß. Statt nur kurz die Wäsche einzutauchen, sie über das Brett zu reiben, bleiben ihre Hände auf dem Wannenboden liegen. Sie versteht mit einem Mal, warum sie das Salz nicht mehr benutzt, um mit kaltem Wasser Blut aus dem Stoff zu ziehen. Warum ihre Büstenhalter zu eng sind. Die Rocksäume. Fühlt nur noch die Unterarme, von den Fingerspitzen bis kurz unter die Ellbogen, aus mehr besteht ihr Körper nicht, aber die Unterarme fühlt sie sehr deutlich und scharf umrissen, und so, dass sie keine Luft holen kann. Dunkelrot ist die Haut, als sie die Arme aus der Wanne zieht, dampft im stillen Badezimmer.
Einen Apfel mittags im Büro, Brot ohne Aufstrich abends, wenn Erika drängt, mehr isst sie nicht. Will es aushungern, es soll klein bleiben, schrumpfen statt wachsen, so lange schrumpfen, bis es weg ist. Bis Erika klingelt, am Samstagmorgen, zum Markt wollen sie. Übel ist ihr, Speichel läuft in ihren Mund, den Magen verdorben, denkt sie. Im Treppenhaus dehnt sich die Übelkeit aus, kriecht in ihren Brustkorb.
»Vielleicht gibt es schon erste Erdbeeren«, sagt Erika, als der Tag wegrutscht. Ein dumpfer Schmerz in ihrem Hintern, sie schlägt auf, so viel begreift sie, vor ihr poltert es, eine harte gerade Kante drückt sich in ihren Rücken. Als es wieder hell wird, sitzt sie auf den Stufen. Ihr Einkaufskorb liegt auf der Seite, unten auf dem Treppenabsatz.
»Tief einatmen«, sagt Erika, holt Wasser aus der Küche, sie muss in kleinen Schlucken trinken. Erika droht ihr die Beine hochzulegen, im Treppenhaus, zwischen erstem Stock und Erdgeschoss.
Von da an passt Erika auf.
»Sieht komisch aus, Storchenbeine und drüber ein riesiger Ballon. Wie die Hungerödeme nach dem Krieg«, sagt sie, »wenn du überall dicker wirst, fällt es weniger auf.« Erika drückt und tastet, legt kalt das Stethoskop an den blaugeäderten Hügel, nickt zufrieden, misst seinen Umfang mit dem Maßband aus dem Nähkorb, notiert die Zahlen in einer Tabelle. »Es hat sich gedreht«, sagt Erika an einem Sonntagnachmittag und sitzt und rechnet lange.
»Zur Kur«, sagt sie, der alte Appelt betrachtet ihren Bauch, »entschlacken und abnehmen«, sagt sie, er nickt.
Erika geht einkaufen, bringt Zeitschriften, Bücher aus der Leihbibliothek, Wolle und Stickzeug. Sie stickt einen Hasen, einen großen braunen Feldhasen zwischen Grasbüscheln aus vier verschiedenen Grüntönen. Einen Strauß Maiglöckchen, die Schatten in Hellblau. Eine Rose auf schwarzem Grund. Wenn es dunkel ist, nimmt Erika sie am Arm, hakt sich bei ihr ein, langsam die Treppe hinunter, zu den Platanen. Im Baumschatten geht sie, zählt die Schritte von einem Ende der Promenade zum anderen, hält Abstand zu den hellen Kegeln der Laternen. Erika hat die Straßenecken fest im Blick, passt auf, ob jemand kommt, »zehn noch«, sagt sie.
Die Türklingel schrillte, Elsa wandte sich um, auf dem Esstisch, er war gedeckt, brannte ein Teelicht, flackerte im Stövchen, der Tisch war gedeckt, als erwarte sie Besuch. Es klingelte erneut, richtig, der Junge kam, sie hatte Mohnstrudel mitgebracht, musste noch die Sahne aufschlagen.
*
»Salz«, wiederholte Ebba, »nur ein ganz klein wenig«, sie legte ihre Handflächen aneinander, formte eine kleine Schale mit ihnen.
Die alte Frau blickte hinab, betrachtete die Hände, besah sie genau, als enthielten sie etwas Interessantes, und sagte nichts. Ebba krümmte die Finger, als würde sie die Schale schließen, die Wände zusammendrücken, nahm die Arme runter, Frau Stremls Augen folgten ihnen.
»Haben Sie Salz? Nur ein ganz klein wenig?«
Unvermittelt sah die alte Frau auf.
»Sind Sie Ursula?«
Ebba schüttelte den Kopf.
»Ich wohne nebenan. Ich wollte Salz borgen.«
»Gewiss«, Frau Streml nickte und ließ das Türblatt los, »einen Moment bitte.«
Sie drehte sich um, ging in die Wohnung zurück, wandte sich nach rechts, dort stand eine Tür offen, die Küche, hoffte Ebba. Sie hörte, dass irgendwas abgestellt wurde, es klang nach Plastik, eine Tupperbox, dachte Ebba, sie sah die Box, in die gewissenhaft Papppaket um Papppaket umgefüllt worden war, vor sich. Ein blumenumrankter Aufkleber auf dem Deckel, Salz stand dort in akkurater Schrift. Sie hörte Wasser laufen, die Alte musste den Hahn aufgedreht haben, wusch irgendein kleines Behältnis aus, in das sie das Salz füllen wollte. Besteck stieß aneinander, wurde ins Spülbecken gelegt. Wasser schwappte, als hätte die alte Dame begonnen abzuwaschen, sie sah in den leeren Flur, machte einen Schritt vorwärts und reckte sich, nein, sie konnte nicht in die Küche sehen. Kurz überlegte sie, zu gehen.
»Frau Streml«, sie sagte es fragend, hörte Porzellan, es stieß gegen irgendwas, die alte Frau wusch tatsächlich ab. Ebba ging in den Flur, behutsam die Füße aufsetzend, als wolle sie kein Geräusch machen. Unbefugten ist das Betreten verboten, so fühlte sie sich, unbefugt. »Frau Streml«, sagte sie erneut, um sich anzukündigen, klopfte mit dem Fingerknöchel gegen den Türrahmen. Die alte Frau wandte sich um, Spülwasser lief von ihren rosa Gummihandschuhen, tropfte auf den Boden. »Ich wohne nebenan«, sagte Ebba, »Wegen des Salzes …«
»Wie nett«, sagte die alte Frau und lächelte.
Auf der Arbeitsplatte lag ein längliches Paket, eingeschlagen in Bäckereipapier, eine Rührschüssel stand daneben, ein Becher Sahne mit halb abgezogenem Deckel.
»Wie geht es Ihrem Enkel«, fragte Ebba.
»Gut. Er kommt nachmittags, er trinkt Tee und keinen Kaffee.«
Frau Streml sah hinab auf die Handschuhe, die nassen Flecken auf dem Linoleum, kleine Schauminseln auf ihnen. Sie zog an den Plastikfingern, löste sie mit kurzem Zupfen von der Haut, erst von der Rechten, dann von der Linken.
»Sind Sie«, sie sah auf, hielt inne, »sind Sie Ursula?«
Ebba schüttelte den Kopf, »und seine Freundin?«
Elsa Streml rollte die Handschuhstulpen ihre Unterarme hinab und antwortete nicht.
»Die Dunkelhaarige?«
»Ich weiß nicht«, sie sah Ebba unsicher an, hängte die Handschuhe sorgfältig übereinandergelegt über den Rand der Spüle. »Wer sind Sie«, fragte sie unvermittelt.
»Ursula«, es schien die einfachste Antwort zu sein.
Die alte Frau nickte, legte ihre Hand, glatt fühlte sie sich an, warm vom Spülwasser und ein wenig feucht, auf Ebbas Handrücken.
»Ich brühe uns einen Kaffee«, sagte Frau Streml.
***
Ein Mann öffnete die Tür, betrat den Hausflur, er trug ein helles Shirt, dunkelblaue Shorts und sah nicht hoch zum Treppenabsatz zwischen erstem und zweitem Stock. Der Mann ging auf die Erdgeschosswohnung zu. Schmidtke, n. A., das geht dich gar nichts an. Halt, einen Augenblick, wollte Claas sagen. Der Mann klopfte, zwei Mal schnell hintereinander, dann noch einmal nach einer kurzen Pause. Wartete einen Moment und klopfte erneut, zwei Mal schnell hintereinander und dann noch einmal. Er war sehr klein, fast wie ein Kind, sein Kopf, ein großes dunkles Ei über schmalen T-Shirt-Schultern, war von einem sich schwarz kräuselnden Haarflaum bedeckt. Vielleicht bemerkte er den Schatten, eine Bewegung im Augenwinkel. Sein Körper zuckte zurück, strebte nach hinten, als würde jeder Muskel ihn wegziehen, vor der Gefahr auf der halben Treppe, gegen die Wand, in die Wand, nur weg, nur Angst, die Augen große weiße Angstringe um dunkle Pupillen. Der Mann sah zur Tür, die Treppe hinauf, wieder zur Tür. In der einen Hand hielt er eine Einkaufstüte, die andere war noch in der Luft, wenige Zentimeter vom Holz entfernt.
»Jansen«, sagte Claas, »einen Moment«, er ging auf die Stufen zu, ein Toastbrot ragte aus der Tüte, die Etiketten zweier Cola-Flaschen zeichneten sich durchs Plastik ab. »Ich bin der Hauseigentümer. Vermieter, verstehen Sie?«
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