Schweiß. Trotz der Kälte klebte mir der Stoff am Rücken, am Gesäß, straffte sich um die Schenkel. Der Schnee ging wieder in Regen über. Spülte den Staub in die Straßen. Teer und Staub. Teerstaub. Den schwarzen Dunst.
Am späten Abend gab ich auf. Ich nahm den letzten Bus nach Hrodna, suchte mir ein Hotel. Eines, in dem ich nie zuvor mit Tanja und Lesja war. Das Risiko wäre einfach zu groß gewesen, daß mich der Portier oder eine der Etagendamen erkannt hätte.
Das Zimmer: vier mal vier Meter, hohe Wände, braunes Resopal, gehobene Unterklasse. Von der Decke baumelnd: eine Weinlaubzierat tragende weiße Lampe, die Aufhängeschnur fingerdick staubbedeckt. Auf den Tapeten Stechmückenreste, Blutkleister, gleichmäßig verteilt, ab 15 Zentimeter südlich der Decke, schwerpunktmäßig ecknah. Ein Doppelbett, klamm, drei schmale Fenster auf die Straße, schmutzigbraune Vorhänge, engmaschige Gardinen. Irgendjemand mußte hier einmal im Zimmer gefrühstückt haben. Ausgiebig. Brotkrumen zwischen Bettgestell und Boden. Ein Bad, so groß und so leer, daß es zum Tanzen einlud.
Ich stellte meinen Seesack ab, sah in den Schrank, wie ich es immer zu tun pflege, fühlte mich beobachtet, wie immer, putzte mir die Zähne mit Mineralwasser, sorgte für einen kurzen Durchzug zwischen Fenster eins und Fenster drei, und fügte eine Stechmückenspur auf der Tapete hinzu (wie hatte das Biest bis jetzt überleben können?). Ich streckte mich auf dem Bett aus, quer über das Bett, trank einen Schnaps, der das Gefühl, beobachtet zu werden, nur verstärkte. Ich dachte an Marya. An Großpapa. Trank noch einen Schnaps und sehnte das Tageslicht herbei. Ich schlief erst ein, nachdem ich die zwei Kissen und zwei Decken hinter und über mir plaziert hatte, zwischen Bett und Wand, und sicher gehen konnte, daß mir keine Spinne übers Gesicht laufen würde. Als ob das noch etwas zu sagen, als ob mein gebrochenes Verhältnis zu Kreatürlichem hier und jetzt in meinem Leben noch einer Geste bedurft hätte.
Am nächsten Morgen wollte ich den ersten Bus ins Städtchen nehmen, noch einmal versuchen, ob ich Marya erreichen könnte. Ich sah, daß ich einen Anruf auf der Mailbox hatte. Es war Manjas verweinte Stimme. Sie war in Minsk. Bei Alezja.
Meine dämliche Schwester sagt, du hättest das getan. Du hättest Tanja umbringen wollen. Und sie sagt, du hättest das meinetwegen getan. Aber das stimmt doch nicht. Weshalb hättest du das tun sollen, Wasja? Sag, daß das nicht stimmt. Geh ran und sag’s mir, verdammt nochmal, Wasja.
Ich hörte die Nachricht dreimal ab. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie in Tatsianas Wohnung zurückgegangen waren. Also versuchte ich, anhand der Hintergrundgeräusche zu erahnen, wo die beiden steckten. Fehlanzeige. In der Anrufliste wurde die Nummer nicht angezeigt.
Weshalb war ich nicht auf den Gedanken gekommen, ihr ein Handy zu schenken? Es ist alles ganz anders, würde ich gesagt haben, hör mich an, Manja. Wir treffen uns in der Weststadt, bei unserem Entenpostillon. Sag deiner Schwester nichts. Es ist alles ganz anders als sie behauptet. Vertrau mir. In vier Stunden kann ich da sein. Du bist der wichtigste Mensch für mich. Der einzige, Manja.
Eine Finte. Alezja hatte mich klassisch ausgespielt. Ich hielt es für einen Impuls, aber sie hatte mir absichtlich auf die Mailbox gesprochen. Sie kennt mich gut genug, um zu wissen, daß ich sofort nach Hause fahren würde, um zu Marya zu kommen. Sie mußte sie in den ersten Zug von Hrodna nach Minsk befohlen haben. Wir waren aneinander vorbeigefahren.
Ich brauchte einen neuen Plan. Und ich wußte nicht, ob Manja in ihm noch eine Rolle spielte.
Ich fuhr zurück nach Minsk, wußte, wo ich mir Pässe und Ausreisestempel verschaffen konnte. Bei mir waren noch 6 000 Dollar.
Am Fahrkartenschalter saß eine Altgediente in Uniform, ihre übergroße Brust lag auf einer Tischplatte, stützte den ganzen Körper ab. Ich verlangte zwei Billets nach Warschau für den nächsten Tag. Sicherheitshalber reservierte ich das ganze Schlafwagenabteil für mich allein. Falls ich kein Ausreisevisum auftreiben würde, könnten Manja und ich immer noch versuchen, uns in den Klappbänken zu verkriechen. Und darauf hoffen, daß es die Zöllner und Grenzer in der besoffenen Silvesternacht nicht so genau nehmen würden. Einmal in Polen würden wir es schon irgendwie schaffen, nach Ungarn zu kommen.
Wie laut Minsk über Nacht geworden war! Aus allen Läden wummerten die Bässe auf den Bürgersteig. Das Summen synthetischer Hi-Hats. Die verzweifelten Geräusche des Warenkapitalismus. Ich nahm es als Abhärtung für Budapest.
Grüppchenweise kamen mir Polizisten entgegen. Ich drückte mich in Hauseingänge. Wußte ja nicht, ob man schon nach mir suchte.
Als nächstes versuchte ich, Kontakt mit meinem alten Verbindungsmann aufzunehmen. Er war wie ich Internatszögling, kurze Zeit vor mir abgegangen. Sjarhej hatte ihn empfohlen. Er hatte mir 1991 das Visum verschafft.
Ich hatte Glück, fand ihn noch immer am selben Ort. Sogar in derselben Körperhaltung wie damals: lässig hingelümmelt auf dem Schreibtischstuhl, mit übereinandergeschlagenen Beinen, das darüberliegende wippte im Takt eines russischen Stampfrhythmus aus dem Radio. Dazu seine Stimme. Immer ein wenig zu laut. Und immer auf dem Sprung. Einer dieser Menschen, von denen man gar nicht möchte, daß sie sich Zeit für einen nehmen, weil man Angst hat, sie ihnen eigentlich zu stehlen.
Offiziell verkaufte er Krankenversicherungen für Ausländer.
»Du? Was willst du hier?«
»Eine Lebensversicherung.«
»Tsts. Nicht mein Metier.«
»Hast du noch deine alten Verbindungen?«
»Kommt drauf an.«
»Zwei Ausreisevisa. Und zwei Pässe.«
Ich reichte ihm einen Zettel mit den Daten.
»Puh«, machte er und zog die Mundwinkel nach unten, »wird nicht ganz billig.«
»4 000 Dollar.«
Er nickte beifällig.
»Bis wann?«
»Morgen.«
»Unmöglich.«
»5 000.«
»Ich weiß nicht, wie wir an die Stempel kommen sollen. Morgen ist Silvester.«
»Fünf – tau – send Dollar!«
»Ich schau, was ich machen kann.«
»Mein Zug geht um 18:50 Uhr.«
»Halbe Stunde vorher. Neben dem Bahnhofsgebäude sind zwei Scheißhäuser für Gleisarbeiter. Die haben die Kameras so verstellt, daß die Videoüberwachung nicht zwischen sie reicht.«
Ich nickte. Ich bekam Lust, eine Zigarette zu rauchen. Und meinen Namen auf den Oktoberplatz zu kotzen.
»Hast du mal wieder was von Sjarozha gehört?« fragte ich.
»Sag bloß, das weißt du gar nicht?«
Er drehte sich auf seinem Stuhl einmal um die eigene Achse. Dann deutete er nach oben.
»Ist hochgegangen. Vor fast zehn Jahren. Aufgefahren zu den Altvorderen. Tretmine in Bosnien, besoffen beim Räumkommando. Kennst doch den alten Witz, fragt der Frischling: ›Herr Kommandant, was machen wir, wenn wir auf eine Mine treten?‹ – ›Normale Vorgehensweise wäre, hundert Meter in die Luft zu springen und sich dann über eine möglichst große Fläche verteilen.‹«
Sein Gesicht zeigte kaum Veränderung, lediglich eine Lauerhaltung. Ich nickte. Ein Grinsen wollte ich mir nicht abringen. Als ich gehen wollte, packte er mich am Ärmel.
»Noch eins: wie alt bist du?«
»Wieso?«
»Na das Geburtsdatum. Im Paß. Auf dem Visum.«
»Dreißig. Ich bin dreißig Jahre alt.«
»Dreißig? Du siehst jünger aus. Verdammt viel jünger. Nie richtig gelebt, was?«
Ich machte meinen Mantel los und ging zur Tür.
»Wir schreiben 25«, feixte er mir hinterher, »das fällt weniger auf.«
Der Nachmittag brach an. Ich fand ein Hotel, dann ein Internetcafé. Die ungarische Telefongesellschaft hatte die Kontaktdaten ihrer Kunden online gestellt. Ich suchte nach Adresse und Nummer von Gábor. Und tatsächlich wurde ich fündig. Ich erkannte Straße und Hausnummer wieder. Entweder lebte er noch immer bei Großcousine Klára, oder er hatte sie endlich beerbt.
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