Zurück in meiner Wohnung war es saukalt. Ich drehte die Heizung höher. Die Gasleitung summte. Ich öffnete den Verschluß der ersten Wodkaflasche.
Minsk ist eine Stadt der Sehnsucht.
Ein auf Vibration geschaltetes Handy tanzt wie verrückt auf einem Glastisch, der ganze Tisch vibriert. Niemand geht ran. Niemand scheint zuhause zu sein.
In der Nacht träumte ich von Sex mit einem seltsamen Zwitterwesen, halb Frau, halb Tier. Sie ritt mich, aber ich kam und kam nicht. Ich erwachte mit steifem Glied.
Ich lag im Bett. Der Restalkohol ließ mich wie in einer Retorte eingesperrt atmen. Mein Leben in vitro.
Ich bin nicht da, einfach nicht da.
Es war kurz vor halb neun, als ich aufstand. Vor dem Spiegel fuhr ich mir mit den Handinnenflächen über die Wangen, hinterließ rote Flecken. Auf der Hand. Im Gesicht. Ich trank einen Schluck Wodka. Gegen den Kater. »Strafschnaps« nannte ihn Gábor, den ersten Schluck am nächsten Morgen. Ich betätigte die Schnellwahl auf dem Handy.
Sie haben – zwei – Nachrichten auf Ihrer Mailbox.
Erste Nachricht. Gestern, zweiundzwanzig Uhr zwölf.
Ahoi, Wasja, bin doch schon wieder zurück. Ich kann für Stas nichts tun, die werden ihn erstmal dabehalten, wenigstens einen Monat lang. Er scheint total entspannt damit, ich bin – ich weiß gar nicht, was ich bin, ich habe Angst, ich bin genervt, ich… Ja, und Brest ist sauteuer, noch eine Nacht hätte ich mir gar nicht leisten können. Ich melde mich morgen nochmal. Muß jetzt unbedingt schlafen. Oh Scheiße, ich seh gerade: Lesjas Röcke liegen hier rum. Hoffentlich kommt sie nicht vor morgen mittag zurück. Nacht, Wasja, Kuß.
Ich starrte auf das Display. Spürte, wie sich die Haare an meinem Arm aufrichteten. Meine Hand zitterte leise, als ich die Taste drückte, die zur nächsten Nachricht springen ließ.
Zweite Nachricht. Heute, sieben Uhr vierunddreißig.
Scheiße, Wasja. Tanja liegt im Krankenhaus. Künstliches Koma. Sie sagen, sie hat nur überlebt, weil sie Rechtshänderin ist. Sie sagen, daß das aber wahrscheinlich nichts hilft, weil ihr Gehirn kaputt ist. Ich hab sie gefunden heute morgen. Ich hab sie gefunden. Sie hat Bananen für mich püriert, Wasja.
Alezjas Stimme pausierte. Ich hörte das Schnappen eines Metallfeuerzeugs. Einatmen. Husten.
Ich weiß, daß du das warst, du Drecksau. Ich weiß nicht genau, wie du das gemacht hast, ich weiß nicht einmal, wann du es gemacht hast, aber ich weiß, daß du das warst. Und ich weiß, daß das für mich bestimmt war. Das hättest du nicht tun dürfen, Wasja. Ich geh zur Polizei, ich erzähl denen, daß du uns die ganzen Jahre mißbraucht hast, sogar die Kleine, und Tanja getötet hast, um alles zu vertuschen. Ich hol Manja, und dann geh ich –
Ich unterbrach die Nachricht, wählte die Nummer von Zuhause. Marya ging nicht ans Telefon. Ich weiß, daß sie es in den Ferien immer aussteckt. Sie steht nie vor Mittag auf.
Der erste Zug des Tages nach Hrodna würde in vierzig Minuten fahren. Wenn ich mir bei der Schaffnerin ein Billet kaufte, könnte ich es schaffen. Mein Seesack steht immer gepackt im Schrank. »Survival-Pack« hat Tanja ihn genannt. Beim Rausgehen verhedderte sich eine seiner Tragschlaufen an der Türklinke, zog die Tür vor mir zu, zog mich wieder in die Wohnung hinein. Ich warf einen letzten Blick rundum. Ich lauschte.
Leise summte die Gasleitung.
Ein Rettungswagen raste über die Straßenkreuzung, ich enteilte in eine Unterführung, das Geheul der Sirene schwoll in dem riesigen Hallraum unaufhörlich an, vermischte sich mit seinem Echo zu einem lang anhaltenden Ton, Fliegeralarm, ohrenbetäubend laut. Ich dachte an das Beatmungszimmer, in dem Tanja aufgebahrt lag. An die Intubation. An die ganzen medizinischen Geräte, von denen ihr Leben abhing. Daran, daß ihr Gehirn kaputt war. Zum ersten Mal wünschte sich Alezja wohl nicht, das zu haben, was Tatsiana hatte. Hätte ich doch auf mein Handy gesehen auf der Fahrt nach Hause. Hätte ich bloß die Mailbox abgehört. Gestern abend noch.
Ich drängte vorwärts, verfluchte mich dafür, daß ich kein Auto mehr hatte.
Am Bahnsteig war von Alezja nichts zu sehen. Ich suchte den ganzen Zug nach ihr ab. Er war überfüllt, zwei Tage vor Silvester wollten sie alle nach Hause, in den Westen. Nichts. Keine Spur von ihr.
Es war der erste Zug, der heute nach Hrodna ging. Ich hatte noch immer gute Chancen, vor ihr zuhause anzukommen. Zigmal versuchte ich, von unterwegs Marya zu erreichen, aber meist befand ich mich in einem Funkloch, und wenn nicht, ging niemand ran.
Ich konzentrierte mich auf Manja. Ich ermunterte mich, daß es funktionieren würde, begann mir ein Leben mit ihr auszumalen. Wenigstens für einige Zeit. Wir gehen nach Budapest, würde ich ihr sagen. Du weißt doch: Wenn es einer hinkriegt, dann ich. Wir gehen zusammen, aber wir müssen es sofort tun, jetzt sofort, hörst du, Manja? Laß uns hingehen, wo wir herkommen.
Der Zug hatte Verspätung, in Hrodna erwischte ich den Bus ins Städtchen nicht, ich mußte in der Bahnhofshalle auf den nächsten warten. Mir gegenüber saß ein Pensionist. Er schob sich mühevoll die Vorderzahnprothese in den Mund, justierte sie, nahm sie wieder heraus, und immer so weiter. Nach einer halben Stunde setzte ich mich auf einen anderen Platz. Über mir hing eine Schmeißfliege in den Fetzen eines Spinnennetzes. Sie war umsonst gestorben, Essen sollte man nicht verderben lassen, aber hier war weit und breit keine Spinne mehr, alles erfroren, was lebendig war.
Ich lauerte auf den nächsten Zug, der aus Minsk kam, aber auch in dem saß Alezja nicht.
Das Wetter schlug um, es begann zu schneien, im Bus saßen wir wie erstarrt. An der Station angekommen, schlang ich den knielangen Wintermantel enger um meinen Leib, zog den Schal über die Nase, die Wollmütze in die Stirn, daß nur ein schmaler Schlitz für meine Augen offen blieb. Die Hände barg ich in den Manteltaschen, schob den Seesack über den Kopf hinweg auf die rechte Schulter, sein Gurt führte wie eine grüne Schärpe zur Hüfte, lag über der Brust fest an und hielt die Enden des Mantels, der keine Knöpfe mehr hatte, zusammen. Einen Moment betrachtete ich mein Bild im blau schimmernden Fensterglas eines vorüberfahrenden Autos. Ich sah aus wie ein Mitglied der neuen Antiterroreinheiten. Die wenigen Gestalten im Städtchen, die mir und meinen durch den Schal ausgestoßenen Atemwolken entgegenkamen, machten einen weiten Bogen um mich.
Ich hatte keinen Schlüssel mehr für das Haus. Die Tür war abgesperrt, ich klopfte, ich rief Manja, niemand öffnete. Dann sah ich, daß sogar das Kellerfenster, durch das Großpapa und Vater ein Kabel gezogen hatten, um die ostdeutsche Gefriertruhe anzuschließen, verrammelt war. Ich konnte also nicht einmal durch den Keller einsteigen.
Im Augenwinkel nahm ich eine Bewegung hinter einem Fenster bei den Nachbarn wahr. Ich ging hinüber, pochte hart gegen die Tür. Die Milinkiewitsch lugte heraus, öffnete, aber nur einen Spaltbreit, sie behielt mich im Auge und den Türknopf in der Hand. Ich sagte, ich sei mit Marya verabredet, aber sie öffne nicht. Dann kam ihr Mann hinzu, ein alter Griesgram, brummte, ja, sie hätten die Kleine heute morgen wachgeklopft, schon vor halb acht, warum auch immer, sagten die beiden, sie hätten doch jetzt ein Telefon, aber Alezja habe darauf bestanden, daß sie es tun. Das Telefongespräch zwischen den beiden sei kurz gewesen. Ich fragte, ob Manja mit Gepäck weggegangen sei, erhielt von beiden aber nur ein Achselzucken. Man habe niemanden gesehen, niemand habe etwas gesehen, und jetzt müßten sie wieder an die Arbeit. Sie knallten mir die Tür vor der Nase zu.
Ich blieb in der Nähe des Hauses. Den ganzen Tag. Hin und wieder wählte ich die Nummer. Das Telefon mußte noch immer ausgestellt sein, sonst hätte ich seinen penetranten Dreiklang hören müssen. Dann schaltete ich die Rufnummernunterdrückung an meinem Handy ein und versuchte es in Tatsianas Wohnung. Nach dreißigmaligem Läuten unterbrach mich die Telefongesellschaft.
Читать дальше