Später habe ich an diesem Tag dann noch mehr Wissenswertes erfahren, bin weiterer Dinge zum ersten Mal ansichtig geworden, habe weitere Gebräuche kennengelernt. Im Allgemeinen, so kann ich sagen, hörte ich am Nachmittag schon mehr Neuigkeiten, es wurde um mich herum schon mehr von unseren Zukunftsaussichten, Möglichkeiten und Hoffnungen gesprochen als von dem Schornstein hier. Zeitweise nahmen wir ihn gar nicht zur Kenntnis, so als wäre er gar nicht da, das hing ganz von der Windrichtung ab, hatten viele herausgefunden. An diesem Tag habe ich auch zum ersten Mal die Frauen gesehen. Die Männer, die sich aufgeregt am Drahtzaun zusammengeschart hatten, haben sie mir gezeigt: Tatsächlich, da waren sie, auch wenn es mir schwerfiel, sie zu erkennen, nun ja, sie vor allem als Frauen auszumachen, da in der Ferne, jenseits des lehmigen Feldes, das vor uns lag. Ich bin sogar ein bisschen erschrocken vor ihnen, und wie ich merkte, sind nach der ersten Aufregung, der ersten Freude an der Entdeckung auch die Männer um mich herum ziemlich still geworden. Nur eine dumpfe, etwas zittrig klingende Bemerkung in der Nähe ist an mein Ohr gedrungen: «Sie sind kahl.» Und in dieser großen Stille hörte ich nun auf einmal, wie im leichten Wind des Sommerabends eine zwar dünne, zirpende und kaum vernehmbare, eindeutig aber friedliche, fröhliche Melodie in Wellen herüberwehte, was uns – so, zusammen mit diesem Anblick – alle irgendwie ungeheuer überraschte. Des weiteren war es auch das erste Mal, dass ich in einer der hinteren Reihen des Zehnerblocks stand, in dem wir vor unserer Baracke aufgestellt wurden, damals noch ohne zu wissen, worauf wir da warteten – gleicherweise übrigens wie alle anderen Gefangenen vor allen anderen Baracken links, rechts, vorn und hinten, so weit das Auge reichte –, und es war zum ersten Mal, dass ich mir, wie befohlen, die Mütze vom Kopf riss, während draußen auf der Hauptstraße, in der lauen Abendluft lautlos dahingleitend, die Gestalten von drei Soldaten auf Fahrrädern auftauchten: ein schöner – wie ich nicht umhinkonnte zu empfinden – und schneidender Anblick. Sieh an, dachte ich, wie lange habe ich eigentlich schon keine Soldaten mehr gesehen. Nur musste ich staunen, dass es mir schwerfiel, in diesen Menschen, die sich von der anderen Seite der Schranke her so abweisend, so eisig, wie von einer unerreichbaren Höhe herab das anhörten – einer von ihnen machte darüber auch Notizen in ein längliches Buch –, was auf dieser Seite unser Blockkommandant (auch er die Mütze in der Hand haltend) zu ihnen sagte; dass es mir also schwerfiel, in diesen ohne ein Wort, einen Laut oder auch nur ein Kopfnicken auf der leeren Hauptstraße davongleitenden und irgendwie fast schon unheilverkündenden Allmächtigen Mitglieder der gesprächigen, gemütlichen Einheit zu erkennen, die uns heute Morgen an der Eisenbahn begrüßt hatte. Zur gleichen Zeit vernahm ich einen leisen Laut, eine Stimme, und ich sah neben mir ein vorgestrecktes Profil, die pralle Wölbung eines Brustkastens: Es war der ehemalige Offizier. Er flüsterte so, dass seine Lippen dabei kaum auch nur zitterten: «Abendliche Bestandskontrolle», und dabei nickte er ein klein wenig, mit einem Lächeln, dem wissenden Gesicht eines Menschen, für den alles ganz und gar verständlich, mit vollkommener Klarheit, in gewisser Weise fast schon zu seinem Gefallen abläuft. Und dann sah ich auch zum ersten Mal – denn noch die Dunkelheit fand uns in der gleichen Stellung vor – die Farbe der hiesigen Nacht und eine ihrer Erscheinungen: die bengalischen Feuer, ein wahres Feuerwerk aus Flammen und Funken über dem ganzen linken Rand des Himmels. Um mich herum wurde von vielen geflüstert, gemurmelt und wiederholt: «Die Krematorien!», aber doch schon eher, um es so zu sagen, irgendwie mit dem Staunen, das einer Naturerscheinung gilt. Dann: «Abtreten» , und ich hatte auch schon einigermaßen Hunger, doch dann erfuhr ich, dass unser Abendessen eigentlich das Brot gewesen war, und das hatte ich ja schon am Morgen gegessen. Die Baracke hingegen, der «Block» , erwies sich als eine innen völlig kahle Räumlichkeit, mit Zementfußboden und ohne jedes Mobiliar, ohne jede Einrichtung, ja ohne Beleuchtung, wo die Nachtruhe wiederum nur so zu bewerkstelligen war wie im Pferdestall der Gendarmerie: Ich lehnte den Rücken an die Unterschenkel eines Jungen, der hinter mir saß, während sich der vor mir an meine Beine anlehnte; und da ich von den vielen neuen Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen müde und schläfrig war, bin ich auch bald eingeschlummert.
Von den folgenden Tagen sind mir – ähnlich wie bei denen in der Ziegelei – schon weniger Einzelheiten in Erinnerung geblieben, sondern mehr ihre Stimmung, ein Gefühl, ein allgemeiner Eindruck sozusagen. Nur fiele es mir schwer, diesen genauer zu umschreiben. Auch in diesen Tagen gab es noch immer Neues zu erfahren, zu sehen, aufzunehmen. Hin und wieder spürte ich auch die Kälte dieses merkwürdigen fremden Gefühls, das mir zum ersten Mal beim Anblick der Frauen begegnet war, und ein-, zweimal kam es auch vor, dass ich mich in einem Kreis bestürzter Menschen wiederfand, die sich mit langen Gesichtern anstarrten und einander immer von neuem fragten: «Was sagen Sie dazu? Was sagen Sie dazu?» – und die Antwort darauf war entweder Schweigen oder aber fast immer das Gleiche: «Entsetzlich.» Doch es ist nicht dieses Wort, nicht genau dieses Erlebnis – jedenfalls nicht für mich, versteht sich –, mit dem ich Auschwitz wirklich kennzeichnen würde. Unter den mehreren hundert Bewohnern unseres Blocks war, wie sich herausstellte, auch der Pechvogel. Er wirkte etwas seltsam in seinem zu weiten Sträflingsanzug, der zu weiten Mütze, die ihm immer wieder in die Stirn rutschte. «Was sagen Sie dazu», fragte auch er, «was sagen Sie dazu?» Aber wir konnten natürlich nicht sehr viel sagen. Ich habe seinen hastigen, wirren Worten dann nicht mehr recht folgen können. Man dürfe nicht nachdenken, behauptete er, oder doch, an eines könne und müsse man unablässig denken, an die nämlich, die er «zu Hause zurückgelassen» habe und um derentwillen er «stark sein» müsse, da sie ihn ja zurückerwarteten: seine Frau und seine beiden kleinen Kinder – das war, soviel ich verstand, ungefähr der Sinn. Und doch, die Hauptsorge war im Grunde genommen auch hier nur, genau wie im Zollhaus, in der Ziegelei, in der Eisenbahn: die Länge der Tage. Sie begannen schon recht früh, nur wenig nach dem mittsommerlichen Sonnenaufgang. Da habe ich erfahren, wie kalt die Morgen in Auschwitz sind: Wir Jungen kauerten uns an die Barackenwand auf der Seite des Drahtzauns, schmiegten uns eng aneinander, wärmten einander, im Angesicht der noch schrägstehenden roten Sonne. Ein paar Stunden später hätten wir hingegen eher den Schatten gesucht. Auf jeden Fall verging die Zeit auch hier, auch hier war der «Zierlederer» bei uns, auch hier erklang hin und wieder ein Scherz, und es fanden sich, wenn auch keine Hufnägel, so doch Kiesel, die uns der «Halbseidene» einen nach dem anderen wegschnappte, auch hier ließ sich gelegentlich «Rosis» Stimme vernehmen: «Und jetzt auf Japanisch!» Außerdem die zwei täglichen Gänge zum Abort, morgens dazu in die Waschbaracke (ein ähnlicher Ort, bloß mit Zinktrögen auf der ganzen Länge statt Podesten und über jeder Trogreihe ein waagrechtes Eisenrohr, durch dessen viele kleine Löcher das Wasser rieselte), dann die Essensausgabe, abends der Appell, ja und dann natürlich auch die Bekanntmachungen – damit hatten wir uns zu begnügen, so war der Tag eingeteilt. Dazu kam, was man so erlebte: etwa die «Blocksperre» am zweiten Abend – da sah ich unseren Kommandanten zum ersten Mal ungeduldig, ja, um nicht zu sagen: gereizt – mit den Geräuschen, die in diesem Augenblick aus der Ferne hereindrangen, einem ganzen Wirrwarr von Tönen, in dem, wenn wir die Ohren spitzten, Schreie, Hundegebell und das Knallen von Schüssen auszumachen waren, in dem ziemlich stickigen Dunkel der Baracke; oder dann wieder der Anblick einer Kolonne, wieder jenseits des Drahtzauns, sie kämen von der Arbeit zurück, hieß es, und ich musste es wohl glauben, denn auch ich sah es so, dass auf den Gestellen, die von den am Schluss Marschierenden getragen wurden, tatsächlich Tote lagen, genau so, wie es um mich herum behauptet wurde. Eine Zeit lang gab das meinem Vorstellungsvermögen immer wieder Arbeit auf, versteht sich. Aber – das darf ich sagen – doch nicht genug, um einen ganzen langen Tag des Nichtstuns auszufüllen. So habe ich dann gemerkt: Selbst in Auschwitz kann man sich offenbar langweilen – vorausgesetzt, man gehört zu den Privilegierten. Wir warteten und warteten – und wenn ich es recht bedenke, so warteten wir eigentlich darauf, dass nichts geschähe. Die Langeweile, zusammen mit diesem merkwürdigen Warten: Das, ungefähr dieser Eindruck, glaube ich, ja, mag in Wirklichkeit Auschwitz bedeuten – zumindest in meinen Augen.
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