In einem gemieteten Einspänner ratterte er nach Süden in die Morgendämmerung hinein. Sein kleines silbernes Abzeichen und eine Portion Frechheit brachten ihn durch die Befestigungslinien. Er hielt geradewegs auf Port Tobacco zu, wo gewisse Matrosen loyal zur Konföderation standen, vorausgesetzt, diese Loyalität wurde mit Bargeld unterstützt.
Bent achtete kaum auf die Landschaft. Vielleicht waren die Südstaatenführer gar nicht so schlimm, wie er immer geglaubt hatte. Und während seiner Zeit in Richmond hatte er gemerkt, daß er sich, ohne Verdacht zu erregen, anpassen konnte. Es mußte einen Platz für ihn in der Konföderation geben; im Norden gab es keinen mehr. Er mußte einen Weg finden, um zu überleben.
Als der Morgen heißer und der Straßenstaub dichter wurde, fiel ihm eine Möglichkeit ein. Baker hatte einen Mann erwähnt, der eine zweite Konföderation zu erreichen versuchte. Wie war sein Name? Nach einigen Minuten erinnerte er sich: Lamar Powell. Wie Baker gesagt hatte, handelte es sich vielleicht nur um ein Gerücht. Aber ein paar Fragen konnten nicht schaden.
In dem verschlafenen Nest Port Tobacco sagte ein alter Binnenschiffer, dessen eine Gesichtshälfte von einem Schlaganfall gelähmt war, zu Bent: »Ja, für die Summe kann ich Sie rüber nach Virginny schmuggeln. Wann kommen Sie zurück?«
»Hoffentlich nie.«
»Dann lade ich Sie zur Feier des Tages zu einem Glas ein«, sagte der alte Mann mit einem halben Grinsen. »Wir machen die Fahrt, sobald die Sonne untergegangen ist.«
85
»Ihnen nach«, schrie Charles und trieb Sport die Landstraße entlang. Die Schrotflinte in der linken Hand donnerte er auf die vier erschrockenen Yankees zu, die eben aus dem eine halbe Meile entfernten Wäldchen geritten waren. »Wir schnappen uns einen«, brüllte Charles seinem Begleiter zu, der zwei Längen hinter ihm ritt; ein achtzehnjähriger Farmerjunge, der zweihundertdreißig Pfund wog. Er war ein fröhlicher, fügsamer junger Mann mit lediglich zwei Ambitionen: »Ich möchte eine Menge Südstaatengirls lieben und einen Haufen Yankeeschädel einschlagen.«
Jim Pickles war sein Name. Er war den Scouts zugeteilt worden, weil er für den normalen Dienst zu bullig und nicht elegant genug schien. Er hatte sich dem Senior-Scout angeschlossen – der darauf bestand, Charlie und nicht Major Main genannt zu werden –, seit Stuart und seine Männer ihren Ritt nach Norden begonnen hatten, hinaus aus Virginia und weg von der eigentlichen Armee, die Longstreet in Feindesland führte.
Drei Brigaden – diejenige von Hampton, Fitz Lee und die des verwundeten Rooney Lee unter dem Kommando von Colonel Chambers – hatten in der Nacht des 27. Juni den Potomac überquert. Reichlich vagen Befehlen von General Lee folgend, führte sie ihre Route östlich der Bergketten fast genau nach Norden. Sie ritten drauflos, ohne eine Ahnung vom Standort der Unionsstreitkräfte zu haben.
Charles hörte Beschwerden und Gemurmel, daß General Jeb im Begriff sei, eine weitere spektakuläre Show abzuziehen – ähnlich dem Ritt auf der Halbinsel um McClellan herum, der ihm soviel Ruhm eingebracht hatte. Stuarts Ruf hatte bei Brandy Station einige Flecken abbekommen; vielleicht glaubte er, mit einem zweiten Umgehungsmanöver der Unionsarmee diese Flecken wieder tilgen zu können.
Nun schrieben sie den 2. Juli. Ungefähr fünf Meilen südlich der Stelle, wo Charles und Jim Pickles auf die vier Yankees gestoßen waren, dröhnten Kanonen. Hinter dem Wäldchen, aus dem die blauen Kavalleristen aufgetaucht waren, stieg eine beachtliche Staubwolke auf. Ein großer Reitertrupp, wie Charles annahm, in Richtung Hunterstown unterwegs. Aber er wollte die genaue Ursache für diese Staubwolke wissen; General Hampton ebenfalls, davon war er überzeugt. Deshalb sein Wunsch, einen Yankee zu erwischen.
Er fühlte, wie die Erschöpfung von ihm abfiel, als er auf die vier zugaloppierte. Letzte Nacht hatte er überhaupt nicht geschlafen, und obwohl er in letzter Zeit häufig geglaubt hatte, er würde keine einzige Meile mehr schaffen, ohne vom Pferd zu fallen, war er auch heute morgen wieder mit Pickles losgeritten – und jetzt war er hellwach, angespannt und nur noch darauf aus, einen der Blaubäuche zu schnappen.
Es gab einiges Durcheinander bei den Yanks, dann begannen sie mit ihren Karabinern zu schießen. Charles hörte links von sich eine Kugel vorbeipfeifen. Er stieß einen dieser jaulenden Rebellenschreie aus, bei denen sich die Yanks in die Hosen machten. Sein Bart, in dem sich nun vereinzelte weiße Stellen zeigten, flatterte über seine linke Schulter.
Pickles schloß hinter ihm auf; sein Gewicht brachte Schaum auf die Flanken seines Rotschimmels. Charles galoppierte brüllend weiter. Eine Kugel schlug gegen seine Hutkrempe, und dann gingen die Yanks mit Revolvern und gezogenen Säbeln zum Gegenangriff über.
»Jetzt«, brüllte Charles, als die Entfernung stimmte. Seine Schrotflinte kam hoch, er feuerte beide Läufe ab und riß dann Sport zur Seite. Pickles, der nun freies Schußfeld hatte, feuerte ebenfalls. Sie holten zusammen zwei Yanks aus dem Sattel. Die anderen beiden galoppierten auf das Wäldchen zu.
»Hoffentlich lebt einer noch«, schrie Charles im Weiterreiten. Bald schon konnte er die Fliegen sehen, die sich am offenen Mund des auf der Straße liegenden Kavalleristen sammelten. Hier waren keine Informationen mehr zu holen. Der andere Yank war nirgendwo zu sehen.
In dem hohen Unkraut zu seiner Linken hörte Charles schlagende Geräusche, dann ein Stöhnen. Er stieg ab und näherte sich vorsichtig dem Straßenrand. Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze, als er sich vorbeugte und den Unionskavalleristen entdeckte, einen bärtigen Burschen, der unten im Graben saß, seinen Revolver noch in der Hüfttasche. Sein linker Oberschenkel war blutdurchtränkt.
Den Mann im Auge behaltend, zog Charles mit der rechten Hand seinen Colt, richtete ihn auf den Yank, während er in den Graben kletterte. Pickles, ein eifriger Schüler, beobachtete alles.
»Zu welcher Einheit gehörst du?«
»General – Kilpatrick’s – Dritte Division.«
»Wohin unterwegs?«
Der Yank zögerte. Charles drückte ihm die Revolvermündung gegen die schwitzende Stirn. »Wohin?«
»Lees linke Flanke – wo immer die auch sein mag.«
Schnell richtete sich Charles auf. Aus dem Süden rollte weiterhin Kanonendonner heran. Nach einem weiteren Blick auf den Verwundeten kletterte Charles aus dem Graben heraus. Als er sich nach seiner Schrotflinte bückte, ließ er den Yank für eine Sekunde aus den Augen. Jim Pickles rief: »He, Charlie, paß auf!«
Herumwirbelnd spürte er mehr die Abwärtsbewegung der Hand des Yankees, als daß er sie wirklich sah. Sofort schoß er. Die Kugel riß den Mann zur Seite. Während Charles in die Mündung seines Colts blies, bemerkte er, daß der Yank mit der linken Hand nach seiner Wunde gegriffen hatte, nicht mit der rechten Hand nach dem Revolver.
»In Ordnung, Jim. Bringen wir Hampton die Nachricht. Die Staubwolke gehört zu Kilpatrick, der ein Flankenmanöver versucht.«
Sie ritten die verlassene Straße entlang; Pickles zeigte ein gewaltiges Grinsen. »Guter Gott, Charlie, du bist schon einer. Kalt wie ein Eisblock. Obwohl mir der Yank irgendwie leid tut. Hat bloß nach unten gegriffen, weil er Schmerzen hatte.«
»Manchmal muß deine Hand schneller sein als dein Gehirn«, sagte Charles achselzuckend. »Hätte ich gewartet, vielleicht hätte er doch den Revolver gezogen. Lieber einen Fehler machen als im Grab liegen.«
»Du bist schon einer. Ihr Jungs bei den Scouts, ihr seid die reinsten Killermaschinen.«
»So ungefähr ist’s gedacht. Jeder Tote auf ihrer Seite bedeutet weniger Tote auf unserer Seite.«
Jim Pickles schauderte, nicht nur aus reiner Bewunderung. Im Süden ging das Donnern der Kanonen bei Gettysburg weiter.
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