Lisa Mainetti wurde von der Hauptwache angerufen, als Frau Fischer dort eintraf. Mit großen, fragenden Augen saß sie auf dem harten Stuhl vor dem alten Tisch und wartete geduldig, was mit ihr geschehen würde.
Nur einmal fragte sie den Wachhabenden, und es klang schüchtern und verzagt:
«Kennen Sie einen Leutnant Rudolf Fischer?«
Der Unteroffizier schüttelte den Kopf.»Nee. Ihr Mann?«
«Ja. Er soll schwer verwundet sein.«
«Davon haben wir hier in Block B über 150. Die kann man nicht
alle kennen.«
«Nein, gewiß nicht, nein«, sagte die junge Frau und wartete weiter.
Im Block B hatte Lisa Mainetti den Befehl durchgegeben: Alle Mann in die Zimmer! Die Stubenältesten hatten dafür zu sorgen, daß niemand die Zimmer verließ. Erst als die Flure wie ausgestorben waren, ging Lisa hinunter zur Wache und holte Frau Fischer in das Schloß. Sie ging mit ihr zu ihrem Zimmer, ohne daß sie jemanden sahen bis auf den Famulus Baumann, der eine MO-Spritze zu einem Frischoperierten brachte.
«Wie geht es meinem Mann, Frau Doktor?«fragte die junge Frau.»Ist er wirklich schwer verletzt? Hat… hat er ein Bein verloren? Oder einen Arm?«
«Sie müssen ganz tapfer sein, Frau Fischer«, sagte Lisa und drückte die junge Frau auf einen Stuhl.»Sie sind nicht allein, Sie tragen jetzt das Leid von Tausenden von Frauen und Müttern mit. Ich weiß, das sind alles dumme, leere Worte, abgedroschen und unpersönlich. Aber es gibt keine Worte, die man hier noch sagen könnte.«
Die junge Frau bekam große, runde, starre Augen. Sie legte die Hände auf ihren Leib und atmete ein paarmal schnell und laut.
«Rudolf. Rudi… ist er tot?«
«Ja.«
«Kann ich ihn sehen?«Es war ein Hauch.
«Er ist schon begraben. Ich werde Ihnen alles erzählen.«
«Kann. kann ich sein Grab sehen?«
«Wir gehen zusammen hin. «Lisa legte den Arm um die andere.»Er hat nicht zu leiden brauchen«, log sie, und so schrecklich es war, sie spürte, daß es wie ein Trost war.
Langsam ging Dr. Lisa Mainetti mit der jungen Frau Fischer durch den tief verschneiten Schloßpark, um die kleine Kapelle herum, in Richtung des Teichs, in dessen Wasserspiegel Erich Schwabe zum erstenmal sein zerstörtes Gesicht gesehen hatte. Zwischen Kapelle und Teich lag, von hohen Buchen und einer Nußhecke umschlossen, der kleine Friedhof des Lazaretts Bernegg.
Eine Reihe von Birkenkreuzen stand im Schnee, auf schwarzen Blechtafeln waren von einem Graveur die Namen der Toten eingeritzt und mit gelber Farbe grundiert worden. Von Weihnachten her lagen noch einfache Tannenkränze und Gebinde vor den Kreuzen. Dahinter lag ein großer Felsstein im Schnee. Später einmal, nach dem Krieg, würde auf ihm ein Spruch eingehauen. Eine Mahnung an die Lebenden, von denen die meisten dann doch achtlos daran vorbeigehen und wie ihre Vorväter nichts gelernt haben würden.
Lisa Mainetti hatte Frau Fischer untergefaßt und schleppte sie halb durch den Schnee. Sie ist ja noch selbst ein Kind, dachte sie. Mit zwanzig Jahren Witwe — ob sie überhaupt begreift, wie gemein das alles ist? Das verlogene Geschwätz vom >süßen Heldentods von der >stolzen Trauer<, vom >Opfer für das Vaterland