»Gibt es noch einen unter den Mördern meines Vaters, den ich nicht bestraft habe?«
Nachdem seine Worte in dem großen Raum verhallt waren, trat ein Moment Stille ein. Dann ertönte erneut diese tiefe, vibrierende Stimme - diesmal eindeutig aus der Brust der Götterstatue: »Gib acht, wie du sprichst! Dein Vater ist kein gewöhnlicher Sterblicher. Dein Vater ist Zeus Ammon!«
Der König verließ den Tempel tief in der Nacht, nachdem er Antwort auf alle seine Fragen bekommen hatte, aber er wollte nicht unter die Soldaten ins Lager zurück, und so durchquerte er die großen Palmengärten, bis er ganz alleine am Rand der Wüste stand. Über ihm blinkten Millionen Sterne am klaren Nachthimmel. Irgendwann hörte er Schritte hinter sich und drehte sich um - es war Eumenes.
»Ich habe in diesem Moment keine Lust zu reden«, sagte er zu ihm. »Aber wenn du mir irgend etwas Wichtiges mitzuteilen hast, so sprich.«
»Ja«, erwiderte Eumenes, »das habe ich. Leider handelt es sich um eine schlechte Nachricht. Ich trage sie schon lange mit mir herum und habe nur auf einen geeigneten Augenblick gewartet . . .«
»Und der ist jetzt gekommen?«
»Vielleicht. Jedenfalls kann ich diese Sache nicht länger für mich behalten. König Alexander von Epeiros ist in einen Hinterhalt der Barbaren geraten und in heldenhaftem Kampf gefallen.«
Alexander nickte traurig, und während Eumenes sich entfernte, wandte er sich wieder der immensen Wüste und dem sternenfunkelnden Himmelszelt zu und begann still zu weinen.
Nachwort
Wie der Leser sicher bemerkt hat, behandle ich im zweiten Band dieser Romantrilogie den im eigentlichen Sinne historischen Teil des Lebens von Alexander dem Großen. Dabei haben mich erzähltechnische Erwägungen gezwungen, gewisse Dinge etwas anders darzustellen, als wir es aus der traditionellen Geschichtsschreibung gewohnt sind - beispielsweise die Schlacht am Granikos, die ich, von der verherrlichenden Version des Kallisthenes Abstand nehmend, so realistisch wie möglich gestalten wollte.
Des weiteren habe ich zwei historische Personen - Alexander aus Lynkestis und Amyntas - zu einer einzigen, nämlich Amyntas, verschmolzen. Der Leser, der ja bereits zwei »Alexander« kennt, sollte nicht unnötig verwirrt werden. Die problematischen Situationen (dynastischer, politischer und psychologischer Natur) um die beiden historischen Figuren herum sind jedoch alle in der Gestalt des Amyntas zusammengeflossen. Bei der topographischen, taktischen und strategischen Rekonstruktion der Belagerungen von Milet, Halikarnassos und Tyros habe ich große Sorgfalt walten lassen; dasselbe gilt für die Beschreibung der Schlacht von Issos, für die ich mich auch auf persönliche Vor-Ort-Untersuchungen gestützt habe. Für die literarischen Quellen verweise ich im großen und ganzen auf das Nachwort im ersten Band unter Hinzufügung von Herodot (fliegende Schlangen), einiger Zitate aus Homer und Hesiodos sowie gewisser technischer Beschreibungen in Vergils »Aeneis« und in Frontinus' »Strata-gemata«. Natürlich habe ich auch in diesem Band neben den literarischen die »materiellen« Zeugnisse berücksichtigt, die uns zur Verfügung stehen, und der aufmerksame Leser wird bei vielen Szenen an berühmte Kunstwerke, Münzen und Mosaiken erinnert worden sein. Auch die Porträtkunst und vor allem die neuesten Grabungsberichte von den behandelten Orten, die ich selbstverständlich alle persönlich kenne und mehrfach topographisch erforscht habe, sind in meine Schilderungen eingeflossen.
Valerio Massimo Manfredi