Doch was konnte die Zahl sonst noch bedeuten? In diesem Augenblick entsann er sich plötzlich der vielen Gedankenspiele mit Akrostichen und Rätseln, die ihm sein Lehrer tausendmal zur Schärfung seines Verstandes sowie zum Zeitvertreib empfohlen hatte. Romulus' Blick nahm die Buchstaben der Reihe nach ins Visier, las sie von vorne nach hinten und umgekehrt; es mußte einen Schlüssel geben, sonst hätte die Zahl keinen Sinn.
Von außen drang kein Geräusch herein außer dem Gezwitscher der Sperlinge, und in dieser leeren und schwebenden Atmosphäre ging der Junge im Geiste fieberhaft sämtliche möglichen Kombinationen durch, um eine Lösung zu finden. Doch ihm wurde recht bald klar, daß jemand seine Abwesenheit bemerken und Ambrosinus in Gefahr geraten könnte, wenn in der Villa ein Tumult ausbräche. Die aufsteigende Angst stachelte seinen Verstand zu Höchstleistungen an, aber plötzlich hielt sein Denken inne, setzte sich wie ein Schmetterling auf diese Inschrift und zerlegte sie in eine Abfolge von Zahlen, die die Summe fünfzehn ergaben. Das heißt die Summe aus V, V, V: die drei V aus Goldbronze, die in den Worten CAIVS IVLIVS vorkamen, während der folgende Ausdruck nicht zufällig kursiv geschrieben war, wo das u nicht wie in der Großbuchstabenschrift mit einem V gleichgesetzt werden konnte. Ja, das mußte die Lösung sein! Er drückte mit zitternder Hand und in ständiger Folge die drei V, die leicht nachgaben, aber es passierte nichts. Er seufzte resigniert und wandte sich um, um dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war, als ihm eine neue Idee durch den Kopf schoß: Die drei geschriebenen V ergaben, miteinander addiert - und nicht hintereinander gelesen - , die Summe fünfzehn, quinde-cim. Er kehrte um und drückte gleichzeitig auf die drei V in den Worten CAIVS IVLIVS. Die Buchstaben gaben nach, und sofort hörte man ein metallisch klingendes Schnappen, das Geräusch eines Gegengewichts, das Knirschen einer Winde, und unmittelbar darauf entwich an den Rändern der Platte ein Lufthauch: Der große Stein drehte sich, und eine Öffnung tat sich auf!
Romulus hielt den Rand fest, schob die Platte mit Mühe noch ein wenig weiter auf und legte in die Mitte des Spaltes einen Stein, damit die Platte nicht hinter ihm zufallen konnte. Dann stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus und trat ein.
Sobald seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bot sich ihm ein noch atemberaubenderer Anblick dar: Vor ihm stand eine herrliche Statue, gemeißelt aus verschiedenen mehrfarbigen Marmorarten, die die Farben der Natur nachahmten, ausgestattet mit echten, feingetriebenen Waffen.
Romulus hob langsam den Blick, um jede Einzelheit zu erforschen, von dem über den muskulösen Waden gebundenen Schuhwerk über den Brustpanzer, der mit Bildern von Medusen und Seeungeheuern mit schuppigen Schwänzen verziert war, bis hinauf zu dem strengen Gesicht mit der Adlernase und dem grimmigen Blick des dietator perpetuus: Es war Julius Cäsar! Über die Oberfläche des Bildnisses flirrte ein seltsames Leuchten, ähnlich dem Reflex einer unsichtbaren Wellenbewegung, und Romulus bemerkte, daß ihn ein magisches blaßblaues Licht von unten, von einer marmornen Brunnenumrandung aus beleuchtete, die er auf den ersten Blick mit einem Weihaltar verwechselt hatte. Romulus beugte sich über den Rand und sah unten auf dem Grund ein bläuliches Schimmern, ein sich ständig änderndes Licht. Er ließ einen Stein hineinfallen und spitzte die Ohren, um lange ein Abprallen und Rollen zu vernehmen, ehe er hörte, wie der Stein auf das Wasser aufschlug und von ihm verschluckt wurde. Der Weg mußte lang, die Fallhöhe gewaltig sein.
Er wich zurück, ging um die Statue herum und betrachtete sie mit noch größerer Aufmerksamkeit. Er sah einen breiten Gürtel, an dem die Schwertscheide hing, und sie schien ihm von einer Wirklichkeitstreue, wie sie sonst an keiner Statue, ob aus Marmor oder Bronze, anzutreffen war. Er stieg auf ein Kapitell und streckte die zitternde Hand aus, um den Griff des Schwertes zu berühren und dann zu drücken, und dabei versuchte er gleichzeitig, dem grimmigen Blick des Diktators auszuweichen, der wirkte, als wolle er ihn wie ein Blitz treffen. Er zog ein wenig an dem Schwert. Es folgte gehorsam seiner Hand und glitt aus der Scheide, in der es steckte: Eine Klinge, wie er sie nie zuvor gesehen hatte, scharf wie ein Rasiermesser, glänzend wie Glas, dunkel wie die Nacht. Darauf eingeritzt waren Buchstaben, die er im Augenblick nicht entziffern konnte. Jetzt hielt er es mit beiden Händen fest, eine Handbreit vom Gesicht entfernt, und zitterte bei diesem Anblick wie Espenlaub: Vor sich hatte er das Schwert, das die Gallier und die Germanen, die Ägypter und die Syrer, die Numider und die Iberer bezwungen hatte. Das Schwert Julius Cäsars!
Das Herz schlug ihm zum Zerspringen, und wieder fiel ihm ein, daß Ambrosinus sich ängstigen mußte, weil er ihn nirgendwo sah, und er dachte an Wulfilas Wut. Er überlegte, ob er das Schwert an seinen Platz zurückstecken sollte, aber eine Macht, die stärker war als sein Wille, hinderte ihn daran. Er wollte und er konnte sich nicht davon trennen.
Er nahm den Umhang ab, wickelte es darin ein und kehrte auf dem gleichen Weg, den er gekommen war, zurück und schob die Platte wieder vor. Dann warf er noch einen letzten Blick auf den säuerlich dreinblickenden Diktator, ehe er aus seinem Gesichtskreis verschwand, und murmelte: »Ich behalte es nur eine Zeitlang ... nur ein bißchen, und dann bringe ich es dir zurück ...«
Mühsam tauchte er wieder aus dem unterirdischen Raum auf und spähte, unter der Traufe angelangt, in alle Richtungen, wartete auf den Moment, da ihn keiner sehen konnte, und kroch hinter eine Reihe von Büschen. Dann erreichte er, verborgen hinter einer Leine, auf der Wäschestücke trockneten, keuchend sein Zimmer und versteckte das Bündel unter dem Bett. Draußen hallte die ganze Villa von Rufen und Schreien und von einem diffusen Getrampel wider, das ein fieberhaftes Kommen und Gehen der Wachen verriet, die ihn nicht ausfindig machen konnten. Er stieg ins Erdgeschoß hinunter, ging durch die Ställe, wo er sich mit Spreu beschmutzte, und trat endlich ins Freie. Einer der Barbaren erblickte ihn sofort und brüllte: »Das ist er! Ich habe ihn gefunden!« Und er hielt ihn brutal an einem Arm fest und zerrte ihn zur Wachstube. Aus dem Inneren drangen Klagelaute, die Romulus einen Stich ins Herz gaben: Ambrosinus mußte für die zeitweilige Abwesenheit seines Schülers bitter bezahlen.
»Laßt ihn los!« rief er, entwand sich seinem Wächter und stürzte hinein. »Laßt ihn sofort los, ihr Schurken!« Ambrosinus, der regungslos auf einem Schemel saß, hatte die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Er blutete stark aus Nase und Mund, und seine linke Wange war geschwollen. Romulus lief zu ihm und umarmte ihn fest. »Verzeih mir, verzeih mir, Ambrosinus«, sagte er. »Das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht gewollt ...«
»Es ist schon gut, mein Junge, ist schon gut«, erwiderte der Alte. »Das Wichtigste ist, daß du wieder da bist. Ich hatte mir deinetwegen schon Gedanken gemacht.«
Wulfila packte Romulus an den Schultern und zog ihn so nach hinten, daß er auf den Boden fiel. »Wo hast du gesteckt?« brüllte er.
»Ich bin im Stall gewesen und auf dem Stroh eingeschlafen«, antwortete Romulus, während er mit einem Ruck wieder aufstand und ihm mutig entgegentrat.
»Du lügst!« schrie der andere und traf ihn mit einem Hieb, der ihn mit aller Macht gegen die Wand schleuderte. »Wir haben alles abgesucht!«
Romulus wischte sich das Blut ab, das ihm aus der Nase rann, und trat noch einmal auf ihn zu, mit einem Mut, der Ambrosinus verblüffte. »Dann habt ihr nicht richtig gesucht«, erwiderte er. »Siehst du nicht, daß ich noch Spreu auf den Kleidern habe?«
Wulfila holte erneut aus, um ihn zu schlagen, aber Romulus blickte ihn unerschrocken an und sagte: »Wenn du noch einmal wagst, meinen Lehrer anzurühren, ziehe ich dir die Haut ab wie einem Schwein. Das schwöre ich dir.«
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