Andere Male, wenn alles vergebens war, wenn es keine Worte gab, die den Knaben beschwichtigen konnten, setzte sich Ambrosinus in eine Ecke des Hofes und widmete sich der Abfassung seiner Erinnerungen. Romulus blieb abseits sitzen und zeichnete mit einem Stock in den Sand, aber dann kam er ganz langsam näher, betrachtete Ambrosinus verstohlen und versuchte sich vorzustellen, was er wohl mit dieser dichten, regelmäßigen Schrift in dieses Buch ein trug.
Eines Tages baute er sich plötzlich vor ihm auf und fragte: »Was schreibst du da?«
»Meine Erinnerungen. Und auch du solltest etwas schreiben oder wenigstens etwas lesen. Es hilft dir, den Kummer zu vergessen, es befreit deine Seele von der Angst und vom Überdruß des Alltags und schlägt eine Brücke zu einer anderen Welt. Ich habe um Bücher für deine Bibliothek gebeten und sie erhalten. Das heißt, sie werden heute aus Neapel kommen - nicht nur Werke über Philosophie und Geometrie und Handbücher zu Themen wie Ackerbau und Viehzucht, sondern auch wunderschöne Geschichten: die Aithiopika von Heliodor, Longos' Hirtengeschichten von Daphms und Chloe, die Abenteuer von Herkules und Theseus, die Reisen des Odysseus. Du wirst sehen. Aber jetzt kümmere ich mich erst einmal darum, daß alles richtig geordnet wird. Dann bereite ich dir dein Abendessen zu. Entferne dich nicht zu weit von hier, denn ich möchte mich nicht heiser schreien, wenn es Zeit ist, dich zu holen.«
Ambrosinus legte sein Buch auf die Bank, auf der er gesessen hatte, verschloß sorgfältig das Tintenfaß und legte den Stylos hin, dann wandte er sich dem Bereich der alten kaiserlichen Bibliothek zu, die einst gefüllt war mit Tausenden und Abertausenden von Büchern aus allen Teilen des Reiches, in lateinischer und griechischer, in hebräischer und syrischer, in ägyptischer und phönizischer Sprache. Jetzt waren die großen Nischen, in denen die Regale gestanden hatten, wie leere, blinde Augenhöhlen, die ins Nichts starrten. Geblieben war nur eine Büste von Homer, auch dieser blind, weiß wie ein Gespenst in diesem großen düsteren Saal.
Romulus spazierte eine Zeitlang am äußeren Rand des großen Hofes entlang, und jedesmal, wenn er sich Ambrosinus' Buch näherte, warf er einen zerstreuten Blick darauf. Irgendwann einmal blieb er stehen und fixierte es. Vielleicht war es nicht angebracht, das zu lesen, was dann geschrieben stand, aber wenn sein Erzieher es dort liegengelassen hatte, unbewacht und ohne irgendeine Ermahnung, dann würde er doch wohl einen Blick hineinwerfen dürfen. Er setzte sich hin und schlug es auf: Auf der Vorderseite war ein Kreuz gezeichnet, an den Enden der Balken die Buchstaben Alpha und Omega und, darunter, ein kleiner Mistelzweig wie derjenige aus Silber, den Ambrosinus um den Hals trug.
Der Abend war lau, und die letzten Schwalben versammelten sich mitten am Himmel und riefen einander etwas zu, was so klang, als würden sie nur widerwillig die bereits leeren Nester verlassen, um in wärmere Gefilde zu ziehen. Romulus lächelte und sagte leise: »Fliegt davon, fliegt nur, ihr Schwalben, ihr könnt es ja, fliegt nur fort! Mich werdet ihr im nächsten Jahr am selben Ort wieder antreffen. Ich bleibe hier und bewache eure Nester.«
Dann blätterte er um und begann zu lesen.
XIV
Ich war noch nicht geboren, als die letzten Adler der römischen Legionen Britannien verließen, um niemals wiederzukehren. Da der Kaiser alle seine Soldaten brauchte, wurde meine Heimat ihrem Schicksal überlassen. Eine ''Zeitlang passierte gar nichts. Die Honoratioren regierten die Städte nach Art der Väter, auf der Grundlage der Gesetze und der Gerichtsbarkeit des Reiches, weiter und unterhielten nach wie vor Kontakte zum fernen Hof von Ravenna in der Hoffnung, daß die Adler Roms früher oder später wieder zurückkehren würden. Doch eines Tages fielen die Barbaren des Nordens, die jenseits des großen, nach Kaiser Hadrian benannten Walls lebten, in unsere Gegenden ein und brachten ihnen mit ihren ständigen Überfällen und Plünderungen nichts als Tod, Zerstörung und Hungersnöte. Noch einmal baten wir den Kaiser um Hilfe und hofften, daß er uns nicht vergessen hätte, aber es war klar, daß er uns nicht erhören konnte: Eine ganze Flut von Barbaren bedrohte die östlichen Grenzen des Reiches; wilde und unermüdliche Reiter mit dunkler Haut und schrägstehenden Augen waren aus den unermeßlich weiten sarmatischen Steppen aufgetaucht wie Gespenster aus der Tiefe der Nacht, und während sie weiter vorrückten, hinterließen sie überall, wo sie durchzogen, eine einzige Spur der Verwüstung. Sie ruhten sich niemals aus und schliefen auch nicht richtig: Ihnen genügte es, den Kopf kurz gegen den Hals ihrer struppigen Pferde zu lehnen. Ihre Nahrung bestand aus Fleisch, das sie zwischen dem Sattel und dem Schweiß auf dem Rücken ihrer Pferde mürbe werden ließen.
Der Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee, ein Held namens Aetius, drängte diese Barbaren mit den schrägstehenden Augen mit Hilfe anderer Barbaren in einer entsetzlichen Schlacht zurück, die vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang dauerte. Unsere Gesandten flehten und erinnerten ihn an die Bande des Blutes, der Gesetze und der Religion, die uns über Jahrhunderte miteinander verbunden hatten, und schließlich entschied er, tief berührt, etwas für uns zu tun. Er schickte uns einen Mann namens Germanus, von dem es hieß, er sei mit Wunderkräften ausgestattet, und übergab ihm das Feldzeichen der Legionen Britanniens: Es war ein silberner Drache mit einem purpurfarbenen Schwanz, der sich mit dem Hauch des Windes zu beleben schien. Mehr konnte Aetius nicht tun, doch allein der Anblick dieses Zeichens genügte, um die niedergeschlagenen Gemüter aufzurichten und den alten, eingeschlummerten Stolz wiederzuerwecken. Germanus war ein tapferer und charismatischer Feldherr, und sein glühender, eindringlicher Blick, seine Rufe, spitz wie die eines Falken, seine Hände, die den Griff des Feldzeichens umklammerten, und sein unerschütterlicher Glaube an das Recht und die Zivilisation vollbrachten, nachdem er seine Männer mit dem Ruf »Halleluja« in die Schlacht geführt hatte, das Wunder. Die Barbaren wurden zurückgeschlagen, und viele waffentragende Bürger wurden eingesetzt, damit sie den Großen Wall bewachten, die in Ruinen liegenden Abschnitte wiederaufbauten und die verlassenen Kastelle schützten. Der Sieg des siegreichen Kampfes ging als der Sieg der Halleluja-Schlacht in die Geschichte ein.
Doch im Laufe der Jahre nahmen die Menschen wieder ihre alten Beschäftigungen auf, und zurückgelassen wurden nur spärliche Truppen schlechttrainierter Bürger, die von den Türmen des Walls aus die Nordregionen überwachen sollten. Und wieder kamen die Barbaren und metzelten nach einem Überraschungsangriff die Verteidiger nieder. Sie rissen sie mit ihren hakenbewehrten Piken von den Wachtürmen herunter und spießten sie auf wie die Fische. Dann strömten sie nach Süden, nahmen die wehrlosen Städte im Sturm und zogen plündernd, brandschatzend und alles verwüstend weiter. Mit ihren schwarz und blau bemalten Gesichtern waren sie gräßlich anzusehen, und sie verschonten weder Frauen noch Greise, noch kleine Kinder.
Nun schickte man eine zweite Gesandtschaft zu Aetius, den Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee, mit der Bitte um Hilfe, aber auch dieses Mal konnte er nichts anderes tun, als Germanus zu entsenden, der es bereits einmal verstanden hatte, den Herzen der Bewohner Britanniens Kraft, Mut und Entschlossenheit einzuflößen. Germanus hatte vor geraumer Zeit das Kriegshandwerk aufgegeben, war Bischof einer Stadt in Gallien geworden und stand bereits im Geruch der Heiligkeit. Dennoch wollte er sich, als er wieder gebeten wurde, dieser Aufgabe nicht entziehen, und schiffte sich ein zweites Mal ein, um auf unsere Insel zu gelangen. Er stellte weitere Truppen auf, überzeugte die Bewohner der Städte, Schwerter und Lanzen zu schmieden, die militärische Ausbildung wiederaufzunehmen und schließlich gegen den Feind zu marschieren. Dieses Mal war der Ausgang des Zusammenstoßes ungewiß, denn Germanus wurde in der Schlacht selbst schwer verwundet.
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