Er wurde in den Wald von Gleva gebracht und unter einer uralten Eiche ins Gras gelegt, aber bevor er starb, Ließ er die Führer des Heeres schwören, sich niemals zu ergeben, sondern sich weiter zu wehren und zum Schutz des Großen Walls eine dauerhaft stationierte Truppe aufzustellen, die so diszipliniert sein würde wie einst die Legionen Roms. Ihr Feldzeichen sollte der Drache sein, der sie schon einmal zum Sieg geführt hatte.
Ich war selbst Augenzeuge dieser Ereignisse: Obwohl ich noch jung war, hatte man mich bereits in den druidischen Künsten - von der Medizin über die Zeichendeutung bis hin zum Studium der Sterne - unterwiesen. Ich hatte verschiedene Länder bereist und viele wichtige Kenntnisse erworben. Deshalb hatte man mich gerufen, um dem sterbenden Helden beizustehen. Ich konnte nicht mehr für ihn tun, als den Schmerz seiner Wunde ein wenig zu lindern, doch ich erinnere mich noch an seine edlen Worte und den Glanz seiner Augen, den zu löschen nicht einmal der nahe Tod imstande zu sein schien. Nach Germanus' Tod wurden seine sterblichen Überreste nach Gallien überführt und in Lutetia Pansiorum beigesetzt, wo sie noch immer ruhen. Sein Grab wird wie das eines Heiligen verehrt und ist Ziel von Pilgern sowohl aus Gallien als auch aus Britannien.
Die Truppe ausgewählter Soldaten, die er sich gewünscht hatte, wurde tatsächlich unter dem Kommando der besten Männer aufgestellt, Nachfahren des ältesten römischen und keltischen Adels der Städte Britanniens, und in einer Festung des Großen Walles, in der Nähe des Mons Badonicus, stationiert.
Es vergingen noch ein paar Jahre, und es hatte tatsächlich den Anschein, als hätte das Opfer des Germanus unseren Gegenden den Frieden gebracht. Aber das war die reinste Illusion: Eine Abfolge sehr strenger Winter und recht trockener Sommer dezimierte die Herden der Barbaren des Nordens und stürzte diese in Hunger und Verzweiflung. Angelockt vom Blendwerk der reichen Städte in der Ebene unternahmen sie an mehreren Stellen des Großen Walls eine Reihe von Angriffen, mit denen sie die Widerstandskraft der Verteidiger auf eine äußerst harte Probe stellten. Ich befand mich damals in meiner Eigenschaft als Arzt und Veterinär in der Festung des Mons Badonicus und wurde vom Kommandanten gerufen, einem Mann von großer Würde und Tapferkeit namens Cornelius Paullinus. Neben ihm stand sein Stellvertreter Konstantinus, in der Sprache Carvetias Kusten-nin genannt, ein Mann, der einmal die Konsularwürde bekleidet hatte. Paullinus teilte mir mit dem Ausdruck höchster Besorgnis und Traurigkeit folgendes mit: »Wenn uns niemand zu Hilfe kommt, werden unsere Kräfte nicht mehr lange ausreichen, um die Überfälle des Feindes abzuwehren. Mach dich deshalb sofort mit den Würdenträgern, die ich zu diesem Zweck ausgewählt habe, auf die Reise und begib dich zum Kaiser nach Ravenna. Flehe ihn an, uns Verstärkungstruppen zu schicken, und erinnere ihn an die Treue unserer Städte und unserer Leute zum alten römischen Namen. Sag ihm, daß unsere Häuser verbrannt, unsere Frauen geschändet, unsere Kinder in die Sklaverei verschleppt werden, wenn er uns kein Heer schickt. Setzt euch notfalls vor die Tore des Kaiserpalastes, Tag und Nacht, und verweigert so lange Speise und Trank, bis er euch empfängt. Du bist der erfahrenste von allen, die ich kenne, der einzige, der über das Meer gereist ist, nach Gallien und Ibenen. Du sprichst außer Latein noch mehrere Sprachen und kennst die Geheimnisse der Medizin und Alchimie, mit denen du dir Wertschätzung und Ansehen erwerben könntest.«
Ich hörte ihn an, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, weil ich mir des ernstes der Lage bewußt war und des großen Vertrauens, das er in mich setzte. Aber im Grunde meines Herzens hielt ich eine solche Expedition für außerordentlich riskant und wenig aussichtsreich. Die Unsicherheit der Straßen, die Tatsache, daß die Provinzen des Reiches zum größten Teil in den Händen unruhiger Völkerschaften lagen, und die Schwierigkeiten, für mich und meine Begleiter unterwegs Nahrung zu beschaffen, schienen mir fast unüberwindliche Hindernisse zu sein. Ganz zu schweigen von dem letzten Problem, nämlich vom Kaiser empfangen zu werden und die erbetene Hilfe zu erhalten.
Ich antwortete: »Edler Paullinus, ich bin bereit, das zu tun, worum du mich bittest, und für die Rettung des Vaterlandes notfalls mein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber bist du sicher, daß dies die beste Lösung ist? Wäre es nicht besser, sich mit dem edlen Wortigern zu einigen? Er ist ein mutiger Kämpfer 'von großer Stärke und Tapferkeit und verfügt über zahlreiche gutausgebildete Soldaten, die, wenn ich mich recht erinnere, schon so manches Mal an unserer Seite gegen die Barbaren des Nordens gekämpft haben. Außerdem hat er einen keltischen Vater und eine römische Mutter und ist mit vielen Bewohnern dieses Landes verwandt. Hinzu kommt, daß dein Stellvertreter, Konstantinus, ihn sehr gut kennt.«
Paullinus seufzte, als hätte er diesen Einwand erwartet. »Das haben wir bereits versucht, aber Wortigern hat einen allzu hohen Preis verlangt, nämlich die Macht über ganz Britannien, die Auflösung der städtischen Versammlungen, die Abschaffung der alten Gerichtsbarkeit, die Schließung der Aulen des Senats, wo immer sie noch bestehen. Hier wäre, so fürchte ich, das Heilmittel schlimmer als die Krankheit, zumal die Städte, die sich bereits seiner Gewalt unterwerfen mußten, unter schrecklicher Tyrannei und schwerer Unterdrückung zu leiden haben. Wenn ich gezwungen bin, werde ich einen entsprechenden Beschluß fassen, aber erst, wenn ich wirklich keine andere Wahl mehr habe, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Außerdem...«
Er ließ den Satz unvollendet, als wage er nicht, noch mehr zu sagen, oder als wolle er es nicht. Doch ich glaubte, seinen unausgesprochenen Gedanken erraten zu können. »Außerdem«, fuhr ich an seiner Stelle fort, »bist du ein Römer vom Scheitel bis zur Sohle, der Sohn und Enkel von Römern, vielleicht der letzte deines Geschlechts, und ich kann dich verstehen, obwohl ich glaube, daß es unmöglich ist, die Zeit anzuhalten und das Rad der Geschichte zurückzudrehen.«
»Du irrst dich«, erwiderte Paullinus. »Daran habe ich nicht gedacht, obschon ich im Grunde meines Herzens immer noch davon träume, daß die römischen Adler eines Tages zurückkehren. Ich habe vielmehr an den Augenblick gedacht, als wir den tödlich verwundeten Germanus vom Schlachtfeld in den Wald von Gleva trugen, damit du seine Wunde behandeln konntest...«
»Ich erinnere mich gut an diesen Tag«, antwortete ich. »Aber ich konnte nicht viel tun.«
»Du hast genug getan«, sagte Paullinus. »Du hast ihm so viel Zeit gegeben, daß er von einem Priester die Letzte Ölung und die christliche Absolution empfangen und seine letzten Worte sprechen konnte.«
»Die nur du gehört hast. Er hat sie dir ins Ohr geflüstert, ehe er seinen letzten Atemzug tat.«
»Und die ich dir jetzt verraten möchte«, fuhr Paullinus fort. Er griff sich mit einer Hand an die Stirn, als wolle er die Stärke seines Erinnerungsvermögens und die Kräfte seines Geistes dort konzentrieren. Dann sagte er:
Veniet adulescens a man infero cum spatha Pax et prosperitas cum illo, Aquila et draco iterum volabunt Britanniae in terra lata.
»Das scheint mir der Text eines alten Volkslieds zu sein«, sagte ich nach einiger Überlegung. »Ein junger Krieger, der vom Meer her kommt und Frieden und Wohlstand bringt: Das ist ein sehr abgedroschenes Thema. In Zeiten des Hungers, des Krieges und der Entbehrung werden Lieder dieser Art oft populär.«
Aber es war offenkundig, daß sie für Cornelius Paullinus eine andere Bedeutung hatten. Er sagte: »Dies ist nur die scheinbare Bedeutung: Diese Worte, die als letzte aus dem Mund eines sterbenden Helden kamen, müssen einen anderen Sinn haben, einen tieferen und schwerwiegenderen, der für die Rettung dieses Landes und unser aller Heil von großer Bedeutung ist. Der Adler steht für Rom, und der Drache ist unser Symbol, das Feldzeichen der Legion Britanniens. Ich habe das Gefühl, daß sich alles klären wird, wenn du erst einmal in Italien und beim Kaiser angekommen bist. Geh, ich bitte dich, und führe deine Mission zu Ende.«
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