So eindringlich und beseelt waren seine Worte, daß ich akzeptierte, was er von mir verlangte, auch wenn dieser merkwürdige Vers in mir keine besondere Vision hervorgerufen hatte. Vor dem Senat von Carvetia, der unter der Leitung von Kustennin zu einer Vollversammlung zusammengetreten war, schwor ich, daß ich mit einem Heer zurückkehren würde, um unser Land ein für allemal von der barbarischen Gefahr zu befreien. Am nächsten Morgen brach ich auf, und bevor ich mit meinen Reisegefährten zum Hafen hinunterging, warf ich einen letzten Blick auf die Festung des Großen Walles, auf den roten Drachen, der vom höchsten Turm flatterte, auf die aufrechte Gestalt auf der Estrade, die in einen Umhang derselben Farbe gehüllt war. Dann verschwanden Cornelius Paullinus und seine Hoffnungen langsam hinter mir im Dunstschleier des Herbstmorgens.
Wir stachen bei günstigem Wind in See und gingen schon Ende Oktober in Gallien an Fand, aber von da an gestaltete sich unsere Reise so lang und mühselig, wie ich es vorhergesehen hatte. Einer meiner Reisegefährten erkrankte, nachdem er in das eiskalte Wasser eines Flusses gefallen war, und starb; ein zweiter verirrte sich, als wir während der Überquerung der Alpen in einen Schneesturm gerieten. Die beiden letzten fielen einem Hinterhalt zum Opfer, den uns eine Räuberbande in einem Wald gestellt hatte. Ich kam als einziger mit dem Leben davon, doch als ich in Ravenna eintraf, bemühte ich mich vergebens, vom Kaiser empfangen zu werden: Er war ein verweichlichter Einfaltspinsel in der Hand anderer Barbaren. Weder die Bitten noch das Fasten, zu denen mich Paullinus aufgefordert hatte, fruchteten. Am Ende jagten mich die Diener, meiner Anwesenheit überdrüssig, mit Stockhieben aus dem Atrium des Palastes.
Zermürbt vom langen Warten und Hungern ließ ich, von Verzweiflung gepackt, diese Stadt und ihre anmaßenden Menschen weit hinter mir. Ich zog von Dorf zu Dorf, bat die Bauern um Gastfreundschaft und bezahlte ein Stück trockenes Brot oder einen Becher Milch abwechselnd mit meiner Arbeit als Arzt oder Tierarzt, je nachdem, welcher meiner Berufe gerade gefragt war. Aber ohne Zweifel war ich in manchen Fällen eher motiviert, unschuldigen Fasttieren zum Überleben zu verhelfen, als stumpfsinnigen, brutalen Menschen.
Was war doch bloß aus dem edlen römischen Volk geworden! Das Land war von Straßenräuberbanden verseucht, und die Gehöfte bewohnt von armseligen Bauern, die durch unerträgliche Abgaben niedergedrückt wurden. Die Städte an den alten, ruhmreichen Konsularstraßen, die einstmals mächtige, turmbewehrte Festungsgürtel besessen hatten, waren jetzt nur noch Phantome mit verfallenden und halbzerstörten Mauern, aus deren Trümmern die dunklen Ranken des Efeus sprossen. Ausgemergelte Bettler auf den Schwellen der Häuser der Reichen rauften mit den Hunden um die Abfälle und übelriechenden Innereien geschlachteter Tiere. Auf den Hügeln wuchsen weder Wein noch die silberblättrigen Olivenbäume, von denen ich geträumt hatte, seit ich in meiner Kindheit in den Schulen Carve-tias die Gedichte von Horaz und Vergil gelesen hatte, und es gab auch keine weißen Rinder mit halbmondförmigen Hörnern, die die Pflüge zogen, um die Schollen umzudrehen; ebensowenig vervollständigte die feierliche, ausladende Geste des Sämanns dieses Bild. Nur struppige, verwilderte Hirten trieben Schaf- und Ziegenherden auf verdorrte Weiden oder Herden von Schweinen unter die Eichen und balgten sich oft mit den Tieren um die Eicheln, weil sie selbst so hungrig waren.
Worauf hatten wir bloß unsere Hoffnungen gestützt? Die Ordnung wurde - wenn dieser Ausdruck überhaupt angemessen ist - von Barbarentrupps aufrechterhalten, die bereits den größten Teil des kaiserlichen Heeres ausmachten und ihren eigenen Führern ergebener waren als den wenigen römischen Offizieren. Sie schikanierten das Volk viel mehr, als daß sie es beschützten. Das Reich war inzwischen nicht mehr als eine Larve, eine leere Hülle wie sein Kaiser, und diejenigen, die einst die Herren der Welt gewesen waren, ächzten nun unter der Knute ungehobelter und anmaßender Unterdrücker. Wie oft musterte ich diese verrohten Gesichter, diese schmutzigen Stirnen, triefend vom Schweiß der Unterwürfigkeit, während ich in ihnen die edlen Züge eines Cäsars und eines Manus oder den erhabenen Ausdruck von Cato oder Seneca zu entdecken suchte! Dennoch blitzte so plötzlich, wie mitten im Sturm ein Sonnenstrahl durch dichtes Gewölk dringt, und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund, aus diesen Blicken gelegentlich die stolze Kühnheit der Vorfahren auf, und dies veranlaß-te mich zu glauben, daß vielleicht doch nicht alles verloren war.
In sämtlichen Städten und Dörfern hatte die Religion Christi triumphiert, und der gekreuzigte Gott blickte von Altären, aus Stein und Marmor gehauen, auf seine Gläubigen herab. Doch auf dem weiten Lande, verborgen und vom dichten Gehölz geradezu geschützt, erhoben sich noch immer die Tempel der alten Gottheiten der Vorväter. Unbekannte Hände legten vor den zerbrochenen und verstümmelten Bildnissen Opfergaben nieder, und manchmal erklangen im Dickicht der Wälder und von den Gipfeln der Berge Flötentöne und Trommelwirbel, um unbekannte Gläubige herbeizurufen, damit sie die Dryaden aus den Wäldern und die Nymphen aus den Bächen und Seen beschworen. In den abgelegensten Gegenden, in der Tiefe von Höhlen konnte mitten im duftenden Moos unerwartet das raubtierähnliche Bild eines Pan mit dem gespaltenen Huf und dem riesigen erigierten Phallus auftauchen - ein Zeugnis von Orgien, die weder vergessen noch abgeschafft waren.
Die Priester Christi predigten von seiner bevorstehenden Wiederkehr und seinem Jüngsten Gericht und ermahnten die Leute, vom Gedanken an die weltliche Stadt abzulassen, um den Blick und die Hoffnung einzig auf die Stadt Gottes zu richten. So starb Tag für Tag in den Herzen der römischen Menschen die Liebe zum Vaterland, verschwand der Kult der Ahnen und der heiligsten Erinnerungen, die nur noch den theoretischen Studien der Redner dienten.
Jahrelang war ich einzig und allein damit beschäftigt, von einem Tag zum anderen zu überleben, und vergaß den Grund, der mich ursprünglich so weit aus meinem eigenen Land getrieben hatte. Ich war mir vielmehr sicher, daß inzwischen auch dort oben, am Fuße des Großen Walls, alles in Ruinen lag, alles verloren war, die Freunde und Gefährten tot, erloschen die Hoffnung auf Freiheit und Würde und ein normales Leben. Mit welchem Geld und mit welchen Vorräten hätte ich tatsächlich eine Rückkehr versuchen können, wenn alles, was ich verdiente, kaum ausreichte, um meinen nagenden Hunger zu stillen? Ich hatte nur noch einen Wunsch -oder vielleicht war es bloß ein Traum -, nämlich Rom zu sehen! Trotz der grausamen Plünderung, die die Stadt mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor durch die Barbaren Alarichs erlitten hatte, war sie noch immer eine der schönsten Städte der Erde. Sie wurde jetzt zwar eher durch die Ägide des Pontifex geschützt als durch die halbzerstörte Aurelianische Mauer, aber immerhin trat dort noch in der alten Kurie der Senat zusammen, wenn es auch mehr darum ging, eine altehrwürdige Tradition aufrechtzuerhalten, als um wirkliche Entscheidungen, die ohnehin kaum noch in seinen Zuständigkeitsbereich fielen. So brach ich eines Tages in der Aufmachung eines christlichen Priesters auf, der einzigen vielleicht, die den Banditen und Dieben einen gewissen ehrfürchtigen Schrecken einjagte. Und auf dieser Reise über den Apennin geschah es, daß sich mein Los plötzlich so änderte, als habe sich das Schicksal unversehens an mich erinnert, als habe es bemerkt, daß ich noch am Leben war und in diesem trostlosen Landstrich, in diesem Land ohne Hoffnung, noch zu etwas von Nutzen sein könnte.
Es war an einem Abend im Oktober, die Dunkelheit brach gerade an, und ich bereitete einen Unterschlupf für die Nacht vor, indem ich unter einem Felsvorsprung trockene Blätter zu einem Nachtlager aufhäufte. Da kam es mir auf einmal so vor, als hätte ich aus der Tiefe des Waldes einen Klagelaut gehört. Ich dachte an den Schrei eines Nachttieres oder den Ruf der Eule, der so sehr an das Stöhnen eines Menschen erinnert, doch dann wurde mir schnell klar, daß es sich um das Wehklagen einer Frau handelte. Ich stand auf und folgte diesem Laut, indem ich so leicht und unsichtbar zwischen den Schatten des Waldes hindurchschlich, wie ich in meiner Jugend gelernt hatte, mich im heiligen Wald von Gleva zu bewegen. Plötzlich tauchte vor mir, inmitten einer Lichtung, ein Lager auf, das teils von römischen Soldaten, teils von Barbaren bewacht wurde, die aber alle auf römische Art und Weise ausgerüstet und postiert waren. In der Mitte des Lagers brannte ein Feuer, und eines der Zelte war von innen erhellt. Das Jammern kam von dort. Ich trat näher, und niemand hielt mich zurück, weil es mir in diesem Augenblick dank meiner alten Druidenkunst gelang, meinen Körper ganz dünn zu machen, ihn fast in einen der vielen Schatten der Nacht zu verwandeln, und als ich den Mund öffnete, stand ich bereits im Zelt, wo sich alle so verblüfft zu mir wandten, als wäre ich aus dem Nichts aufgetaucht. Mir gegenüber sah ich einen Mann von imposanter Erscheinung, dessen Gesicht von einem dunklen Bart eingerahmt war, welcher ihm das Aussehen eines alten Patriziers verlieh. Seine zusammengepreßten Kiefer und der Ausdruck seiner dunklen und tiefen Augen verrieten, welch große Angst sein Herz bedrückte. Neben ihm saß eine wunderschöne Frau heftig weinend an einem Bett, in dem ein anscheinend lebloses Kind von vielleicht vier oder fünf Jahren lag.
Читать дальше